Am Freitag ereignete sich für viele eine Art „Black Swan“: Etwas, von dem man weiß, dass es rein theoretisch möglich wäre, was man aber für derart unwahrscheinlich hält, dass man das Risiko nicht ernst nimmt. Doch jetzt ist das scheinbar Unwahrscheinliche eben geschehen. Und genau genommen war das Risiko dafür keineswegs gering. Was vermutlich dahinter steckte und was das für die kommenden Tage bedeuten könnte, sehen wir uns hier einmal an.
Wenn Gold an nur einem Tag in der Spitze um 12,7 Prozent und zum Handelsende um 9,1 Prozent wegbricht und man mit Blick auf die anderen Edelmetalle (Silber -26,2, Platin -17,5 und Palladium -16,3 Prozent) konstatieren könnte: „Geht ja noch“, dann ist etwas mal so richtig schiefgegangen.
Ein Crash ausgerechnet im Bereich der Edelmetalle, die doch angeblich eine Art „sicherer Hafen“ sein sollen, das war vermutlich für viele etwas kaum Vorstellbares. Wenn da das Geld nicht sicher ist, wo denn dann? Aber aus heiterem Himmel kam die Sache nicht – im Gegenteil. Was da passiert sein dürfte, wie sich die Lage jetzt darstellt und was gelingen müsste, um Gold, Silber & Co. wieder nach oben zu drehen, gehen wir jetzt einfach mal Schritt für Schritt durch. Erstens: Warum dieser Kurseinbruch?

Was ist vermutlich passiert?
Meiner persönlichen Meinung nach liegt eine Ursache für solche fatalen Situationen darin, dass verblüffend viele Menschen nie antizyklisch denken. Sie folgen mit ihren Ansichten und Handlungen der Herde: Man tut, was die anderen auch tun und wähnt sich dabei sicher, weil ja die Mehrheit nicht falsch liegen kann. Das ist schon im normalen Leben so eine Sache, eine, die dazu führt, dass z.B. zu viele zugleich auf der gleichen Strecke zum gleichen Urlaubsort fahren. Dass Dinge in Mode kommen und wie wild gekauft werden, bei denen man nüchtern betrachtet fragen muss: Wer braucht denn sowas? Aber außerhalb der Börse ist das gemeinhin harmlos. An der Börse jedoch kann es böse enden. Vor allem, weil es hier einen entscheidenden Unterschied gibt:
Man weiß in Wirklichkeit nie, was die Mehrheit denkt. Man weiß nicht einmal, was die Mehrheit tut. Denn das muss sich keineswegs direkt in den Kursen zeigen. Und das dürfte denen, die am Donnerstag und vor allem am Freitag bei den Edelmetallen überrollt wurden, zum Verhängnis geworden sein. Konkret geht es um Folgendes:
Der Kursanstieg war ohnehin schon ungewöhnlich intensiv, hatte aber in den Tagen vor dem Kurseinbruch noch einmal an Dynamik zugelegt, wie der untenstehende Chart des Goldpreises zeigt. Das Problem mit immer nur zyklisch denkenden Akteuren ist, dass sie diese ein aus dem Ruder laufendes Aufwärts-Momentum nicht als Gefahr, sondern als Bestätigung ansehen, mit noch mehr Kapital und noch riskanter zu agieren. Was den Eindruck erweckt, dass alle gerade Long sind, dabei könnten es auch nur relativ wenige sein, die mit extrem viel Geld auf Hausse setzen. Man kann das im Chartbild nicht unterscheiden. Und das Problem bei Derivaten wiederum ist, dass zum Beispiel Futures das auch möglich machen, indem es dort wie folgt läuft:

Hier gibt es die Möglichkeit, Positionen immer weiter zu vergrößern, ohne neues Geld zuzuführen. Und das liegt an der Struktur der Sicherheitsleistungen, die die Trader bei diesen Derivaten beim Broker zu hinterlegen haben, damit dieser für den Fall einer massiven Schieflage nicht auf einmal auf Verlusten sitzenbleibt, weil der Trader nichts mehr hat. Diese „Margin“ genannten Sicherheitsleistungen sind Teil der Liquiditätsberechnung für ein Trader-Depot. Dazu mal ein grobes, grundsätzliches Beispiel:
Hat ein Trader eine Position in Form eines Futures Long-Kontrakts in irgendeinem Asset, die eine Margin von 4.000 Euro erfordert und insgesamt 10.000 Euro auf dem Broker-Konto, sind diese 4.000 Euro Margin als Sicherheitsleistung blockiert, mit den anderen 6.000 kann er tun, was ihm beliebt … zum Beispiel einen weiteren Futures-Kontrakt kaufen, wodurch dann die Margin auf 8.000 Euro steigt. Es bleiben 2.000 Euro. Sollte diese jetzt doppelt so große Position aber in die falsche Richtung laufen, sinkt auch der Kapitalwert des Depots. Und sobald 2.000 Euro Verlust aufgelaufen sind und der dann auch nur einen Euro größer wird, wäre die Margin-Anforderung nicht mehr erfüllt. Der Trader hätte dann zwei Optionen:
Entweder, er schießt sofort frisches Geld nach, damit der Kapitalstand wieder über die 8.000 Euro Margin steigt. Oder er verkleinert die Position, z.B. indem er einen Kontrakt verkauft, wodurch er wieder genug freies Kapital hat. Tut er das nicht, stellt der Broker die Position sofort glatt. Aber:
Er musste aktiv werden, weil ein Verlust aufgelaufen war und war gezwungen, im Minus zu verkaufen, weil seine Barreserve zu klein war, um größere Verluste bis zum Margin-Level aushalten zu können. Da muss man also immer genau überlegen, wie viel Reserve man behält. Und genau da kommen wir zu der Hausse der Edelmetalle und den zyklischen Tradern zurück:
Wenn „Pyramidisieren“ zur Falle wird
Da, wer zyklisch denkt und gerade schnelles Geld macht, dazu neigt zu glauben, dass da nichts schiefgehen kann und die Jubel-Hause einfach immer weitergeht, neigen viele dann dazu, ihre Barreserve zu klein zu halten. Das alleine ist gefährlich, aber jetzt kommt’s:
Wenn Gewinne erzielt werden, werden diese auch sofort dem Depotkapital zugerechnet, obwohl es ja nur Buchgewinne sind. Wirklich sicher ist ein Gewinn ja erst, wenn er in bar auf dem Konto liegt und nicht, wenn die Position noch läuft. Und diese Systematik, Verluste und Gewinne direkt auf das verfügbare Kapital zu rechnen, birgt für unbesonnene Trader eine fatale Falle.
Denn sie haben so die Möglichkeit, bei aufgelaufenen Buchgewinnen in den bereits vorhandenen Positionen mit diesem Buchgewinn weitere Positionen zu kaufen! Während kluge Trader also bei tief im Gewinn liegenden Positionen einfach Kurs halten und sich so ihr Risikopuffer immer weiter vergrößert, weil die Relation Buchgewinn zu Margin größer wird, kaufen unvorsichtige Trader (bei denen man das Wort Zocker fast nicht vermeiden kann) immer mehr dazu, weil sie sich sagen: Jeder Cent, den ich aktiv in Positionen stecke, vergrößert meinen Gewinn. Man türmt also immer noch ein Steinchen mehr auf, baut eine Pyramide. Aber das wird, jeder erfahrene Anleger erkennt das sofort, zur Katastrophe, wenn …
… die Sache in die falsche Richtung läuft. Denn wer so agiert, hätte bei den Edelmetallen vielleicht mit ein, zwei Futures-Kontrakten angefangen, dann aber irgendwann zehn oder mehr gehabt. Und immer schön mit minimaler Barreserve, denn jeder Euro, der nicht „arbeitet“, ist ja (scheinbar) unnütz. Es sei denn, die Kurse fallen und man bräuchte Spielraum, um die Verluste auszuhalten, bevor der Broker einen freundlich darauf hinweist, dass die Margin-Grenze unterschritten ist und man doch bitte umgehend ein paar Tausend oder, wenn man es so gar nicht lassen konnte, Zigtausend Euro nachschießen möge … die man, natürlich, nicht hat. Und dann geht die Fahrt in der Achterbahn eben rückwärts.
Von der Pyramide zur Lawine
Und das Tempo der Kurse ist in solchen Situationen eine ganz andere Hausnummer als bei der Aufwärtsbewegung zuvor. Denn kaum müssen die ersten, die zu wenig Barreserve für einen größeren Rücksetzer hatten, ihre Positionen verkleinern, ganz verkaufen oder werden durch den Broker „zwangsverkauft“, gibt es Druck auf den Kurs. Das sehen nicht nur potenzielle Käufer, die dann sofort wegbleiben. Das drückt auch die nächsten Zocker mit zu kleinem Risikopuffer in die Margin-Klemme. Die nächsten verkaufen, der Kurs fällt dadurch weiter und die Sache wird zur Lawine, ganz so, wie es der folgende Intraday-Chart von Silber zeigt, der den Donnerstag und Freitag bei Silber auf 15-Minuten-Basis abbildet.

Ich hatte ja noch am Freitagmorgen im Börsenblick auf diesen höchst verdächtigen „Long Legged Doji“ hingewiesen, der sich bei Gold am Donnerstag etabliert hatte, aber auch bei den anderen Edelmetallen aufgetaucht war. Da gelang es zwar, die Verluste, die durch Gewinnmitnahmen bei zu geringer Nachfrage und vermutlich auch die ersten Margin-Klemme-Verkäufe entstanden waren, einigermaßen wieder aufzuholen. Aber eben dieser Doji dürfte für die gescheiteren unter den Tradern das Signal gewesen sein, ihre Gewinne in Sicherheit zu bringen, indem sie Positionen schließen. Und das reichte, um für diejenigen, die im Irrglauben, Gold, Silber, Platin und Palladium seien eine Einbahnstraße ohne Risiko, Pyramiden gebaut haben, in die Lawine zu reißen.
Nüchtern betrachtet ein klarer Fall von „selbst schuld“. Aber führt diese Eisdusche für diejenigen, die die Kontrolle über ihr Kapitalmanagement verloren haben, auch dazu, dass die Hausse der Edelmetalle vorbei ist?
Wie ist die Lage jetzt?
Noch ist das zumindest, Stand am Wochenende, nicht der Fall. Denn weil die Kurse der vier Edelmetalle derart rasant nach oben davongezogen sind, reichte selbst dieser Crash vom Freitag noch nicht aus, um die für die Aufwärtsbewegung entscheidenden, gleitenden Durchschnitte zu durchschlagen.
Im Gegenteil, wenn wir uns oben den Goldpreis auf Tagesbasis und nachstehend Silber im gleichen Zeitraster ansehen, so haben beide Edelmetalle die Zone der wichtigsten, gleitenden Durchschnittslinien erst einmal gehalten. Es ist sogar zu erkennen, dass die Kurse sich in diesem Unterstützungsbereich von ihren Tagestiefs lösen konnten. Aber ist das bereits ein Beleg dafür, dass dieser Kurseinbruch in den kommenden Tagen und Wochen keine Nachfolger haben wird?

Nein, das sicher nicht. Denn clevere Trader dürften in dieser Situation ihre Position rasant, aber mit kurzfristigem Zeithorizont gedreht haben, indem sie, als denkbares Beispiel, fünf Long-Kontrakte im Silber-Future nicht mit fünf Short-Kontrakten neutralisiert haben, sondern gleich mit zehn Kontrakten Short gingen, um so eine Netto-Short-Position zu haben. Da läge es dann nahe, Richtung Handelsende umgehend die Gewinne einzustreichen, indem man, um beim Beispiel zu bleiben, die fünf Short-Kontrakte „eindeckt“, indem man sie mit fünf Long-Kontrakten neutral stellt. Und das würde die Kurse, wie geschehen, zum Handelsende wieder etwas nach oben ziehen.
Das hat also noch nichts zu sagen, es bräuchte ein paar Tage eines ruhigeren, tendenziell aufwärts weisenden Handels, bei dem die bisherigen Verlaufstiefs und die unteren Bereiche der gleitenden Durchschnitt-Supports nicht brechen. Das kann gelingen. Aber es muss nicht, denn:
Welche Folgen könnte dieser Crash haben?
Die Frage ist, ob dieser Crash dazu führt, dass normale Anleger wegbleiben und/oder bestehende Bestände verkaufen und die Hausse insgesamt dadurch endet. Denn wer sich nicht intensiv mit den Börsen beschäftigt und sich einfach mal vor Wochen, Monaten oder vielleicht sogar vor Jahren bei den Edelmetallen engagiert hat, mag sich über diese Super-Hausse gefreut, aber die damit einhergehenden Warnsignale nicht erkannt haben. Und dann hinterlässt so ein Crash einen tiefgehenden Eindruck.
Wenn diese Klientel anfängt, ihr Geld aus den vielen Edelmetall-ETFs abzuziehen, weil ihnen der Boden zu heiß wird, mag das Umfeld weiterhin für Edelmetalle sprechen, aber wenn bei den Anlegern der Eindruck entsteht, dass aus einem angeblich „sicheren Hafen“ ein brandheißes Eisen geworden ist, könnten sich die Käufer auch für eine längere Zeit rarmachen. Es kommt ganz auf diese kommenden ein, zwei Wochen an. Wenn die Kurse zeitnah wieder steigen und nicht sofort wieder kippen, hat die Edelmetall-Hausse eine zweite Chance. Wenn nicht, könnte dieser Crash durchaus nur der erste Akt des Dramas gewesen sein.
Ich wünsche Ihnen eine erfolgreiche Börsenwoche!
Ihr
Ronald Gehrt
Der Inhalt dieses Artikels wurde erstellt am 31.01.2026 um 16:45 Uhr. Wir beabsichtigen, diesen Artikel mindestens alle zu aktualisieren.
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