Dow Jones: Das ist die eigentliche Achillesferse der Bullen

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Dow Jones
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Zur Dow Jones

Was drei- oder viermal funktioniert, wird auch weiter funktionieren, sagen sich diejenigen, die in fallende Kurse hineingreifen und dabei ignorieren, dass die Zahl der Risikofaktoren immer weiter zunimmt. Aber die sind auch nicht die eigentliche Gefahr für die Bullen.

Mit dem Immobilienunternehmen Fantasia hat zu Wochenbeginn ein weiterer chinesischer Immobilienkonzern eine Zinszahlung nicht geleistet. Es scheint, als würde ein Domino-Effekt entstehen, wie man ihn 20078/2008 auch am US-Immobilienmarkt erlebt hatte. Aber wer am Dienstag kräftig auf der Long-Seite zulangte, geht davon aus, dass die beruhigenden Aussagen zahlreicher Analysten zutreffen, dass all das ein isoliertes Problem Chinas bleiben werde … und ignoriert die warnenden Stimmen, dass es sehr wohl auf die gesamte Weltwirtschaft wirken werde, wenn dieses Kartenhaus aus gewaltigen Schulden im chinesischen Immobiliensektor zusammenbrechen sollte.

Ebenso muss man als jetzt aktiv werdender Käufer ignorieren, dass man in Sachen Inflation derzeit nur die Perspektive hat, zwischen Pest und Cholera zu wählen. Entweder es gelingt der US-Notenbank, die Inflation zu bremsen, was dann aber den für den Aktienmarkt so wichtigen Fluss ultrabilligen Geldes austrockenen würde. Oder man tut nichts und riskiert, dass die Teuerung aus dem Ruder läuft und über eine markant sinkende Kaufkraft massiv die Unternehmensgewinne drückt, deren stetiger Anstieg das Rückgrat der Aktien-Hausse ist.

Man müsste darüber hinaus überzeugt sein, dass der „Flaschenhals“, der sich derzeit selbst intensiviert, indem die Lieferprobleme und die explodierenden Energiekosten immer mehr Branchen erfassen, von alleine verschwindet und all das, was heute nicht produziert und/oder geliefert werden kann, einfach später konsumiert wird.

Aber auch, wenn man schon ein sehr sonniges Gemüt haben müsste, zu glauben, dass sich all das schon von alleine wieder einrenkt (ohne zugleich sagen zu können, wie das wohl funktionieren soll), könnte dieser Versuch, den Dow Jones aus der charttechnischen Gefahrenzone zu ziehen, funktionieren. Denn wie lange werden seit der abrupten Aufwärtswende schon Risiken ignoriert, ohne dass der Trend gekippt wäre? Die Gefahr einer Abwärtswende einfach „wegzukaufen“, klappte seither mehrfach – warum also nicht erneut? Wenn sich das nur genug Akteure sagen, wird es auch gelingen … es sei denn, ihnen gehen die Barreserven aus. Denn da findet sich derzeit die eigentliche Achillesferse.

The current price and chart of the Dow Jones as well as price information and all stocks in the index can be found here.

Expertenmeinung: Wenn wir uns den Chart des Dow Jones auf Tagesbasis einmal genauer anschauen, erkennen wir, wo das Problem liegt. Es mag sein, dass die Situation jetzt, zu Beginn des neuen Quartals, dadurch günstiger ist, weil viele passive Sparer frisches Geld an Fonds, ETFs oder Hedgefonds überwiesen haben. Aber normalerweise sind die Barreserven bei Fonds und Hedgefonds sehr niedrig, bei ETFs naturgemäß nahezu null. Das Geld, um Verkäufe aufzufangen und einen Index mit einer gigantischen Marktkapitalisierung wie den Dow Jones von charttechnischen Schlüsselzonen fernzuhalten, muss man erst einmal mobilisieren. Was umso kniffliger wird, je öfter man neu ansetzen muss, weil erste Versuche erfolglos blieben. Und genau das ist zuletzt der Fall gewesen.

Als das US-Index-Flaggschiff am 20. September schnell auf die mittelfristig entscheidende, durch die wichtige 200-Tage-Linie verstärkte Unterstützungszone 33.270/33.475 Punkte zu rutschte, gelang es noch relativ schnell, die Kurve nach oben zu kriegen. Ein erster Versuch, den Dow Jones gleich am Folgetag wieder nach oben zu ziehen, scheiterte zwar. Aber am zweiten Tag hatte man Erfolg. Das war für große Adressen mit ihren Barreserven wohl problemlos zu schaffen, zumal man ja vorhatte, diese aufzufüllen, wenn die Rallye den Index an und über die letzten Hochs führen würde. Aber ab da begann die Sache unrund zu laufen.

Der Dow Jones stieg nur vier Tage lang und blieb weit unter den alten Hochs hängen. Und er blieb nicht im charttechnischen Nirgendwo hängen, sondern an Widerständen in Form der 20-Tage-Linie und der zuvor gebrochenen, mittelfristigen Aufwärtstrendzone. Ob da alle, die eigentlich „oben“ mit gutem Gewinn ihre Barreserven wieder auffüllen wollten, rechtzeitig herausgekommen sind, bevor es dann schnell wieder abwärts ging, ist fraglich. Und aktuell wird die Sache noch teurer, denn:

Dow Jones: Tages-Chart vom 05.10.2021, Kurs 34.314,67, Kürzel INDU | Online Broker LYNX

Nachdem der Versuch, den Dow Jones am vergangenen Freitag erneut von dieser so entscheidenden Zone 33.270/33.475 Punkte weg zu bekommen, am Montag umgehend auf erneute Verkäufe traf, mussten die Bullen am Dienstag gleich noch einmal ordentlich Geld in die Hand nehmen. Denn der Index sollte ja nicht nur erneut stabilisiert werden, sondern es musste gelingen, ihn nach oben in Marsch zu setzen, damit die Verkäufe nicht gleich von vorne losgehen. Und das, ohne Gelegenheit gehabt zu haben, die Barreserven nennenswert wieder aufzufüllen. Möglich, dass genug „fresh money“ der passiven Anleger geflossen ist, um das zu ermöglichen. Aber wie viel Reserve da noch ist, weiß niemand sicher.

Angenommen, es gelingt, den Dow Jones jetzt effektiv nach oben zu drehen, indem er an den Zwischenhochs der Vorwoche vorbeikommt (35.061 Punkte) und damit über dieser so wichtigen Auffangzone ein Doppeltief vollendet, wäre es nicht ausgeschlossen, dass man eine weitere Runde „blinder Bulle“ spielt und all die Damoklesschwerter, die über dem Markt hängen, erneut vom Tisch wischt. Solange es dann nicht zu neuen „bad news“ größerer Tragweite käme, wäre dann kurzfristig nach oben nichts unmöglich.

Aber es könnte womöglich schon reichen, wenn Kaufwelle Nummer zwei, die am Dienstag losgetreten wurde, erneut zu früh durch massive Verkäufe ausgebremst wird, um diejenigen, die gestern so beherzt zugegriffen haben, den Wind aus den Segeln zu nehmen. Wenn die Cash-Reserven jetzt zu knapp sind und die Käufer vom Freitag und Dienstag fürchten müssen, dass ihr massiver Kapitaleinsatz vergeblich ist, werden sie die ersten sein, die blitzschnell die Reißleine ziehen und alleine dadurch passieren könnte, was sie selbst aktiv zu verhindern versuchten: Der Bruch der Zwischentiefs der letzten sechs Monate nebst 200-Tage-Linie. Und sollte das tatsächlich passieren, könnte es äußerst schnell ungemütlich werden.

Dow Jones: Wochen-Chart vom 05.10.2021, Kurs 34.314,67, Kürzel INDU | Online Broker LYNX
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Unverändert redet die US-Notenbank, handelt aber nicht. Zwar avisierte „Fed“-Chef Powell, dass die Anleihekäufe bereits ab dem 3. November reduziert werden könnten. Aber es scheint, dass die kurzfristigen Trader selbst diese kurze Zeit noch nutzen wollen. Ein gefährliches Spiel.

Bereits im Vorfeld der „Fed“-Entscheidung kamen die Käufer zurück. Nachdem der US-Aktienmarkt eine Erholungsbewegung am Dienstag nicht halten konnte, wollten die Bullen diesmal den Rückenwind der US-Notenbank nutzen, um den Dow Jones aus der charttechnischen Gefahrenzone zu bekommen. Und obwohl sie richtig gewettet hatten, da die „Fed“ schon wieder zögerte, auch nur die Anleihekäufe zu reduzieren, ist diese Kaufwelle mit sehr heißer Nadel gestrickt.

Denn auch, wenn niemand wirklich sagen könnte, wie groß die Auswirkungen eines ersten Schritts der Notenbank sein würden, scheint es doch, als könnte auch nur ein bisschen mehr Luft für den US-Anleihemarkt zum Problem werden, weil dieser dann überhaupt mal wieder eine Rolle spielen könnte. Denn mit den inklusive der 40 Milliarden am Hypothekenmarkt monatlich 120 Milliarden US-Dollar, mit denen die „Fed“ den Bondmarkt förmlich leerkauft, ist ein derartiges Ungleichgewicht entstanden, dass die US-Banken erst am Dienstag für 1,24 Billionen (!) US-Dollar Geld bei der „Fed“ über Reverse Repo-Facilities geparkt haben.

Zugleich präsentierte die Notenbank sämtliche Voraussetzungen für erste Maßnahmen. So wurde die 2021er-Inflationsprognose der Realität angepasst und liegt bei 4,2 Prozent, im Juni hatte man da noch 3,4 Prozent gesehen. Um nicht von Kritikern direkt an die Wand genagelt zu werden, blieb man dabei, die 2022er-Prognose dort hinzulegen, wo man keinen zwingenden Grund hätte, die Leitzinsen auch nur einen Tick anzuheben: bei 2,2 Prozent. Doch die erfahrenen Trader wissen ebenso wie die Volkswirte und Analysten: Niemand kann die Inflation korrekt prognostizieren (wie es sich ja gerade zeigt), auch die US-Notenbank nicht. Die Versuche, die Lage schönzureden, dürfte kaum jemand glauben.

Hinzu kam, dass Fed-Chef Powell in seiner Pressekonferenz betonte, dass es keines superstarken Arbeitsmarkts als Voraussetzung für erste Schritte bedürfe. Die „Fed“ ist also bereit … und trotzdem blieb der Dow Jones deutlich im Plus. Doch das Eis ist dünn, wenn man sich den Verlauf des gestrigen Handelstages ansieht, den wir hier in einem Intraday-Chart über zwei Tage auf 5-Minuten-Basis zeigen:

Dow Jones: Intraday-Chart vom 22.09.2021, Kurs 34.258,32 Punkte, Kürzel INDU | Online Broker LYNX

Expertenmeinung: Als die Trader sahen, dass ihre Wette auf eine erneut untätige „Fed“ aufging, schoss der Dow Jones zwar erst einmal noch höher, doch dieser Anstieg wurde im Zuge von Powell Pressekonferenz abverkauft. Gegen deren Ende kam der nächste Rallye-Versuch … und auch der wurde zum Handelsende hin abverkauft. Nachdem die Bullen, wie der Intraday-Chart zeigt, am Dienstag klar scheiterten, blieb ihnen zwar trotzdem ein sattes Plus. Aber seit der Bekanntgabe der Entscheidung um 20 Uhr unserer Zeit konnte kein weiterer Boden gutgemacht werden.

Es wird deutlich, dass denen, die jetzt glauben, noch sechs Wochen Zeit zu haben, um nochmal so richtig auf Hausse zu traden, nicht wenige gegenüberstehen, die diese Versuche nutzen, um ihre eigenen Positionen zu reduzieren. Sollte es heute zu einer dritten Rallye kommen, z.B., weil in China in Sachen Evergrande keine neuen „bad news“ kommen, könnten die Verkäufer zwar trotzdem überrannt werden. Aber sich mit Blick auf diesen Intraday-Chart darauf zu verlassen, dürfte keine gute Idee sein. Zumal die Zone, deren Bruch die Bären in Marsch setzen würde, alles andere als weit entfernt ist … auch nach dem Plus des Mittwochs nicht.

Diese Zone sehen Sie im Chart auf Tagesbasis. Es ist der Bereich, der durch die Zwischentiefs vom Mai und Juni sowie durch die knapp darunter verlaufende 200-Tage-Linie definiert wird. Nachdem der Dow durch die Aufwärtstrendzone, die Ende Januar etabliert wurde, bereits deutlich durchgerutscht ist, müsste er sich zügig wieder über diesen doppelten Aufwärtstrend, zumindest aber über die in dessen Bereich verlaufende 50-Tage-Linie bei derzeit 35.000 Punkten retten, um wieder bullisch zu werden. Und allzu viel weiter wäre der Weg für die Short-Seller nicht, um einen Coup zu landen:

Dow Jones: Tages-Chart vom 22.09.2021, Kurs 34.258,32 Punkte, Kürzel INDU | Online Broker LYNX

Die 200-Tage-Linie verläuft aktuell um 33.230 Punkte … eine Linie, die schnell erreicht sein könnte, sollte der Dow Jones heute erneut wackeln. Denn diejenigen, die derzeit überlegen, ob es nicht langsam opportun wäre, den Markt auf der Short-Seite „anzuschubsen“, konnten mit diesem hektischen Hin und Her nach der Notenbank-Entscheidung gut erkennen, wie gefährlich das Spiel der kurzfristigen, bullischen Trader ist. Und wer hoch pokert, ohne starke Karten in der Hand zu halten, ist leicht in Panik zu versetzen.

Die Chancen stehen gut, dass sich der Dow Jones nach oben absetzen und die bislang noch umkämpfte runde Marke von 35.000 Punkten deutlicher bezwingen kann. Allerdings läuft die Uhr gegen die Bullen … und es gibt einige Faktoren, die vorsichtig stimmen sollten.

Betrachtet man die Sache ausschließlich durch ein bullisches Auge, passt alles. Der Dow Jones notiert im Bereich seines Rekordlevels und hat gerade erst einen scharfen Rücksetzer komplett wieder aufgeholt. Dass das US-Index-Flaggschiff im Bereich vorheriger Rekordhochs ein wenig „tändelt“, ist normal. Dabei werden die Verkaufsorders derjenigen abgearbeitet, die dem Braten nicht trauen und zu Bestkursen ihre Gewinne mitnehmen wollen. Solange die Verkaufsorders nicht auf einmal deutlich größer werden und damit von der bullischen Seite nicht mehr aufgenommen werden können, stünden einem klaren Ausbruch über diese 35.000er-Marke bzw. den bisherigen Verlaufsrekord von 35.150 Punkten nichts im Wege.

Genauso könnte es in der Tat laufen. Aber sich dessen gar zu sicher zu sein, wäre riskant. Denn es gibt einige Aspekte, die einem perfekt bullischen Bild zuwiderlaufen. Und die sind alles andere als unwesentlich.

Expertenmeinung: Denn genau in den Momenten, in denen große bullische Adressen den Index normalerweise „anschieben“ würden, passiert nichts. Im Zuge der Terminbörsen-Abrechnung am 16. Juli kam am Abrechnungstag Druck auf, der sich am darauffolgenden Montag noch deutlich intensivierte, Dass dieser Abverkauf nur kurz währte und in der zu Jahresbeginn etablierten Aufwärtstrend-Zone abgefangen wurde (im Chart die hellgrüne Zone), ist zwar grundsätzlich positiv. Dass es überhaupt zu diesen Abgaben kam, ist es nicht. Denn es waren genau die Faktoren, die normalerweise negativ wirken würden, derzeit von vielen Marktteilnehmern aber ignoriert werden, die als Verkaufsargumente genannt wurden:

Das zusehends eisiger werdende Verhältnis zu China, die nicht bekämpfte Inflation, die ausufernde Verschuldung und der Eindruck, dass die Geldflut der US-Notenbank am Ziel vorbeifließt, was sich am immensen Anstieg der Overnight Repos erkennen lässt. Nun war der Dow zwar umgehend wieder „oben“, aber bislang sieht man dadurch ja nur, dass die Defensive funktioniert. Die Offensive tut sich hingegen schwer. Immerhin ist das mittlerweile der zweite Anlauf, das Mai-Hoch zu überwinden. Und dieser Versuch läuft mittlerweile seit vier Tagen. Wird der Dow Jones da wirklich nur von „normalen“ Verkaufsorders aufgehalten?

Dow Jones: Chart vom 28.07.2021, Kurs 34.930,93 Punkte, Kürzel INDU | Online Broker LYNX

Möglich ist es, sicher ist es nicht. Denn in den vergangenen Tagen wäre der ideale Moment für die Bullen gewesen, den Sack zuzumachen. Die Quartalsbilanzen fielen großenteils gut aus (auch, wenn man da besser nicht die Analystenschätzungen als Maßstab nehmen sollte, dazu kommt am kommenden Montag ein Beitrag von mir im LYNX Wochenausblick). Und die US-Notenbank unternahm gestern Abend erneut nicht das Geringste, um die Inflation einzudämmen, so dass man erst einmal nicht mit einer verschärften Geldpolitik rechnen muss. Dass diese Matchbälle nicht genutzt wurden, ist auffällig. Und das sehen nicht nur diejenigen, die auf den Ausbruch warten. Das sehen auch diejenigen, die sich fragen, ob man nicht doch besser langsam Gewinne mitnehmen sollte. So gesehen läuft die Uhr jetzt gegen die Bullen. Die sollten diesen Ausbruch nach oben spätestens am Freitagabend geschafft haben, sonst könnten ihnen die Käufer von der Fahne gehen!

Am Donnerstag sah es so aus, als würde die vergangene Handelswoche für die Bullen zur Pleite. Doch am Freitag stieg der Dow Jones massiv an. Statt einer Verlustwoche steht jetzt ein Schluss auf wochenhoch zu Buche. Das wirkt äußerst bullisch. Aber ist es das wirklich?

Wem es ideal in die Karten spielt, dass die Kurse steigen und Rücksetzer sofort aufgeholt werden, wird eher nicht auf den Gedanken kommen, dass dieses Kursverhalten der vergangenen Wochen einen genauen Blick verdient. Denn man bekommt ja, was man sich wünscht: einen Aufwärtstrend, der vor wem auch immer sorgsam aufrechterhalten wird. Seit April ist das beim Dow Jones zwar eher eine Seitwärtsbewegung. Aber eine mit der Chance, jederzeit nach oben auszubrechen. Dass der Dow am Freitag aus einer zunächst sehr wackligen Woche doch noch mit einem Plus herausging, bestätigt diese Erwartung. Und ja, er könnte in der Tat nach oben ausbrechen. Die Frage ist aber, ob das dann nachhaltig wäre.

Dow Jones: Wochen-Chart vom 09.07.2021, Kurs 34.870,16 Punkte, Kürzel INDU | Online Broker LYNX

Sicher ist das deshalb nicht zu beantworten, weil die Motivation der Käufe des Freitags ebenso wie die des Mittwochs, als schon einmal ein schwacher Tag aufgekauft wurde, nicht definitiv feststellbar ist. Es könnte zwar sein, dass Investoren den kleinsten Rücksetzer bereits als ideale Einstiegschance sehen. Aber das wäre, nachdem man den Index zwei Wochen zuvor noch 1.000 Punkte billiger bekommen konnte, nicht unbedingt logisch. Dass seitens der Sparer zu Monatsbeginn frisch in Richtung Fonds und ETFs zugeflossenes Kapital so lange zurückgehalten wurde, auch nicht. Und weder am Mittwoch noch am Freitag gab es Nachrichten, die eine solche Aufwärtswende in gerade abrutschende Kurse hinein hätten auslösen müssen.

Der Gedanke, dass bullische, große Adressen die Gefahr einer Korrektur gezielt „weggekauft“ haben, ist daher zumindest zulässig. Das ist zwar nicht beweisbar, aber ungewöhnlich wäre es nicht. Und diese Möglichkeit hätte deswegen etwas für sich, weil damit zwei Effekte erzielt werden:

Zum einen bleiben kurzfristig bärische Signale aus, die Anschlussverkäufe auslösen könnten. Im Juni gelang es sogar, den knappen Ausbruch aus der Handelsspanne nach unten sofort am Folgetag zur Bärenfalle zu machen. Jetzt wirkt es, als würde man bereits Ansätze zur Wiederholung eines solchen Rücksetzers an das untere Ende der Range aktiv angehen. Solange die großen Adressen nicht auf eine Korrektur eingestellt sind, weil sie zu große Long-Expositionen aufweisen, die der Markt von der Nachfrage her nicht aufnehmen könnte, so man sie denn loswerden wollte, ist das schnelle Aufkaufen schwacher Tage das übliche Gegenmittel.

Zum anderen werden unerfahrene Anleger dadurch sukzessiv „konditioniert“, indem der Eindruck entsteht, dass man bei schwachen Tagen nicht reagieren muss, weil der Dow Jones sowieso sofort wieder zulegt. Es wirkt zudem, als wären enge Stoppkurse ein Fehler, weil man ein ums andere Mal unglücklich ausgestoppt würde und dann teurer zurückkaufen muss. Und es wirkt, als wolle der Markt nach oben hinaus, so dass es klug wäre, bereits vor dem Überwinden eines Widerstands zu kaufen. Kurz: Dieses Kursverhalten verleitet wenig erfahrene Akteure dazu, gegen alle Regeln des Investierens zu verstoßen.

Dow Jones: Tages-Chart vom 09.07.2021, Kurs 34.870,16 Punkte, Kürzel INDU | Online Broker LYNX

Wenn man sich indes ansieht, dass neue Hochs leicht in die Falle führen können, so z.B. im Februar und im Mai, wo Ausbrüche nach oben, kaum dass sie vollzogen waren, wieder komplett eliminiert wurden, sollte man hinter dieses Signal, welches die Rallye des Freitags sendet, ein Fragezeichen setzen. Ohne neue Argumente und pünktlich zum Wochenschluss entstanden, ist dadurch auf Wochenbasis ein sogenannter „Hanging Man“ im Candlestick-Chart entstanden: Ein Doji mit langem, unteren Docht. Was nach einer Abwärtsbewegung als „Hammer“ oder „Dragonfly Doji“ bezeichnet wird und bullisch ist, ist am Ende einer Aufwärtsbewegung ein Warnsignal, weil es die Angst der Bullen vor einer Korrektur ausdrückt. Man sagt, dass, wer auf einen „Hanging Man“ hin kauft, sich auch gleich aufhängen kann. Ein ziemlich spröder Spruch, zumal keineswegs alle „Hanging Men“ zu einer bösen Überraschung führen, beim Nasdaq 100 haben wir davon in den letzten Monaten einige gesehen, ohne dass der Trend deswegen gebrochen wäre. Aber: Sich nicht zu sicher zu sein, dass der Weg des Dow Jones immer nur nach oben führt, ist angebracht. Sollte er aus der Handelsspanne nach oben ausbrechen (Schlusskurse über 35.092 Punkte) und schnell wieder in diese Range zurückfallen, wäre äußerste Vorsicht angebracht!

Der Versuch, den Dow Jones zu stabilisieren und die US-Notenbankentscheidung dadurch wie einen Non-Event aussehen zu lassen, ging schief. Dass der Index ausgerechnet vor einem Terminbörsen-Abrechnungstermin wegsackte, ist dabei besonders kritisch.

Wenn man schon versucht so zu tun, als wäre nichts angebrannt und die verdeckte Ankündigung von Inflations-Bekämpfungsmaßnahmen durch die „Fed“ unproblematisch (siehe dazu auch die heutige Analyse der Euro/US-Dollar-Relation), muss es auch gelingen, den Index am „dreifachen Hexensabbat“ stabil zu halten. Denn auf diese Abrechnung von Optionen und Futures mit Juni-Laufzeit war der Versuch großer Akteure am Markt, die US-Aktienindizes stabil zu halten, ja ausgerichtet.

Im Vorfeld war klar zu erkennen, dass das Ziel, wie in Aufwärtstrends am Gesamtmarkt üblich, lautete, den Dow Jones ebenso wie die anderen großen US-Indizes auf maximal hohem Kursniveau in die Abrechnung zu bringen. Ein deutliches Abrutschen der Kurse als Reaktion auf die US-Notenbank so knapp vor einem solchen Termin hätte dazu führen können, dass große Adressen sich gegen ein unerwartetes Verlustrisiko bei den zur Abrechnung anstehenden Derivaten absichern (hedgen), dadurch den Abgabedruck noch erhöhen und eine Verkaufslawine entsteht.

Am Donnerstagabend sah es noch so aus, als würde der Plan einigermaßen aufgehen. Aber am Freitag sackte der Dow Jones-Future bereits vor Handelsbeginn deutlich durch. Der Handel startete mit einem „Gap Down“ … und von bullischer Gegenwehr war den gesamten Handel über nichts zu sehen. Wer jetzt noch im bullischen Lager sitzt, dürfte dadurch langsam nervös werden, denn:

Expertenmeinung: Dieses kräftige Minus an einem Abrechnungstermin der Terminbörse macht deutlich, dass der Druck bereits so stark ist, dass selbst die großen Akteure am Terminmarkt mit ihrer immensen Kapitalkraft nicht imstande sind, den Markt zu halten. Wer dann? Und vor allem: Aus welchem Grund? Das Zugpferd „Hexensabbat“ ist ab heute ausgeschirrt. Und dass die US-Notenbank handeln wird, damit aber womöglich so lange zaudert, dass so starke Leitzinserhöhungen nötig werden, dass das Wachstum dann eben doch abgewürgt wird und womöglich die Schuldenblase platzt, ist keine Perspektive, beim Dow Jones beherzt auf der Long-Seite zuzulangen. Zumal das US-Index-Flaggschiff ja noch keineswegs weit von seinem Rekordhoch entfernt notiert. Hinzu kommt die Charttechnik:

Bereits am Tag der US-Notenbankentscheidung brach der doppelte Leitstrahl der Ende Oktober begonnenen Aufwärtsbewegung in Form der Oktober-Aufwärtstrendlinie und der 50-Tage-Linie. Das war schon mal problematisch. Der Versuch, den Markt am Donnerstag zu stabilisieren, gelang zwar bei der Nasdaq gut, nicht aber beim Dow Jones, wie man im Chartbild sehen kann. Und im Zuge des Abrechnungstermins fiel dann auch noch die Nackenlinie eines bis dahin nur potenziellen, jetzt aber vollendeten Doppeltopps bei 33.473 Punkten. Das Bullenlager scheint unter massiver Fahnenflucht zu leiden.

Und sollte es nicht gleich heute zu einer ebenso entschlossenen wie erfolgreichen Gegenreaktion kommen, welche den Dow Jones wieder zurück über diese Linie von 33.473 Zählern trägt, kann es sehr gut sein, dass das US-Index-Flaggschiff die nächsten Kursziele auf der Unterseite zügig abarbeitet. Die da wären: die Unterstützungslinie um 32.000 Punkte, die 200-Tage-Linie bei 31.100 Punkten und, sollten die nächsten Inflationsdaten erneut übel ausfallen, womöglich sogar die Unterstützungszone 29.750/29.950 Punkte.

Dow Jones: Chart vom 18.06.2021, Kurs 33.290,08 Punkte, Kürzel INDU | Online Broker LYNX

Seit ein neues Rekordhoch am 10. Mai in einem „Shooting Star“ endete, ist der Schwung aus dem US-Index-Flaggschiff Dow Jones gewichen. Die kommende Woche wird die Weichen stellen, ob die Bullen noch einmal entschlossen antreten – oder der Trend bricht.

Übermorgen wird die US-Notenbank bekanntgeben, ob sie jetzt doch Maßnahmen gegen die mittlerweile auf fünf Prozent gestiegene Inflation ergreifen wird oder man sich weiterhin darauf versteift, dass diese Teuerung, die bis auf eine sehr kurze Phase im Sommer 2008 seit 30 Jahren ihresgleichen sucht, von alleine verschwinden wird. Viele Trader wetten darauf, dass die „Fed“ erneut nichts tun wird. Nicht, weil sie davon überzeugt wäre, dass ihre Einschätzung zutrifft. Die Warnungen renommierter Fachleute sind zahlreich … und auch bei der US-Notenbank wissen die meisten, was sie tun. Es geht in Wahrheit um die Furcht davor, dass selbst der kleinste Griff zum Geldhahn dazu führen könnte, dass das Wachstum der US-Wirtschaft nicht gebremst, sondern abgewürgt wird, weil es – ebenso wie in Europa – derzeit nur von dem extrem billigen Geld und niedrigsten Zinsen befeuert wird.

Das ist der Grund, weshalb viele glauben, dass die US-Notenbank es darauf ankommen lassen wird. Das Problem dabei ist: Wenn man sich da verzockt, bedeutet das, dass man mittelfristig gegen die Wand fährt, denn um eine Inflation unter Kontrolle zu bringen, die noch auf sechs, sieben oder mehr Prozent läuft, bräuchte man weit mehr als Leitzinsen von ein oder zwei Prozent. Und wie man beim Research der Deutschen Bank kürzlich richtig anführte: Bislang ist es der US-Notenbank in ihrer Geschichte noch nie gelungen, die Inflation wieder einzufangen, ohne dadurch eine Rezession auszulösen. Es ist also ein heißes Spiel, das die Bullen am US-Aktienmarkt da spielen, wenn sie sich darauf verlassen, dass die Notenbank mehr auf einen kurzfristig glücklichen Aktienmarkt als auf ein mittelfristig gesundes Wirtschaftsklima achtet.

Was diese Notenbankentscheidung am Mittwoch zusätzlich spannend macht, ist deren Nähre zum „dreifachen Hexensabbat“, d.h. zur Abrechnung der Optionen und Futures an der Terminbörse. Denn die folgt am Freitag. Zwischen einer für viele wegweisenden Entscheidung und einer Derivate-Abrechnung, bei der es um gewaltige Summen geht, die verdient, ggf. aber eben auch verloren werden können, liegen somit gerade einmal knapp 48 Stunden. Was bedeutet: Ab Mittwochabend um 20 Uhr unserer Zeit, wenn die „Fed“ ihr Statement vorlegt und dem Handelsende des Freitags geht es beim Dow Jones zur Sache.

Chart vom 11.06.2021, Kurs 34.479,60 Punkte, Kürzel INDU | Online Broker LYNX

Dass der „Shooting Star“ des 10. Mai, der bislang das Verlaufshoch des Dow Jones markiert hat (35.091,60 Punkte), nur eine Mini-Korrektur nach sich zog, die auch noch perfekt auf Höhe der 50-Tage-Linie und der mittelfristigen Aufwärtstrendlinie aufgefangen wurde, hätte normalerweise neuen Schwung und neue Rekordhochs nach sich ziehen müssen, wäre diese Hausse noch in einem vertrauenerweckenden Zustand. So aber kriecht der Index seitwärts, traut sich an das Verlaufshoch nicht heran … und die beiden Leitstrahlen der Bewegung, d.h. die 50-Tage-Linie und die mittelfristige Aufwärtstrendlinie, kommen dadurch immer näher.

Das macht klar, dass immer mehr Investoren erkennen, auf welch dünnem Eis die Notenbank einerseits und das bullische Lager am US-Aktienmarkt andererseits wandeln. Und das macht diese Woche zu einer entscheidenden Phase.

Wenn die US-Notenbank weiterhin passiv bleibt, steht die Chance, dass das bisherige Verlaufshoch blitzschnell attackiert und im Idealfall überboten wird, gut, weil der nahe Terminbörsen-Abrechnungstermin zusätzlichen Treibstoff für eine Rallye bieten würde. Wenn diese Wette auf eine untätige „Fed“ aber schiefgeht, wäre nach unten nichts unmöglich, sofern es dem bullischen Lager nicht gelingt, den derzeit direkt auf gleicher Höhe um 34.150 Punkte verlaufenden, doppelten Leitstrahl aus 50-Tage-Linie und Oktober-Aufwärtstrend zu verteidigen. Dann könnten unter diesem Bereich greifende Stop Loss-Verkäufe und Hedging-Operationen großer, mit Blick auf die Terminmarkt-Abrechnung schief liegender Adressen den Abverkauf beschleunigen.

Und so mancher Trader dürfte dann auch einen Blick auf das langfristige Bild werfen und feststellen, was wir hier im Chart auf Monatsbasis zeigen, der, um die Größe der Trendimpulse vergleichbar zu machen, logarithmisch skaliert ist: Das, was wir bislang seit März 2020 gesehen haben, ähnelt sehr dem Aufwärtsimpuls ab März 2009. Damals kam es nach etwas über einem Jahr Rallye zu einer mehrmonatigen Korrekturphase, die recht heftig begann. Sollten sich die Bullen hinsichtlich der US-Notenbank vertun, könnte es diesmal durchaus ähnlich kommen.

Chart vom 11.06.2021, Kurs 34.479,60 Punkte, Kürzel INDU | Online Broker LYNX