Börse aktuell

Hier erfahren Sie, was an der Börse aktuell geschieht. Unser Börsenexperte Ronald Gehrt beobachtet täglich das aktuelle Börsengeschehen und fasst die neuesten Börsendaten und Börsenberichte wöchentlich für Sie zusammen. Mit Börse aktuell bringen wir die wichtigsten Börsennachrichten auf den Punkt und kommentieren, was momentan an der Börse los ist.

Börse: Aktuelle Nachrichten der Woche

Neues von der Börse: Unsere aktuellen Börsennachrichten informieren Sie jede Woche über die derzeitige Börsenentwicklung. Was beschäftigt die Börse? Was steht diese Woche an? Diktieren Bullen oder Bären die Märkte? Sollten Sie Ihre Investitionen erhöhen oder lieber Gewinne mitnehmen? Wir geben Ihnen die Antworten auf diese Fragen, wagen einen Ausblick auf die kommende Börsenwoche und bewerten anstehende Ereignisse, die Auswirkungen auf den Börsenverlauf haben könnten.


Börse aktuell vom 05.-11.12.2022

Inflation, Zinsen, Wachstum: Wir brauchen keine Quadratur des Kreises, aber …

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Die ersten Indizien für eine nachlassende Konjunktur sind da. Aber wir sehen auch brisant hohe Lohnabschlüsse. Daher ist es keineswegs sicher, dass das Ziel, die Inflation durch höhere Zinsen zu bekämpfen, ohne in eine heftige Rezession zu führen, auch erreicht wird. Das kann schiefgehen, und das gewaltig. Wo stehen wir?

Es passiert nicht bisweilen, nein, es hat eine lange Tradition, dass Anleger sich positiv klingende Rosinen herauspicken und negative Aspekte konsequent ignorieren. Das haben wir x-mal erlebt. 1999/2000 vor dem Platzen der Internetblase. Blase? Unfug … und dann platzte doch mit lautem Knall, was angeblich nicht da war. Vor 2008 in Sachen Immobilienblase dasselbe Spiel. Und an der Börse aktuell droht sogar zu platzen, was manche Marktstrategen die „Alles-Blase“ nennen. Zu hohe Verschuldung. Zu hohe Immobilienpreise. Zu hohe Inflation. Zu hohe Abhängigkeit von Just-In-Time-Lieferketten. Zu hoch bewertete Aktien. Und doch wird gekauft, als würde es morgen verboten.

Das geht seit zwei Monaten so. Und es könnte auch noch ein, zwei Monate weitergehen, man weiß es nicht. Eine Kaufwelle entgegen der Rahmenbedingungen geht umso länger gut, je besser die Akteure zugleich ignorieren, dass man in allen früheren Fällen damit dramatisch auf die Nase fiel. März 2020 zwar ausgenommen, aber das lief ein bisschen anders, weil zwar die Immobilien, die Aktien und die Schulden auch da schon eine Blase gebildet hatten. Aber durch Corona wurden Wirtschaft und Aktienmarkt dann mit Geld überschwemmt. Heute ist aber das Gegenteil der Fall. Höhere Zinsen bremsen ja den Zufluss von Geld an den Aktienmarkt aus. Vorteil der kaufenden Klientel: Sie können auch das ignorieren. Weil? Weil man es noch nicht deutlich sieht. Und weil sie darauf hoffen, dass das Geld von woanders kommt. Dazu gleich.

Im optimalen Fall kämen die Bullen heil davon

Wer genauer hinsehen wollte, sähe sehr wohl, dass die höheren Leitzinsen zu wirken beginnen. Dass das seine Zeit gebraucht hat, ist dabei völlig normal. Das betonen die Notenbanker auch permanent. Die Schlussfolgerung wäre: Hoppla, das dicke Ende kommt erst noch. Doch wer das mit dem Ausblenden unerwünschter Fakten konsequent durchzieht, sagt sich: Ha, die Rezession kommt ja gar nicht! Wobei …

… man könnte mit dieser Kaufwelle sogar einigermaßen durchkommen. Auch, wenn klar sein muss, dass die langsam überfälligen Korrekturen umso heftiger werden, je länger sie ausbleiben. Aber es muss keinen Test der bisherigen Tiefs bei DAX und Dow geben, erst recht nicht neue Tiefs. Aber nur unter einer Voraussetzung:

Dass die Rezession mild verläuft, binnen zwei, drei Quartalen bereinigt werden kann und zugleich die Inflation deutlich eingedämmt wird. So deutlich, dass die Notenbanken den Leitzins wieder auf relativ normale Levels senken können. Wobei sie gut daran täten, die Chance zu nutzen, vom fatalen Nullzins-Level wegzukommen und um 1,5 Prozent bei der EZB und um 2,0 bis 2,5 Prozent in den USA zu bleiben. Das muss man abwarten, so weit sind wir ja noch lange nicht. Erst der Schmerz, später dann wieder Geld. Aber wo stehen wir da in Sachen Inflation und milde Rezession?

Die Konjunktur reagiert immer mit Verzögerung auf Inflation und Zinsen

Auf ganz, ganz dünnen Brettern. Denn es gibt da Leute, die die Bekämpfung der Inflation massiv behindern, indem sie, vermeintlich, Gutes tun. Aber zunächst mal zur Konjunktur. Da tut sich etwas, aber bislang noch im Hintergrund. Noch sind ja Industrieproduktion und Einzelhandel nicht nennenswert unter Druck. Was auch an der üblichen „Bugwelle“ liegt: Vorkäufe gerade wegen der steigenden Preise und das Eindecken mit Heizöl im Vorfeld der Heizphase. Aber dass sich diese Bugwelle jetzt langsam auflöst, deuten die vorausschauenden Indikatoren an:

Börse aktuell: Kursentwicklung S&P 500 und Entwicklung US-Einkaufsmanageridex im Vergleich von 2010 bis 2022 | Online Broker LYNX

Die Schiffsfrachtraten, die vor einem Jahr Rekordlevels erreicht hatten, sind massiv gefallen und liegen, ob man sich den Harpex für Containerfracht oder den Baltic Dry Index für Schütt- und Flüssiggüter ansieht, wieder auf dem Level, der vor den Materialengpässen galt. Das macht deutlich, dass die Güternachfrage sich normalisiert hat. Mindestens. Und auch die Einkaufsmanager, die lange den Daumen gehoben hatten, sind jetzt mehrheitlich negativ gestimmt. Sie, die am Anfang der Produktionskette sitzen, sehen jetzt mehrheitlich einen Rückgang der Wirtschaftsleistung, ob in China, Europa oder, wie im vorstehenden Chart zu sehen, in den USA (Werte über 50 indizieren Wachstum, unter 50 eine Schrumpfung der Wirtschaftsleistung).

Genau diesen Rückgang sehen Notenbanker der EZB oder der US-Notenbank als notwendig an, denn wie sonst, wenn nicht durch einen sinkenden Konsum, ließe sich die Preisspirale stoppen. So erklärte Esther George, die Chefin der regionalen US-Notenbank von Kansas City und stimmberechtigtes Mitglied im US-Offenmarktausschuss, der über die Zinspolitik befindet: „Wir brauchen eine wirkliche Verlangsamung des Arbeitsmarktes und eine schrumpfende Wirtschaft, um die Inflation zu reduzieren.“ Und bei einer anderen Gelegenheit: „Es dauert möglicherweise etwas, bevor Haushalte durch höhere Zinsen zum Sparen bewegt werden.“

Während die momentan in einer Super-Rallye noch weiter einsteigenden Trader sicher sind, dass die Rezession gar nicht kommt, kommt sie sehr wohl. Nur halt später als gedacht. Man wäre gewarnt gewesen. Aber gut, dann kommt sie eben, die Inflation verschwindet und bald ist alles wieder beim Alten. So lange könnten die Aktienmärkte „da oben“ ja womöglich durchhalten, oder?

Lohnforderungen und Politik sabotieren die Inflationsbekämpfung

Ja … wenn die Inflation schnell in den Griff kommt. Noch aber ist die faktische Inflation mitnichten im Griff. In den USA macht eine Schwalbe noch keinen Sommer, aber immerhin sieht es da noch besser aus als in Europa bzw. Deutschland. Denn wenn man nicht die durch den statistischen Basiseffekt verzerrte Jahresrate der Inflation betrachtet, sondern die faktische Veränderung der Preise über den harmonisierten Verbraucherpreisindex, erkennt man: Die Preise stiegen zwar im Oktober langsamer, aber sie stiegen noch. Um das Problem vom Tisch zu bekommen, müsste diese Kurve für mehrere Monate seitwärts laufen, idealerweise sogar eine Zeit lang nach unten laufen. Noch ist also die Inflation nicht vom Tisch. Noch sind die Zinsen nicht „oben“. Und noch haben wir keine Rezession, die mit einem Rückgang der Nachfrage stabile bis niedrigere Preise ermöglichen würde. Aber wenn die Notenbanken konsequent bleiben, kommt es so, es sei denn …

Börse aktuell: Entwicklung harmonisierter Verbraucherpreisindex von 2000 bis 2022 | Online Broker LYNX

… man pfuscht ihnen ins Handwerk. Und das Dumme ist, dass es tatsächlich momentan Adressen gibt, die am falschen Ende der Decke ziehen: Gewerkschaften und Politik. Ob man es nur gut meint oder um die Mitglieder- und Wählergunst buhlt, sei mal dahingestellt. Aber derzeit gehen die Aussagen und Entscheidungen in eine Richtung, die eine Lohn/Preis-Spirale befeuern. Und wenn Preise und Löhne erst einmal in einem Wettlauf sind, müssten die Notenbanken radikale Zinserhöhungen vornehmen, um das zu stoppen. Da würden wir dann nicht vor drei oder dreieinhalb Prozent in der Eurozone reden, sondern von sechs oder sieben Prozent!

Die Notenbanken warnen, aber niemand hört zu

Da wundert es dann irgendwie nicht, dass so viele Anleger so erfolgreich tun, als wäre nichts bzw. die Problematik tatsächlich nicht verstehen. Gewerkschaften und Politik machen es ihnen ja vor.

Wenn ver.di für 160.000 Tarifbeschäftigte bei der Deutschen Post jetzt 15 Prozent mehr Lohn fordert, um nicht nur die Inflation auszugleichen, sondern auch eine größere Beteiligung am Gewinn des Unternehmens zu erhalten, dürften Notenbanker fassungslos reagieren. Wenn Bundeskanzler Scholz die deutschen Unternehmen ermutigt, die steuerfreie 3.000 Euro-Inflationsausgleichsprämie auszuschütten, nicht minder.

Warum wohl hört und liest man, dass die Notenbanken gebetsmühlenartig genau davor warnen? Warum sagte gerade das Mitglied des US-Notenbankdirektoriums Waller: „Es macht mich nervös, dass Unternehmen hohe Lohnsteigerungen einkalkulieren, weil das die Inflation hoch halten wird“?

Warum wohl wies Fed-Chef Powell letzte Woche darauf hin, dass die Lohnzuwächse in den USA etwa 1,5 Prozent über dem Level liegen, welches in Einklang mit der Rückkehr an das Zwei-Prozent-Inflationsziel zu bringen wäre?

Warum wohl sagte EZB-Chefvolkswirt Lane im September: „Die hohe Inflation wird ihren Niederschlag in höheren Löhnen finden müssen. Aber es braucht ein Gleichgewicht. Der Versuch, die Arbeitnehmer durch höhere Einkommen voll und ganz vor der Inflation zu bewahren, würde die Kosten der Unternehmen deutlich in die Höhe treiben und zu Zweitrundeneffekten führen“?

Warum wohl betonte EZB-Chefin Lagarde im Oktober, dass eine breite fiskalische Unterstützung (sprich Geldspritzen der Regierungen) der EZB-Politik entgegenwirken würde und es wichtig sei, die Nachfrage nicht zusätzlich zu stimulieren?

Die Lohn/Preis-Spirale wird derzeit fleißig befeuert

Dass so etwas fatal unklug ist, kann man nicht nur verstehen, so etwas muss man verstehen. Richtig und wichtig ist, denjenigen über die Krise zu helfen, die die höheren Kosten in Existenznot bringen. Aber wenn man pauschal 3.000 Euro an alle verteilt oder extreme Lohnerhöhungen erstreitet, ersetzt man den auf Basis von billigsten Kreditzinsen befeuerten Konsum durch Geld von Staat und Unternehmen. Das heiß, der Konsum bleibt hoch. Und während man vorher auf Pump konsumierte, konsumiert man bei höheren Löhnen dann auf Kosten der Arbeitgeber. Deren Kosten steigen somit und sie werden, Preisfrage, a) die Preise stabil halten und sich mit deutlich niedrigeren Unternehmensgewinnen begnügen, oder b) die höheren Kosten auf die Preise draufschlagen und so die Bemühungen der Notenbanken aushebeln? Eben.

Wenn das so weitergeht, wird das nichts mit der wachsenden Erwartung, die Inflation habe ihr Hoch schon gesehen und die Leitzinsen werden nur noch ein bisschen weiter steigen. Wie sagte doch zuletzt James Bullard, Chef der regionalen US-Notenbank von St. Louis: Die Märkte schätzen das Risiko, dass die Fed aggressiver sein muss, zu niedrig ein. Tja.

Aber wer mal in die Geschichte zurückblickt stellt fest: Was hier gerade schiefläuft, sprich eine Aktienmarkt-Hausse fernab der Realität und das Unterminieren der Inflationsbekämpfung, das in dieser Kombination ganz leicht zu einem bösen Erwachen führen kann, ist nicht neu. Hatten wir alles schon mal. Blicken wir dazu einfach mal zurück in die Zeit zwischen 1979 und 1981, als genau diese Gemengelage auch schon vorherrschte:

Börse aktuell: Entwicklung Leitzins und Inflation in den USA von 1976 bis 2022 | Online Broker LYNX

Damals hatte die US-Notenbank den Leitzins zwar im Zuge einer rasant steigenden Inflationsrate radikal angehoben, unterschätzte aber die sogenannten „Zweitrundeneffekte“, vor denen EZB-Chefvolkswirt Lane gerade warnte, siehe oben. Die Inflation blieb zu hoch, also musste man noch einmal ran und hob den Leitzins zwischen Ende 1980 und Mitte 1981 auf in der Spitze 19 Prozent an. Wer indes denkt, die Investoren hätten das damals entsprechend negativ honoriert, irrt, wie der folgende Chart zeigt, der die Leitzinsen zusammen mit dem Verlauf des Dow Jones zeigt:

Börse aktuell: Kursentwicklung Dow Jones und Entwicklung US-Leitzins im Vergleich von 1979 bis 1983 | Online Broker LYNX

Schon Mitte 1980 nahmen die Anleger baldige Leitzinssenkungen vorweg und kauften kräftig. Und damals dauerte es bis Mitte 1981, bis die immer höher gezogenen Leitzinsen den Aktienmarkt erneut in die Knie zwangen, sprich die Akteure einsahen, dass die Lage wohl doch nicht so unproblematisch ist und die Krise nicht so kurzlebig ist wie gedacht. Aber damals hatten wir zwar geopolitische Spannungen en masse, dafür aber keine so massive Überschuldung der Privathaushalte und keine Blase am Immobilienmarkt, zudem war damals China kein wichtiger Markt, während der heute zusätzlich auf die Stabilität der Weltwirtschaft drückt. Da kann jetzt also allerhand schiefgehen.

Wir brauchen keine Quadratur des Kreises, aber wir brauchen Disziplin!

Wenn das verhindert werden soll, muss man dazu keine Wunder vollbringen oder ganz neue Wege gehen. Es braucht keine Quadratur des Kreises, es braucht die Disziplin, denen, die im mittleren und oberen Einkommensbereich gut zurechtkommen, klar zu machen, dass sie einen Gang zurückschalten müssen, weil die Preise sonst nicht sinken. Dass ohne sinkende Preise immer höhere Zinsen zu noch größeren Problemen führen. Und zugleich gilt es dafür zu sorgen, dass gezielt den niedrigen Einkommen geholfen wird. Da ist die Politik ebenso in der Pflicht wie die Gewerkschaften. Dass das schwer zu vermitteln ist, dass so etwas erklärt werden muss und dass man dazu erst einmal selber verstehen muss, wie das alles zusammenhängt ist klar. Aber wenn man versucht, sich da herauszuwinden, statt auch mal Unangenehmes zu beschließen, geht das hier schief. Vergessen wir nicht:

Auch nach der Subprime-Krise und der Eurokrise beklagten die Notenbanken die fehlende Unterstützung der Politik. Man mogelte sich um Reformen und unangenehme Maßnahmen herum, indem man sich auf die Notenbanken verließ, die einfach das Geld billiger machten und so ein Szenario von Wachstum generierten, das aber, ohne diese fehlende Unterstützung der Politik, zu einem Kartenhaus wurde, das uns genau jetzt auf die Füße fällt.

Genau das gleiche jetzt schon wieder zu machen und den Notenbanken auch noch Stöcke in die Speichen zu werfen, ist kein kluger Weg. Und es ist einer, den letztlich wir alle ausbaden müssen. Es bleibt zu hoffen, dass die Schnapsidee, diese Situation durch „Helikoptergeld“ zu verschlimmern, bald der Einsicht weicht, sonst finden wir uns in einem Szenario wie Anfang der Achtzigerjahre wieder und stellen fest: In der Tat, ewig grüßt das Murmeltier!

Ich wünsche Ihnen eine erfolgreiche Börsenwoche!

Ihr

Ronald Gehrt

*Charts vom 02.12.2022, Chartquelle marketmaker pp4

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Börse aktuell: DAX, Dow Jones und Co.

Die heutigen Top-News und Börsenmeldungen zum DAX und der Börse USA mit dem Dow Jones, dem Nasdaq und dem S&P 500 als weltweit einflussreiche Indizes bilden einen Schwerpunkt unserer aktuellen Berichterstattung von der Börse. Auch gute Aktien, die momentan sehr stark im Fokus der Anleger stehen und steigende Börsenkurse prophezeien, werden wir Ihnen hier vorstellen. So bekommen Sie einen umfassenden Börsenausblick und können Ihre eigenen Börsenprognosen verifizieren oder falsifizieren.

Börse: Aktuelle Entwicklung und Trends

Die aktuelle Entwicklung und der aktuelle Trend an der Börse werden maßgeblich von Wirtschaftsnachrichten, Konjunkturdaten und Neuigkeiten von börsennotierten Unternehmen bestimmt. Diese wirken sich nicht nur auf Aktienkurse aus, sondern auch auf andere Assetklassen wie börsengehandelte Fonds, Optionen und Futures. Des Weiteren werden durch Börsennachrichten auch die Anleihemärkte und Rohstoffmärkte in Bewegung versetzt. Daher haben wir auch die Zinsen, den Ölpreis und Goldpreis immer im Blick.

Börse: Aktuelle Tipps zum Marktgeschehen

Neben Börsennews bekommen Sie auch hilfreiche Tipps, um das gegenwärtige Marktgeschehen besser zu interpretieren. Der Börsenmarkt setzt sich aus vielen verschiedenen Märkten zusammen. Jedes Land, jede Branche und jedes Finanzprodukt wird von individuellen Faktoren beeinflusst, sodass es schwierig ist, alle Märkte mit ihren jetzigen Chancen und Risiken zu verfolgen und zu analysieren. Mit Börse aktuell liefert Ihnen unser Börsenprofi die Börseninformationen, die wirklich wichtig sind, und zugleich eine kompakte Börsenvorschau der Woche.

Börse aktuell: Die letzten Nachrichten

Lassen Sie sich den Artikel vorlesen:

Acht Wochen am Stück ist der DAX jetzt bereits gestiegen. Viele glauben, mangels Fachwissen oder nur aus blanker Hoffnung heraus, die Krise sei bereits im Griff und setzen wieder auf die ewige Hausse. Aber diese Gruppe spielt bei der Rallye nicht die alleinige Hauptrolle. Noch bedeutsamer als die Privatanleger sind die großen Adressen, vor allem die, die computergesteuerte Handelsprogramme einsetzen. Einige Indikatoren, die man da oft verwendet, sollte man kennen. Sehen wir uns mal ein paar davon an.

Ob die Krise wirklich schon im Griff ist, weiß man erst im Nachhinein. Ich habe in den vergangenen Monaten so manchen Artikel zu den dafür relevanten Themen geschrieben, sei es zur Inflation, zu den Nöten und Möglichkeiten der Notenbanken, zum von Emotionen und nicht von Fakten gelenkten Verhalten der Marktteilnehmer. Ich für meinen Teil denke, dass sich diejenigen, die die Aktienindizes seit Ende September so stark nach oben getrieben haben wie selten in so kurzer Zeit, noch böse umschauen werden. Aber Recht haben und Recht bekommen, das sind an der Börse halt zwei Paar Schuhe. Denn es geht ja, die Erfahrung lehrte es, nicht nur selten, sondern sehr oft bei den Impulsen der Märkte nicht um das, was Sache ist, sondern um das, was die gerade aktiv tradende Mehrheit glaubt. Zumindest ließe sich die Sache so simpel ausdrücken. Genaugenommen ist das aber zu simpel.

Die unsichtbare Macht: computergesteuerte Handelsprogramme

Denn ein ganz und gar wesentlicher Teil der Umsätze wird vor Akteuren bestritten, die nicht nur selten, sondern nie denken: von computergesteuerten Handelsprogrammen. Die agieren ausschließlich auf chart- und markttechnischer Ebene. Vor allem markttechnisch, denn charttechnische Formationen einzuordnen und zu werten ist zu subjektiv, um es in ein Computerprogramm zu pressen. Ich habe einige Versuche davon gesehen und/oder ausprobiert: Taugt nicht die Welt, da muss man selbst immer dabeibleiben und prüfen, ob das, was das System da als Wende ansieht, wirklich eine ist. Daher arbeiten diese Handelsprogramme vor allem mit markttechnischen Indikatoren und gleitenden Durchschnitten.

Für eine normale charttechnische Analyse kommt man mit den üblichen Indikatoren wie dem Trendfolgeindikator MACD, dem Stochastik-Oszillator und dem RSI tadellos hin. Aber wäre man ein Computer, der eben nicht aus Erfahrungen heraus unklare Situationen abwägen und einordnen kann, wie es ein Mensch kann, reichen solche Indikatoren nicht. Da werden gerne andere, komplexere Indikationen eingesetzt oder entwickelt, von denen ich Ihnen hier ein paar vorstellen möchte.

Denn wenn man weiß, ob diese Handelsprogramme immer noch grünes Licht bei einem Trendimpuls sehen oder die Ampel dort bereits auf gelb bis dunkelgelb geschaltet hat, hätte man einen großen Vorteil. Wenn diese Trading-Systeme nach einem Trendimpuls auf die Gegenseite drehen, halten die normalen Privatanleger alleine die Bewegung nie und nimmer auf Dauer am Laufen. Auch nicht über ihren „verlängerten Arm“ der ETFs, die letztlich ja immer umgehend umsetzen müssen, was die Anleger ihnen an Geld zuführen oder abziehen.

Auch im Oktober waren die Zocker-Profis vorsichtig

Gerade jetzt ist es besonders interessant, sich über diese computergesteuerten Handelsprogramme Gedanken zu machen. Denn die werden auch von Profi-Tradern eingesetzt, die mit der ganz großen Kelle antreten, indem sie auf Kredit zocken. Und wenn wir uns mal anschauen, wie sich das Volumen der Margin-Debits, der Kredite, die dazu dienen, die Margins (Sicherheitsleistungen) für Derivate wie Futures oder CFDs zu finanzieren, fällt auf:

Börse aktuell: Kursentwicklung S&P 500 und Entwicklung der Börsenkredite in den USA im Vergleich von 2007 bis 2022 | Online Broker LYNX

Diese besonders risikobereiten, dabei aber meist auch besonders erfahrenen und sachkundigen Zocker haben sich im Oktober weiter zurückgezogen, während z.B. der marktbreite US-Index S&P 500 steil angestiegen ist. Die Profi-Trader blieben also zumindest bis Ende Oktober (die November-Daten zu den Margin Debits gibt es ja noch nicht) auf dem Rückzug. Mal angenommen, die von Handelssystemen oft genutzten Indikatoren würden jetzt bereits überkauft sein, ließe sich vermuten, dass es seitens der Profi-Zocker auch im November keinen allzu großen Anstieg ihrer Margin-Kredite und damit ihrer Positionen gegeben hat. Und wäre das der Fall, könnte man unterstellen, dass auch die Handelsprogramme nicht unbedingt Kurstreiber sind.

Hätten wir damit den Verdacht, dass wenig bis gar nicht fachkundige, unerfahrene Private diese Rallye fast im Alleingang bestreiten, könnte man, gerade mit Blick auf die Rahmenbedingungen, sehr stark vermuten, dass die Sache für diejenigen, die nicht rechtzeitig den Kopf aus der Schlinge ziehen und aussteigen, böse enden wird. Zumal die Erfahrung lehrt:

Die Zahl der Fälle, in denen die Masse das Tief erwischt hat, die Profis aber nicht, liegt über die Geschichte der Börse hinweg und bezogen auf alle Assetklassen bei genau 1: Der Corona-Rallye ab März 2020. Ansonsten sind es diese Unerfahrenen, die immer wieder wie wild kaufen, bei neuen Tiefs dann panisch wieder austeigen und ganz am Ende, wenn wirklich die Wende da ist, mit leerem Depot dastehen oder dann sogar das erste Mal in ihrem Leben Short gegangen sind und so gleich mehrfach verlieren.

Also, schauen wir uns mal ein paar dieser Indikatoren an, die man als Teil der Signalgenerierung von Handelsprogrammen finden kann. Um es gleich vorweg zu schicken: Ganz wenige solcher Systeme arbeiten nur mit einem Indikator. In der Regel sind es mehrere, oft drei bis fünf, manchmal mehr, deren Gesamtaussage dann ein Handelssignal generiert. Einen oft eingesetzten Indikator kennen wir bereits, denn der RSI wird auch sonst viel genutzt.

Der RSI: Ein schlafender Indikator, der nur in Extremphasen erwacht

Der Relative Stärke Indikator RSI misst die sogenannte „innere Stärke“ eines Kursverlaufs. Solange sich diese Indikation, die normalerweise auf ein Zeitraster von 14 Handelstagen angelegt ist, im neutralen Bereich zwischen 30 und 70 bewegt, hat der Indikator keine wichtige Aussagekraft. Sobald er aber eine Extremzone erreicht, nimmt die Wahrscheinlichkeit einer Konsolidierung, meist aber sogar einer kräftigen Gegenbewegung, zu. Hier sehen wir im Chart, wie sich der RSI beim DAX seit Sommer 2019 dargestellt hat.

Börse aktuell: Entwicklung RSI beim DAX von 2019 bis 2022 | Online Broker LYNX

Sie sehen: Sobald der RSI eine der Extremzonen unter 30 oder über 70 erreicht hatte, ist eine Gegenbewegung nahe gewesen. Das kann mal eine Zeit lang dauern, nicht nur aktuell, sondern auch schon Anfang 2020 und im Frühjahr 2021 hatte sich der RSI ungewöhnlich lange in einer Extremzone aufgehalten. Aber für Handelsprogramme, die diesen Indikator sehr gut in ein Programm integrieren können, ist das schon mal ein Warnsignal. Richtig klar wird ein solches Signal, wenn der RSI die Extremzone wieder verlässt. Noch deutlicher wird seine Aussage übrigens bei positiven oder negativen Divergenzen, zwei davon sehen Sie hier im Chart. Sie treten auf, wenn z.B. auf der Oberseite das vorherige Hoch beim Basiswert erreicht oder überboten wird, der Indikator zugleich aber ein unter dem vorherigen liegendes Hoch ausbildet.

Die Bollinger-Bänder: Spannend wird es, wenn das Gummiband zu lange strapaziert wurde

In meiner Analyse zum Dow Jones im heutigen LYNX Börsenblick hatte ich, was selten der Fall ist, einmal die Bollinger-Bänder und ihre Aussage gezeigt. Was mich übrigens auch auf die Idee zu diesem Beitrag brachte. Um nicht alles doppelt zu tippen, zitiere ich mich hier in Sachen Funktion der Bollinger-Bänder einfach selbst:

Die Bollinger-Bänder arbeiten auf Basis statistischer Wahrscheinlichkeiten bzw. der Beobachtung, dass sich die Gauß’sche Normalverteilung oft auch an der Börse wiederfindet. Das obere und untere Band der Bollinger-Bänder sind eine mathematische Ableitung des mittleren Bandes, das einen gleitenden Durchschnitt darstellt. Da diese Bänder dadurch mit dem Kurs mitlaufen, ist es selten, dass das untere oder obere Band einen Trendimpuls unmittelbar stoppt, diese Bänder verhalten sich eher wie Gummibänder. Interessant ist da etwas anderes: Länger als vier bis fünf Wochen läuft ein Kurs so gut wie nie unmittelbar an einem der beiden Außenbänder, egal, ob die Bewegung auf- oder abwärts führt. Dann pflegt der Kurs normalerweise zumindest an das mittlere Band zurück zu laufen. Und der hier mit seinen Bollinger-Bändern abgebildete DAX läuft jetzt bereits seit fast fünf Wochen am oberen Band.

Börse aktuell: Entwicklung Bollinger-Bänder beim DAX von 2021 bis 2022 | Online Broker LYNX

Für Handelsprogramme ist das gut messbar. D.h. wenn das „Gummiband“ der Bollinger-Bänder so lange strapaziert wird, indem ein Index oder irgend ein anderes Asset untypisch lange am oberen oder unteren Band „klebt“, ist das ein Signal, das bei der Frage, ob man eine Position in Trendrichtung aufrechterhalten sollte, Punktabzug einbringt.

Der Ease of Movement-Indikator

Handelsprogramme nutzen auch oft Momentums-Indikatoren, die die Schwungkraft eines Impulses abbilden. Denn wenn einem Impuls die Puste ausgeht, ist das oft der Vorbote einer Wende. Einer dieser Indikatoren, der sich gut in eine Handels-Software einbauen lässt, weil er klare, nicht nur mit dem Auge erkennbare, sondern mathematisch abbildbare Signale durch den Wechsel von positiven zu negativen Werten oder umgekehrt auswirft, ist der sogenannte EMV oder Ease of Movement-Indikator:

Börse aktuell: Entwicklung Erase of Movement-Indikator beim DAX von 2021 bis 2022 | Online Broker LYNX

Der Haken ist zwar, dass es oft zu einem uneinbringlichen Hin und Her der Signale kommt, wenn der Basiswert, hier wieder der DAX, gerade ausgerechnet in der Signalzone zu pendeln beginnt. Wir sehen aber auch: Wenn das Signal „durchgeht“, also erhalten bleibt, ist man nahezu immer ganz früh mit von der Partie. Nimmt man den EMV als alleinigen Signalgeber, ist das schon ein wenig mühsam wegen der vielen kleinen, nicht stabilen Signale. Aber als Teil eines Signalsystems der computergesteuerten Handelsprogramme ist dieser Indikator tadellos geeignet und dürfte in so manchem System der großen Adressen mit bestimmen, wie lange diese den Trend mitgehen … oder ab wann die Privatanleger auf einmal ohne Begleitschutz dastehen.

VDAX new: Der Spiegel der Terminbörse

In den USA heißt er VIX, beim DAX heißt er VDAX new (es gab mal einen rechnerischen Vorläufer, deswegen ist und bleibt dieses „new“ dabei). Diese beiden Indizes versuchen, das Verhalten der Akteure am Optionsmarkt abzugreifen und daraus abzuleiten, ob viel oder wenig Angst im Markt steckt. Grundidee dahinter:

Je größer die Angst, desto näher ist ein Tief. Wenn der im folgenden Chart oben als dicke blaue Linie gezeigte VDAX new sehr hoch notiert, die Angst also hoch ist, ist ein Tief im DAX wahrscheinlich. Im Gegenzug sind immens niedrige Werte, die andeuten, dass die Akteure angstfrei sind und damit zunehmend leichtsinnig werden, ein Warnsignal in Sachen eines baldigen oberen Wendepunkts. Dieser VDAX new wird viel beachtet und ist sogar als eigener Index handelbar. Aber der Chart zeigt auch, dass es da keine fixierbare Zone gibt, die klar macht, dass der VDAX new wirklich so extrem notiert, dass jetzt eine Wende ansteht. Aber!

Börse aktuell: Entwicklung Relative Momentum Index beim VDAX new von 2020 bis 2022 | Online Broker LYNX

Das kann man sichtbar machen, wenn man den VDAX new wiederum auf einen Indikator ableitet. Dazu habe ich hier den RMI eingesetzt, den „Relative Momentum Index“, der das Momentum der Bewegung des VDAX new in einen Relative Stärke Index „übersetzt“, so dass wir obere und untere Extremzonen bekommen. Und wenn die erreicht werden, sehen wir anhand des oben rot mit eingeblendeten Index, dass da gute Signale herauskommen, wenn man entsprechend Long geht, wenn der RMI aus der überkauften Zone nach unten rutscht oder Short geht, wenn er aus der überverkauften Zone nach oben läuft. Kompliziert?

Fazit: Es lohnt, sich in die Systematik der „Big Player“ hinein zu denken

Natürlich ist es das. Aber wir reden hier ja nicht von den normalen, einfachen Indikatoren, mit denen jedermann optisch das Kursgeschehen in Signale umwandeln kann. Die werden auch eingesetzt, keine Frage. Aber bei den computergesteuerten Handelsprogrammen ist es nötig, ohne subjektive Einschätzung des Traders auszukommen. Hier werden Indikatoren genutzt wie z.B. diese Kombination aus VDAX new und RMI, die ich beispielhaft selbst zusammengebastelt habe, mit denen ein Software-Programm arbeiten kann, das dann entscheidet, ob Handlungsbedarf besteht.

Sie sehen: Würde ein computergesteuertes Handelssystem diese vier hier vorgestellten Indikatoren zusammen entscheiden lassen, was es tun wird, wäre klar: Die Rallye ist brandheiß gelaufen. Noch sind keine Verkaufssignale entstanden … aber zwei, drei schwächere Tage würden reichen, um die komplette Galerie der Signal-Indikatoren auf Short zu schalten. Wer meint, dass diese Rallye am Aktienmarkt in Stein gemeißelt ist, sollte sich daher lieber bei den Indikatoren etwas genauer umtun. Denn wer gewarnt ist, reagiert schnell und richtig.

Ich wünsche Ihnen eine erfolgreiche Börsenwoche!

Ihr

Ronald Gehrt

*Charts vom 25.11.2022, Chartquelle marketmaker pp4

Lassen Sie sich den Artikel vorlesen:

Wer hat ihn nicht schon gehört, diesen Spruch, dass der Markt immer Recht habe? Diese Plattitüde hört man nur bei Rallyes im Abwärtstrend oder in Endphasen von Haussen. Dass der Spruch genau dann auftaucht, hat seine Gründe. Und wer ihn einsetzt, um seine eigene Positionierung damit zu verteidigen, deutet die Aussage dieser Formulierung meist falsch. Denn für sich genommen hat der Markt sogar meistens Unrecht.

„Meine Güte, willst Du da nicht lieber aussteigen, diese Aktie ist doch völlig überbewertet und jetzt auch noch überkauft?“ Wenn Sie jemandem das sagen und die Antwort kassieren „der Markt hat immer Recht“ will Ihr Gegenüber Ihnen damit Folgendes mitteilen: Wenn es keine guten Gründe dafür gäbe, dass diese Aktie steigt, würde sie auch nicht steigen, also ist alles in bester Ordnung. Nicht selten können Sie da zwischen den Zeilen zusätzlich lesen: Ich habe keine Ahnung, wie man die Bewertung einer Aktie misst … und was ist denn überhaupt „überkauft“?

Was „der Markt hat immer Recht“ eigentlich aussagen will

Dieser Spruch hat eigentlich schon seine Berechtigung. Nur wird er meistens falsch interpretiert und eingesetzt. Meistens will einem jemand mit diesem Satz sagen, dass Bewegungen an der Börse immer „richtig“ sind, weil man, wenn man einer Bewegung folgt, gerade Geld verdient und sie von der Mehrheit getragen wird. Also sind Argumente, so die Schlussfolgerung, die gegen diese gerade laufende Bewegung sprechen, automatisch falsch. Das ist Unsinn.

Börse aktuell: Ölpreisrallye und ihr Ende in den Jahren 2007 und 2008 | Online Broker LYNX

Erstens ist selten eine Mehrheit derer, die am Markt insgesamt agieren, aktiv. Die Mehrheit wartet ab, handelt nur an ganz bestimmten Punkten und ist danach wieder passiv. Daher weiß ich nicht, ob eine Aufwärtsbewegung überhaupt von der Mehrheit getragen wird oder ob nicht eben diese Mehrheit in aller Gemütsruhe abwartet, bis sich eine Rallye totläuft, um dann eigene Aktien zu wieder höheren Kursen zu verkaufen und/oder Short zu gehen. Wie viele glauben, dass die Bewegung, die jemand als „richtig“ klassifiziert, nur, weil sie eben da ist, tatsächlich tragfähig ist, weiß man also nie.

Zweitens bringt diese Plattitüde „der Markt hat immer Recht“ nichts, wenn es um die entscheidende Frage geht, was vor uns liegt. Wird diese Bewegung, die man mit diesem Spruch so unzulässig auf ein „was ist, ist halt“ herunterbricht, noch Wochen weitergehen oder in zwei Stunden in sich zusammenbrechen?

Eigentlich steckt hinter dieser Formulierung folgende Aussage:

Recht haben und Recht bekommen ist an der Börse oft zweierlei. Es gibt fundierte Trends, die den Rahmenbedingungen entsprechen, aber oft auch dumme Trends, die gegen die Rahmenbedingungen laufen. Denn sehr viele, die an der Börse aktiv sind, haben nicht das nötige Basiswissen, so dass sie gar nicht wissen, was sie da tun. Daher hat es keinen Zweck, sich gegen einen fahrenden Güterzug zu stemmen, denn ob ein Trend „klug“ oder „dumm“ ist: Gegen den Trend verliert man Geld und hat damit mit seinen Positionen Unrecht.

Börse aktuell: DAX Anstieg und Abstieg in den Jahren 2007 und 2008 | Online Broker LYNX

„Der Markt hat immer Recht“ und „folge dem Trend“ sind zwei Paar Schuhe!

Wenn man diese zu simple Aussage auf diese Weise konkretisiert, stimmt sie. Dann aber muss man daraus auch eine Schlussfolgerung ziehen: Es ist nie klug, sich gegen den Trend zu stemmen. D.h. „folge dem Trend“ ist ein absolut sinnvoller Rat. Aber es ist unabdingbar, zu wissen, ob dieser Güterzug von Kursbewegung gerade auf freier Strecke unterwegs ist, weil er von den Rahmenbedingungen her unterfüttert ist … oder um die nächste Ecke eine Wand wartet, gegen die diejenigen krachen, die denken, dass die Masse immer Recht hat und man somit völlig unbesorgt tun kann, was die anderen auch tun!

Wer das berücksichtigt, hat verstanden, dass der Markt sehr oft völlig daneben liegt und man deswegen gut daran tut, zu wissen, wie dick das Eis ist, auf dem man steht. Denn dann steigt man rechtzeitig aus, während diejenigen, die glauben, ihre Börsenkarriere ohne den Erwerb von Wissen, aber mit eingängigen Plattitüden bestreiten zu können, sang- und klanglos untergehen.

Börse aktuell: Aufstieg und Abstieg der Westwing Aktie in den Jahren 2020 bis 2022 | Online Broker LYNX

Wer weiß, dass Trends auch gefährlich unsinnig und instabil sein können, steigt umgehend aus, wenn der Trend bricht. Solche Akteure reagieren hoch sensibel auf Umkehrformationen der Chart- und Candlestick-Lehre, achten auf die gleitenden Durchschnitte und agieren mit Stoppkursen.

Wer mit „der Markt hat immer Recht“ daherkommt, interpretiert das oft als „ich habe immer Recht, weil ich nämlich gerade Geld verdiene“. Und wem so sehr die an der Börse stets erforderliche Demut vor der eigenen Fehlbarkeit abgeht, gehört zu den Kandidaten, die Glück mit Cleverness verwechseln, was über kurz oder lang, meist aber über kurz, schiefgeht.

Börse aktuell: Aufstieg und Abstieg der Hapag Lloyd Aktie in den Jahren 2019 bis 2022 | Online Broker LYNX

Eine Chartgalerie der Selbstüberschätzung

„Wenn alle dasselbe tun, sollte man erwägen, das Gegenteil zu tun“, diese alte Börsenregel hat schon etwas für sich. Ebenso wie der uralte Spruch: „Kaufe, wenn niemand kaufen will und verkaufe, wenn alle kaufen wollen“. Natürlich ist das für sich genommen fatal pauschal, denn dass alle kaufen wollen, das kann schon mal ein, zwei Jahre anhalten und man könnte als fachkundiger Investor schon ganz am Anfang einer solchen Phase glauben, dass die Masse mal wieder falsch liegt.

Wenn man nicht beherzigt, wie hartnäckig ein Trend sein kann und sich so lange nur im Geiste dagegen stellt, bis die Charts klar sagen, dass es jetzt an der Zeit ist, auf die Gegenseite zu wechseln, ist man am Ende dümmer als die Ahnungslosen, die nur blind mit der Masse mitlaufen. Denn dann beharrt man ja selbst darauf, Recht zu haben, stellt sich über und gegen den Trend. Das sollte man also besser lassen, so etwas.

Börse aktuell: Aufstieg und Abstieg der Sartorius Aktie in den Jahren 2019 bis 2022 | Online Broker LYNX

Aber wenn die Signale deutlicher werden, dass die Masse gerade dabei ist, im Eis einzubrechen, von dem sie nicht einmal wusste, dass es sich unter ihren Füßen befand, dann ist der rechte Moment gekommen. Diese Kolumne wurde von einer Reihe von Charts begleitet, die deutlich machen, wie extrem „dumme“ Trends sein können … und wie brutal sie am Ende enden. Fazit:

Folgen Sie dem Trend, aber denken Sie daran: Der Markt hat oft Unrecht. Und das zu erkennen, bedeutet, die Reißleine eines Fallschirms ziehen zu können, die die Masse nicht zu brauchen glaubt!

Ich wünsche Ihnen eine erfolgreiche Börsenwoche!

Ihr

Ronald Gehrt * Charts vom 18.11.2022, Chartquelle marketmaker pp4

Lassen Sie sich den Artikel vorlesen:

Starke Kursbewegungen können völlig unterschiedliche Ursachen haben und aufgrund dessen tragfähig oder im Gegenteil instabil sein. Im Chart sehen sie aber völlig gleich aus, das macht es immer knifflig zu entscheiden, ob man einer solchen Bewegung mit eigenen Positionen folgt, die Finger weglässt oder sogar dagegenhält. Ein wichtiger Faktor bei starken Aufwärtsbewegungen ist der „Short Squeeze“, der auch diesmal eine tragende Rolle gespielt hat. Aber das war es nicht allein, was die Kurse trieb: eine Spurensuche.

Von den bisherigen Jahrestiefs Ende September aus gerechnet ist der DAX jetzt sagenhafte 20 Prozent in nur sechs Wochen gestiegen. Genau so weit wie nach dem ersten Kurseinbruch im Februar/März. Diesmal lief er dabei weit über die 200-Tage-Linie, ist im Gegenteil zum Frühjahr aber markttechnisch gnadenlos überkauft. Würde er noch 500 Punkte weiter zulegen, hätte er 65 Prozent der gesamten Abwärtsbewegung seit dem Rekordhoch korrigiert. Bemerkenswert. Und absolut jeder, ob bullisch oder bärisch im Geiste oder im Depot, fragt sich an der Börse aktuell: Hält das? Und wenn ja, kommt da noch mehr, womöglich auch noch mehr als die 500 Punkte bis zur 65 Prozent-Korrektur?

Börse aktuell: Rallyes im DAX im Jahr 2022 | Online Broker LYNX

Spurensuche ist immer der erste Schritt

Wer da mit einem klaren „ja“ oder „nein“ antworten würde, hat das Grundprinzip der Börse nicht verstanden. Was, vereinfacht formuliert, „erwarten Sie das Unerwartete“ lautet und bedeutet, dass nie etwas wirklich sicher sein kann, weil sich die Rahmenbedingungen ebenso permanent verändern wie die Sichtweise der Anleger auf diese. Beides kann man nicht in der Glaskugel vorhersehen, also kann man das gleich bleiben lassen. Aber das heißt nicht, dass man nicht taugliche Wahrscheinlichkeiten ausmachen könnte. Um die zu finden, muss man sich auf die Spurensuche begeben. Erster Schritt: Was waren die Auslöser der Bewegung? Zweiter Schritt: Was taugen die als nachhaltige Motive für die Fortsetzung der Kursbewegung?

Wenn ich weiß, dass ein starker Impuls auf festem Fundament steht, heißt das zwar nicht, dass die Bewegung wie ein Strich weiterläuft. Aber sie hat dann das Zeug, nachhaltig zu sein, so dass es sinnvoll wäre, in Trendrichtung zu investieren, auch, wenn man bei einem überkauften oder überverkauften Markt immer Korrekturen nutzen sollte, um sich zu positionieren. Also, was passierte hier?

Sie sehen oben, dass der DAX nach dem eigentlichen Jahrestief Ende September bis zum 13. Oktober noch einmal nahe an das Tief zurückfiel und erst dann wirklich durchstartete. Daher ist dieser 13. Oktober der eigentlich interessante Punkt. Da fangen wir mit der Spurensuche an. Und finden:

Eine Super-Rallye auf Basis von Nachrichten, die gar nicht „super“ sind?

Die US-Inflationsdaten vom September, die am 13. Oktober herauskamen. Die haben die Rallye losgetreten, in den USA ebenso wie hier. Das Problem: Die Daten waren nicht bullisch. Nachdem man im Sommer zwei Monate mit zum Vormonat fast unveränderten Preisen sah, dachten viele, zumindest in den USA sei die Inflation besiegt und auch, wenn das bei uns ganz anders aussah, würde der beendete Preisdruck auch nach Europa herüberschwappen. Was Unfug war, ich hatte das damals schon erläutert. An diesem 13. Oktober erkannte man, dass aus diesen Phantasien nichts wird. Die Inflationsdaten waren schlechter als prognostiziert. Und man reagierte zunächst auch entsprechend. Das sieht man im DAX, aber noch besser im Dow Jones:

Börse aktuell: Gründe für die Rallye im Dow Jones im Oktober 2022 | Online Broker LYNX

Der Dow Jones startete an diesem Tag eine Stunde nach Vorlage der Inflationsdaten tief im Minus und genau auf Höhe des Ende September markierten, bisherigen Jahrestiefs, als plötzlich eine gigantische Kaufwelle einsetzte. Andere Nachrichten als die meisten Inflationsdaten gab es aber nicht. Und die blieben ja auch während der Käufe mies. Die Spur führt damit zu „Rettungskäufen“.

Große Adressen, die nicht zu Unrecht fürchteten, dass ein Bruch des bisherigen Tiefs einen gewaltige Verkaufswelle auslöst, die sie in heftige Probleme stürzen würde, warfen alles an Cash in die Schlacht, was greifbar war und erzwangen eine Rallye mit dem Brecheisen. Das interessante dabei: Die Käufe gingen weiter. Weil?

Weil die Terminbörsen-Abrechnung nahe war. Und normalerweise beginnt das Ringen um die Richtung der Kurse zur Terminmarkt-Abrechnung am Ende der Woche vor diesem Termin. Die Inflationsdaten kamen genau zu diesem Zeitpunkt. Große Akteure dort mussten ihre Positionen teilweise drehen, zogen die Kurse dadurch weiter nach oben. Am Tag der Abrechnung selbst, dem 21. Oktober, ging es dann gleich nochmal massiv nach oben.

Und um es vorwegzunehmen. Auch diesmal kamen die US-Inflationsdaten am Donnerstag vor der Terminmarkt-Abrechnung, die an diesem Freitag stattfindet. Es dürfte nicht nur so aussehen, als würde man dasselbe Spielchen jetzt noch einmal spielen. Aber erstmal weiter entlang des Terminkalenders.

Der Dow Jones stieg nach dem Abrechnungstermin weiter. Grund diesmal: Umschichtungen. Es kamen ab Ende Oktober ziemlich viele, schwache Quartalsbilanzen herein, aber vor allem im Technologiesektor. Anleger begannen daher, in die vermeintlich sicheren Häfen konservativer Aktien umzuschichten. Die stiegen, die Tech-Aktien klebten am Boden oder markierten sogar neue Jahrestiefs, wie der folgende Chart zeigt. Beim DAX lief es vergleichbar. Aber so etwas hat einen Haken:

Börse aktuell: Performance-Schere im Dow Jones und Nasdaq 100 ab Oktober 2022 | Online Broker LYNX

Dadurch werden die bis dato ohnehin schon nicht mehr billig bewerteten Objekte der Begierde überbewertet. Und bleiben es, denn relative Stabilität im Zuge einer Rezession heißt ja nicht, dass die Gewinne steigen, sie fallen nur weniger stark. So etwas kann zwar eine Zeit lang vorhalten, aber nicht auf Dauer. Die Tech-Werte werden früher oder später durchstarten. Und dann haben die durch diese Umschichtungen deutlich befeuerten Indizes wie DAX und Dow gegenüber TecDAX oder Nasdaq wieder das Nachsehen.

Dann kam das Argument der US-Wahlen, bei denen man sicher war, dass die Republikaner eine klare Mehrheit erringen werden. Stereotyp gedacht ist das gut für klassische Industriebranchen und schlecht für Hightechs, also wurde die Schere vor der Wahl noch größer. Der Haken: Entgegen den Prognosen blieb ein klarer Sieg der Republikaner aus. Es ist Stand jetzt (ich schreibe das am Samstagabend) noch nicht einmal sicher, dass die Republikaner die Mehrheit im Repräsentantenhaus schaffen. Als Hausse-Argument fiel die Wahl also aus, weshalb der Dow Jones am Tag nach der Wahl auch kräftiger nachgab (der DAX nicht), dann aber auf Basis des bisher letzten Arguments für Käufe erneut so richtig durchzog: Die Oktober-Inflationsdaten.

Gute US-Inflationsdaten als Rallye-Argument? Nicht, wenn man genau hinschauen würde

Aber die waren eben auch nicht gut. Weniger übel als erwartet, ja. Aber nicht gut. Und das sehe nicht nur ich, das kann jeder wissen und sehen. Denn dass die Rate auf Basis der Jahresveränderung stärker zurückkam als gedacht heißt eben nicht, dass da irgendetwas im Griff wäre.  Dazu noch einmal der Chart, den ich zu den September-Daten brachte, nur diesmal einen Monat nach vorne gerückt:

Börse aktuell: Entwicklung der Inflation in den USA von 2017 bis 2022 | Online Broker LYNX

Die jetzt veröffentliche Jahresveränderung von 7,7 Prozent setzt auf die um 6,4 Prozent höheren Preise im Oktober 2021 auf. D.h. wir haben eine viel zu hohe Inflation auf der Berechnungsbasis einer damals schon viel zu hohen Inflation. Das ist nicht bullisch, auch, wenn die Jahresrate im Vorfeld mit 8,0 Prozent prognostiziert worden war. Dass die US-Preise im Oktober gegenüber dem Vormonat um 0,4 Prozent weiter stiegen, genauso viel wie von August auf September, macht das deutlich. Trotzdem explodierten die Aktienindizes förmlich, als diese Zahlen herauskamen. Alle plemplem? Einige womöglich schon, aber eine derartige Kursexplosion wie am Donnerstag, im folgenden Chart als 15-Minuten-Chart des DAX über die vergangene Handelswoche hinweg gezeigt, kann nicht nur auf unwissenden und zugleich undisziplinierten Zockern fußen. Also?

Börse aktuell: Short Squeeze im DAX im November | Online Broker LYNX

Der Faktor Short Squeeze

Also muss es einen anderen Grund geben, warum die Kurse zuletzt so extrem gestiegen sind. Zumal man ja schon mal registrieren könnte, dass US-Wahl und US-Inflation kein Grund sind, dass unsere Kurse an der Börse aktuell derart steigen. Ein Short Squeeze würde das erklären.

Damit bezeichnet man eine massive Kaufwelle, basierend auf Rückkäufen von schiefliegenden Short-Positionen, seien es Futures Short-Positionen oder leer verkaufte Aktien. Dass es zu so etwas kommt, basiert auf den verlockenden Gewinnchancen insbesondere bei Aktien-Leerverkäufen, die viele das damit einhergehende, hohe Risiko vergessen lassen … bis es schiefgeht und man ausgequetscht wird wie eine Zitrone (woher der Spitzname Short Squeeze“ stammt).

Wenn man Aktien „leer“ verkauft, heißt das: Man verkauft Aktien, die einem gar nicht gehören, die man nie gekauft, sondern nur geliehen hat. Da kann man mit sehr großen Positionen hantieren, weil man nichts anderes zahlt als eine eher kleine Leihgebühr an den eigentlichen Eigentümer der Aktien und darüber hinaus beim Broker, der das für einen abwickelt, eine Sicherheitsleistung zu hinterlegen hat. Daher ist der Hebel gewaltig. Dummerweise aber in beide Richtungen.

Stellen Sie sich vor, Sie würden 1.000 Aktien zu 50 Euro ausleihen, verkaufen und auf fallende Kurse warten. Angenommen, die Aktie fällt auf 40. Dann kaufen Sie diese leer verkauften 1.000 Aktien für 40.000 Euro zurück … das Geld haben Sie ja, weil sie beim Verkauf dieser ausgeliehenen Aktien zu 50 Euro 50.000 eingenommen haben … und kassieren sportliche 10.000 Euro als Gewinn, abzüglich einer kleinen Leihgebühr. Die Sicherheitsleistung ist ja keine Bezahlung, die wird freigegeben, sobald Sie diese Position geschlossen haben. Das klingt verlockend. Es sei denn, es läuft in die falsche Richtung.

Denn steigt die Aktie entgegen Ihrer Erwartung auf 60, wird es eklig. Ihre Sicherheitsleistung beim Broker dürfte damit aufgezehrt sein. Um die Leerverkaufsposition zu halten, müssten Sie Geld nachschießen. Das viele, die als Leerverkäufer agieren, aber nicht haben. Was tun? Sie müssen aus der Position raus, sonst werden die Verluste immer größer, außerdem wird der Broker Ihre Position zwangsverkaufen, wenn die Sicherheitsleistung aufgebraucht ist. Also bleibt Ihnen nichts anderes übrig, als die Aktien so schnell wie möglich zurückzukaufen. Zu 60.000 Euro. Macht 10.000 Euro Verlust. Plus die Leihgebühr.

Da die Short-Seller genauso wie Akteure, die Long sind, in der Regel Stop Loss-Levels einziehen, zu denen die Positionen bei Schieflagen automatisch sofort geschlossen werden (sprich die Aktien dann zurückgekauft werden) und diese Levels normalerweise knapp über wichtigen charttechnischen Widerständen liegen, über denen weitere Kursanstiege zu befürchten sind, massieren sich solche Leerverkaufs-Rückkäufe über wichtigen Chartmarken. Und steigern die Dynamik der Rallye damit noch zusätzlich. D.h. die Bären kaufen, weil sie überrollt werden, und machen den Kursanstieg, der sie überrollt hat, dadurch nur noch extremer. Ich habe hier mal ein paar typische Punkte im Dow Jones-Chart eingezeichnet, die solche Short-Squeezes ausgelöst haben dürften:

Börse aktuell: Potentielle Short Squeeze Auslöser im Dow Jones ab Oktober 2022 | Online Broker LYNX

Aber eines muss man dabei im Hinterkopf behalten: Nur, weil ein bärischer Trader aus seiner Position herausgequetscht wurde, wird er ja im Geiste nicht bullisch. Solche Käufe sind Niederlagen der Bären, verändern aber deren Sicht der Dinge, die Grundlage, auf der sie Short gingen, nicht. Und wenn dann auch noch die Rahmenbedingungen an sich bärisch bleiben, muss man einen solchen Short Squeeze, der auch die Reaktion auf die US-Inflationsdaten am Donnerstag intensiviert haben dürfte, als temporäres Phänomen einordnen, nicht aber als einen „Game Changer“.

Ein solides Fundament … sieht anders aus

Fassen wir all das zusammen, bleibt unter dem Strich:

  1. Die Kurse steigen im Vorfeld einer Terminmarkt-Abrechnung: Das ist ein temporäres Zugpferd.
  2. Ein Gutteil der Kursgewinne bei DAX und Dow basiert auf Umschichtungen in angeblich „sichere Häfen“ in Form von Aktien aus klassischen Industriebranchen, die aber genau dadurch überbewertet werden und deswegen dadurch bald keine „sicheren Häfen“ mehr sind.
  3. Die US-Wahl fällt als Hausse-Argument aus, weil das Ergebnis keine allzu großen Veränderungen erwarten lässt.
  4. Dass die Inflation jetzt so weit im Griff ist, dass Zinserhöhungen entweder winzig ausfallen oder gleich ganz beendet werden, ist Wunschdenken, das sogar von mehreren „Fed“- und EZB-Notenbankern bereits gedämpft wurde. Da dann einfach wegzuhören ist keine nachhaltige Basis für weiter steigende Kurse.
  5. Der Short Squeeze dürfte mittlerweile so ziemlich durch sein, denn fast alle Chartmarken, über denen Stop Loss-Levels hätten liegen können, wurden bereits überwunden. Damit ist wieder Raum für die Bären, sich neu aufzustellen.
  6. Die großen Indizes außerhalb des Technologiesektors sind markttechnisch stark überkauft, das wird in den kommenden ein, zwei Wochen Gewinnmitnahmen provozieren die sich, da die Rahmenbedingungen weiter bärisch sind, auch zu neuen Abwärtsimpulsen auswachsen können.

Diese Super-Rallye hat daher aus meiner Sicht ein Fundament, auf das ich nicht einmal einen Klappstuhl stellen würde, geschweige denn Geld auf der Long-Seite einsetzen würde. Gut, das ist meine ganz subjektive Wertung der Dinge, das kann und wird mancher anders sehen. Aber auch, wer jetzt innerlich jubiliert und die Wende als vollzogen ansieht, täte sicher gut daran, sich an eines zu erinnern: Unverhofft kommt oft. Vor allem an der Börse.

Ich wünsche Ihnen eine erfolgreiche Börsenwoche!

Ihr

Ronald Gehrt

*Charts vom 11.11.2022, Chartquelle marketmaker pp4

Lassen Sie sich den Artikel vorlesen:

Bislang hatte Joe Biden knappe Mehrheiten in beiden Kammern des Kongresses. Die letzten Umfrage-Auswertungen deuten allerdings an, dass es damit ab morgen vorbei ist, denn da stehen die sogenannten „Midterm Elections“ an. Die Mehrheit im Repräsentantenhaus wird nahezu sicher fallen, die im Senat möglichweise auch. Damit droht eine fatale Patt-Situation. Aber der Aktienmarkt tut so, als wäre nichts. Warum?

Die Ergebnisse von per Computer durchgespielten Wahlausgansszenarien ergaben am Samstagnachmittag eine Wahrscheinlichkeit von 55:45, dass die Republikaner nach diesen „Midterm Elections“ die Mehrheit im Senat haben werden. Für das Repräsentantenhaus, die zweite Kammer des US-Kongresses, standen die Chancen sogar 84:16 für die Republikaner. Würde die Wahrscheinlichkeit siegen, hieße das, dass eine demokratische US-Regierung einer republikanischen Mehrheit im Kongress gegenübersteht. Das ist per se ungut. Aber zunächst mal: Was ist das überhaupt für eine Wahl?

Midterm Elections: Die Grundidee ist gut, aber …

Der US-Kongress hat zwei Kammern: den Senat mit 100 Sitzen und das Repräsentantenhaus mit 435 Sitzen. Dabei haben wir hier nicht eine aktive und eine eher passive Kammer wie bei Unter- und Oberhaus in Großbritannien oder Bundestag und Bundesrat, sondern zwei parallel zueinander agierende Kammern, die mit der Regierung und miteinander interagieren.

Der Senat besteht aus jeweils zwei Senatoren aus jedem der 50 US-Bundesstaaten, die für sechs Jahre gewählt werden. Was natürlich das Problem birgt, dass da einige, die sich als untauglich erweisen, lange auf ihrem Sitz kleben, dass bevölkerungsarme Bundesstaaten genauso viel Einfluss haben wie bevölkerungsreiche und manches mehr. Aber darum geht es jetzt nicht.

Das Repräsentantenhaus ist mit dem Bundestag vergleichbar. Hier ziehen die Wahlsieger aus den Wahlen in den 435 US-Wahlkreisen ein. Dass diese Wahlkreise oft nicht gerade fair gestaltet sind, ist nur einer von vielen Kritikpunkten, aber auch das interessiert die Börse natürlich eher wenig. Diese „Kongressmen“ werden für zwei Jahre gewählt.

Damit müssen also alle zwei Jahre die Angehörigen des Repräsentantenhauses neu gewählt werden. Zudem werden nicht alle Senatoren alle sechs Jahre zugleich gewählt, sondern alle zwei Jahre ein Drittel. Wobei die Verteilung immer recht bunt ist, d.h. in einigen Bundesstaaten steht diesmal gar keine Wahl an, in anderen wird ein Sitz neu vergeben, in anderen alle beide.

Die Grundidee ist schon sehr gut, finde ich. Erstens kontrollieren sich da zwei Kammern gegenseitig und stellen in ihrer Gesamtheit das Gegengewicht zur Regierung dar. Wobei die Wahlen durchaus auch mal so ausfallen können, dass die Partei eines neu gewählten Präsidenten von Anfang an in keiner Kammer eine Mehrheit hat, weil die Präsidentenwahl, die der Senatoren und die des Repräsentantenhauses voneinander unabhängig sind. Das passierte z.B. Bill Clinton bei seiner Wiederwahl 1996, vor ihm George Bush 1988. Und Nixon hatte nie eine Mehrheit seiner Partei in auch nur einer der beiden Kammern.

Und da sich ein Präsident allemal auch als Pleite erweisen kann, ist es gut, wenn die Bürger das nicht vier Jahre ertragen müssen, sondern die Chance haben, einem schlechten Präsidenten nach zwei Jahren eine gegen ihn laufende Mehrheit im Kongress zu verpassen. Denn die könnte dann gefährliche oder einfach nur schlechte Entscheidungen verhindern, indem die dann geltende Mehrheit der Gegenpartei dem Präsidenten die Zustimmung verweigert. Aber es gibt eben ein großes „aber“!

Ein Patt kann hilfreich sein … oder aber alles zum Stehen bringen

Diese Struktur funktioniert dann und bringt ein Land voran, wenn alle Beteiligten nicht nur konstruktiv agieren können, sondern es auch wollen. Und genau da liegt das Problem. Seit Jahrzehnten wird das Phänomen immer extremer, dass die Gegenseite neue Vorhaben egal welcher Natur grundsätzlich ablehnt, um sich eigene Vorteile zu verschaffen. Denn wenn man die Regierung im Regen stehen lässt, steigert man so die Chance, dass die Wähler diese bei der nächsten Wahl, hier also im November 2024, abwählen und man selbst ans Ruder kommt.

Diese „Strategie“, die man zwar vor allem den Republikanern zuschreibt, von der sich die Demokraten aber keineswegs freisprechen könnten, führt zu einer fatalen Blockade von allem. Wichtige Entscheidungen werden erst einmal gestoppt, ewig verhandelt, in faule Kompromisse verwandelt und dann als untaugliches „Wischiwaschi“ viel zu spät auf den Weg gebracht.

Die Grundidee, dass die Parteien bei unterschiedlichen Kräfteverteilungen konstruktiv zusammenarbeiten und so etwas Besseres herauskommt als würde eine Partei einfach „durchregieren“, ist damit eine Illusion. Wenn die Umfragen bzw. Prognosen Recht behalten, steht den USA zwei Jahre lang ein politischer Stillstand bevor, denn wie liefe die Entscheidungsfindung bei größeren Vorhaben jetzt ab?

Gegenseitige Blockade ist zu erwarten

Angenommen, der Präsident will ein neues Gesetz verabschieden, braucht er dafür die Zustimmung des Kongresses. Die er, weil dann die Republikaner die Mehrheit haben, nicht bekommt. Er kann zwar zum Teil mit sogenannten Dekreten (executive orders) agieren, aber nur, in der Sache und der zeitlichen Reichweite gleichermaßen, beschränkt.

Andererseits kann eine republikanische Mehrheit in den beiden Kongresskammern nicht einfach gegen den Präsidenten regieren. Denn auch, wenn man so eigene Vorhaben im Kongress durchbringt, hat der Präsident immer ein Vetorecht. Und ein solches Veto lässt sich nur aufheben, wenn in beiden Kammern eine Zweidrittelmehrheit für die Aufhebung stimmt. Und solche Mehrheiten werden die Republikaner eben auch nach den Midterm Elections nicht haben.

Also wird vieles, was Biden noch vorhat, nicht mehr Realität. Und was die Republikaner erreichen wollen, wird im Weißen Haus ausgebremst. Man wird auf politischer Ebene nicht imstande sein, schnell und entschlossen auf neue Herausforderungen zu reagieren, es sei denn, die Situation wäre so dringlich, dass die Kongressmitglieder ebenso wie die Regierung ihre parteipolitischen Spielchen sein lassen und sich ihrer Verantwortung für das Land erinnern.

Börse aktuell: Entwicklung S&P 500 nach den Midterms Elections von 1997 bis 2022 | Online Broker LYNX

In einer Situation, in der eine Rezession droht, die die soziale Schere noch weiter auseinander klaffen lassen wird, in der die geopolitischen Spannungen vor allem in Bezug auf Russland und China die Atmosphäre des kalten Kriegs wiederbeleben und ein tiefer politischer Graben durch die USA geht, den Biden nicht einmal im Ansatz zuzuschütten vermochte, eine üble Perspektive. Eine, die letztlich auch negativ für die US-Wirtschaft ist. Aber die Börse tut aktuell so, als wäre nichts. Und das, wie der vorstehende Chart zeigt, der die Zeitpunkte der Midterm-Elections und ihrer Ergebnisse seit 1998 zeigt, nicht zum ersten Mal. Seltsam?

Für die Börse heißt ein „Patt“ weniger Einmischung

Nein, wenn man weiß, dass man an der Börse gerne in Stereotypen denkt, auch, wenn die allzu oft von der Realität eingeholt werden. Hier wird die Idee hoch gehalten, dass eine lahmgelegte Politik sich weniger in die Belange der Wirtschaft eimischen kann und das positiv sei, weil man in der Wirtschaft zusammen mit der Notenbank besser weiß, was zu tun ist, als die Politiker. Im Prinzip klingt das logisch, immerhin sind viele, die in der Politik die Strippen ziehen, nicht vom Fach und verfolgen auch mal Interessen, die den Unternehmen zuwiderlaufen. Aber:

Dieser Stereotyp ist zu simpel gestrickt. Oft genug hat es sich gezeigt, dass die dominanten Kräfte der Wirtschaft, keineswegs nur in den USA, nur das eigene Profitziel vor Augen haben. Das aber mittelfristig umso mehr Probleme und Verluste einbringt, wenn man die Arbeitnehmer und damit den Verbraucher als denjenigen, der am Ende der Kette dafür steht, dass solche Gewinne auch von Dauer sind, nicht einbezieht.

Dass Unternehmen die immense Inflation nutzen, um in deren Kielwasser den eigenen Profit zu steigern, wie wir das (nicht nur) bei vielen Nahrungsmittelherstellern erleben, ist da nur ein Beispiel von vielen. Das ist kurzfristig aus eigener Sicht clever, mittelfristig äußerst dumm.

Wird die Politik durch den Wähler bzw. das eigene Fehlverhalten bei einem politischen Patt kaltgestellt, ist das für die wirtschaftlichen Perspektiven also keineswegs zwingend eine gute Sache. Doch für die kommenden Wochen wären solche Erwägungen irrelevant, falls die Mehrheit der Akteure den Stereotyp eines bullischen, politischen Patts spielen will. So, wie z.B. 2014, als sich das Szenario ereignete, das jetzt wahrscheinlich ist. Barack Obama bzw. seine Demokraten verloren damals die Mehrheit in Senat und Repräsentantenhaus gleichzeitig. Der Chart zeigt:

Börse aktuell: Entwicklung S&P 500 nach den Midterms Elections 2014 | Online Broker LYNX

Der US-Aktienmarkt hatte damit absolut kein Problem, die vorherige Rallye setzte sich noch mehrere Wochen lang fort. Wird es diesmal genauso laufen?

Jede Situation ist anders … man sollte sich besser nicht auf „Blaupausen“ verlassen

Das ist offen, eher sogar fraglich. Denn von einer Rallye kann in Bezug auf den US-Aktienmarkt ja derzeit keine Rede sein. Es kommt vielen von uns nur so vor, weil der DAX so stark läuft und man gewohnt ist, dass der den US-Aktienindizes brav hinterherläuft. Aber wenn wir uns ansehen, wie sich DAX und S&P 500 in den vergangenen sechs Monaten entwickelt haben, stellen wir fest:

Börse aktuell: Entwicklung S&P 500 und DAX im Vergleich im Jahr 2022 | Online Broker LYNX

Während der DAX wieder an sein Hoch vom September gelaufen ist und über die letzten sechs Monate gerade mal 1,5 Prozent hinten liegt, liegt der marktbreite S&P 500 8,5 Prozent im Minus. Vor allem seit Ende September hinken der US-Aktienmarkt und da vor allem die Technologiebranchen auffällig hinterher. Dass es ausgerechnet bei uns läuft, wo das Wachstum besonders schwach ist, die Notenbank mit ihren Maßnahmen hinterherhinkt und internationalen Investoren Währungsverluste drohen, ist schon eher kurios und, vermutlich, nicht für die Ewigkeit gemacht. Aber es deutet an, dass man diesen Midterm Elections und ihrem wahrscheinlichen Ausgang nicht gerade mit Euphorie entgegensieht.

Als Obama nach der Wahl 2014 den Kongress gegen sich hatte, war die Gesamtsituation nicht von Krisen bestimmt wie heute. Krisen, die nicht alleine von den Notenbanken und der Wirtschaft alleine beherrscht werden können. Als Trump 2018 zumindest die Mehrheit im Repräsentantenhaus verlor, wurde der Abwärtstrend nach einem kurzen „Hüpfer“ wieder aufgenommen, aber dabei spielten die dann ab Januar neu formierten Mehrheiten keine Rolle. Es ging um das Wachstum, um den Handelskrieg und vor allem um die damaligen Leitzinserhöhungen der US-Notenbank, die im Dezember dann beendet wurden. Das trieb die Anleger um, die Mehrheiten im Kongress spielte Ende 2018 keine so große Rolle.

Ob die Börse sie ignoriert oder nicht: Diese Wahl ist wichtig

Das kann diesmal anders sein. Aber ob man, da es die Spatzen längst von den Dächern pfeifen, diese kommenden zwei Jahre politischen Stillstands bereits eingepreist hat oder nicht … ob die Prognosen am Ende wirklich zutreffen oder nicht … ob andere Themen umgehend wieder übernehmen oder die Politik länger auf die Kurse wirkt als nur ein, zwei Tage … es wäre vermessen, das weissagen zu wollen. Wichtig ist nur eines:

Ob der Aktienmarkt die Ergebnisse der Midterm Elections ignoriert oder eine ausgeprägte Reaktion erfolgt, mittelfristig ist es in dieser so schwierigen Phase in jedem Fall von großer Bedeutung, ob in Washington im Notfall schnelle, konsequente Entscheidungen fallen oder sich auch wichtige Dinge so lange hinziehen, bis es zu spät ist. Ich für meinen Teil werde diese Wahl wie immer in den letzten über 30 Jahren nonstop verfolgen, sobald an der Ostküste die ersten Wahllokale schließen. Denn neben ihrer Bedeutung sind US-Wahlen gerade wegen dieses eher komplexen politischen Systems mit den oft skurrilen Besonderheiten beim Wahlsystem auch äußerst spannend!

Ich wünsche Ihnen eine erfolgreiche Börsenwoche!

Ihr

Ronald Gehrt

* Charts vom 04.11.2022, Chartquelle marketmaker pp4

Lassen Sie sich den Artikel vorlesen:

Es ist nicht die erste mehrwöchige Rallye, die die Aktienmärkte in diesem Jahr sehen. Bislang sind sie alle gescheitert und neuen Tiefs gewichen. Aber irgendwann wird aus einer Rallye eben auch die endgültige Aufwärtswende. Ist es diese, die den Turnaround bringt … oder scheitert sie wie ihre Vorgängerinnen? Dafür ist die Gesamtsituation entscheidend, sehen wir uns die anhand einiger entscheidender Eckpunkte einmal an.

Abwärtsbewegungen, die in einem eindeutig bullischen Marktumfeld auftauchen, sind entweder durch Gewinnmitnahmen ausgelöst oder durch kurzfristige Irritationen. So etwas dauert nie lange, dann sind die Käufer wieder da. Aufwärtsbewegungen innerhalb einer Baisse, wie an der Börse aktuell, werden von Short-Eindeckungen und dem Aufkeimen von Hoffnungen initiiert. Letztere können sehr hartnäckig sein, weshalb Rallyes in Abwärtstrends stärker ausfallen und länger anhalten können als Rücksetzer in einer Hausse. Aber nur, wenn die Hoffnungen auch einen tauglichen Unterbau haben, wird mehr daraus. Es müsste sich etwas in den Rahmenbedingungen abzeichnen, das imstande wäre, die Kurse lange genug oben zu halten, bis die Wirtschaft wieder durchstartet. Haben wir diese Situation gerade?

Eigentlich hat die Krise ja noch nicht einmal begonnen. Noch haben wir keine wirkliche Rezession, weder in den USA noch in Europa. Noch ist auch die Inflation nicht besiegt, im Gegenteil, es ist ja noch nicht einmal eine Art Topp erreicht. Wer momentan beherzt Long geht, muss unterstellen, dass die Rezession gar nicht kommt, dass es gelingt, die Inflation zu stoppen und zum Teil wieder umzukehren, ohne dass die Volkswirtschaften nennenswert ins Wanken geraten, ohne dass Unternehmen unter Wasser geraten. Man muss darauf setzen, dass es nicht zu einer Lohn/Preis-Spirale kommt, das Volumen platzender Kredite gering bleibt, die Verbraucher trotzdem den Konsum befeuern. Fangen wir mal mit dem an, was dieser Klientel als Beweis dient: Das wider Erwarten um 0,3 Prozent gestiegene deutsche Bruttoinlandsprodukt des dritten Quartals.

Na also, alles im Griff? Das Wachstum des deutschen Bruttoinlandsprodukts

Man hatte seitens der Volkswirte im Schnitt einen Rückgang der deutschen Wirtschaftsleistung um 0,2 Prozent zum Vorquartal vermutet, gemeldet hat das Statistische Bundesamt aber einen Zuwachs um 0,3 Prozent. Und zwar real, also um die Inflation bereinigt. Zum Vorjahr liegen wir dadurch immer noch 1,2 Prozent höher, vermutet hatte man einen Rückgang auf +0,7 Prozent.

Das ist überraschend. Aber wenn ich so etwas hier als Kommentar zu diesen Zahlen lese, fürchte ich, da gibt es einige, die nichts von dieser Krise haben kommen sehen und jetzt bestätigt sehen, dass sie richtigerweise auf die ewige Hausse gesetzt hatten: „All jene, die Deutschland (und Europa) in eine tiefe Rezession stürzen sahen, müssen bitter enttäuscht sein.”

Das kommt von einem Unternehmen, das Geld der Sparer verwaltet. Unfassbar. Wer so etwas schreibt, unterstellt, dass, wer vor der Rezession warnt, selig ist, wenn sie kommt und andere leiden. So etwas als Aussage von einem großen deutschen Vermögensverwalter, das lässt tief auf das Denken desjenigen blicken, der so etwas verbreitet. Und ich könnte mir gut vorstellen, dass nicht wenige ähnlich denken. Was aber hieße: Viele unterstellen, dass dieses Plus im Bruttoinlandsprodukt der Beweis sei, dass es nicht zu einer Rezession kommt.

Börse aktuell: Entwicklung BIP Deutschland von 1999 bis 2022 | Online Broker LYNX

Meines Erachtens haben wir de facto längst eine Rezession, in den USA ebenso wie in Deutschland. Warum das dritte Quartal ein Wachstum zeigte? Das Statistische Bundesamt sah den privaten Konsum als Wachstumstreiber. Das ist gut, wenn das auf einer großen Mehrheit solventer Bürger fußt, denen ein paar Quartale immens steigender Preise nichts ausmachen und die keinen Grund sehen, deswegen weniger zu konsumieren. So etwas finde ich in meinem persönlichen Umfeld aber eher weniger. Und nichts im Zuge von ZEW-Indizes, ifo-Index, Einkaufsmanagerindizes oder den Meldungen aus Industrie und Dienstleistungssektor würde bestätigen, dass die Deutschen nicht nur einfach weitermachen wie bisher, sondern noch eine Schippe drauflegen. Also, was könnte das Wachstum ausgelöst haben?

Was wurde weniger im Juli, aber im August und September extrem viel gekauft? Wenn ich mich umschaue, stelle ich fest: Im August und besonders im September wurde Heizöl, kaum erhältlich und teuer, aus Angst vor dem Winter gebunkert. Holz und Pellets dito, Elektroöfen und Notstromaggregate ebenfalls. Beim heimischen Baumarkt war Mitte September schon die dritte Charge an Elektro-Heizkörpern ausverkauft. Kaum da, schon aus dem Laden geschleppt, die Nachfrage immer noch nicht gestillt. All diese Dinge hätte in einem normalen Umfeld kaum jemand erworben. Und wir reden da meist von dick vierstelligen Summen! Eine Tonne Pellets kostet gerade fast das Vierfache des Preises von vor zwei, drei Jahren. Notstromaggregate liegen zwischen 600 und 2.000 Euro. 2.000 Liter Heizöl kosten über 3.000 Euro. Das alles geht ins Bruttoinlandsprodukt mit rein. Also täte man wohl gut daran, diese Zahlen nicht als Beweis dafür zu sehen, dass die Krise nebst Rezession abgesagt ist. So, jetzt genug damit, kommen wir zu anderen Punkten:

Inflation? Bei bester Gesundheit!

Gestern kam auch die Vorab-Berechnung zur deutschen Inflationsrate im Oktober. Mit einer Jahresrate von 10,4 Prozent, in der harmonisierten, d.h. der Eurozone einheitlich angeglichenen Berechnung sogar von 11,6 Prozent sehen wir: Die EZB hat bislang keinen Grund, über eine Pause bei den Zinserhöhungen nachzudenken. Was aber viele derer, die an der Börse aktuell DAX & Co. nach oben kaufen, unterstellen.

Alleine zum Vormonat ging es mit den Preisen hierzulande um 0,9 Prozent nach oben, die Prognosen hatten nur bei +0,6 Prozent gelegen. In der harmonisierten Berechnung waren es sogar +1,1 Prozent (Prognose +0,5 Prozent). Wenn wir uns das mal indexiert ansehen, und zwar in der realeren, weil harmonisierten Variante, sehen wir: Vor einer Abflachung der Inflation ist nichts zu sehen.

Börse aktuell: Entwicklung Harmonisierter Verbraucherpreisindex Deutschland von 1999 bis 2022 | Online Broker LYNX

Und diese Ergebnisse machen auch klar, dass man sich über eine noch wachsende Wirtschaft lieber nicht freuen sollte, denn genau das befeuert ja die Nachfrage, die Preise und somit die Notwendigkeit, die Inflation durch noch höhere Zinsen zu stoppen. Und es birgt das Risiko, dass man mit den Zinsanhebungen zu weit geht.

Denn all diese oben genannten, kapitalintensiven Käufe der letzten Monate fallen dafür ja im Winter weg bzw. andere Dinge können, weil das Geld für Pellets, Heizöl oder Aggregate draufging, dann eben nicht gekauft werden. Die Wirtschaft wird also durchaus zurückkommen, die Nachfrage sinken und das die Inflation bremsen. Aber mit diesen aktuellen Daten eines starken Bruttoinlandsprodukts und einer weiter zu hohen Inflation werden die Zinsen erst einmal weiter angehoben … und werden das Loch, in das die Wirtschaft eben am Ende doch fallen wird, vertiefen. Weiter im Text: Was tut sich am Aktienmarkt?

Es ist eine Rallye wie die anderen … und bislang ziehen die entscheidenden Akteure nicht mit

Rallyes haben eine hypnotische Wirkung, die aus ihnen herausstrahlende Zuversicht ist ansteckend, selbst dann, wenn es ihr an einem soliden Unterbau fehlt. Oder besser: gerade dann. Denn natürlich stecken viele Anleger jetzt in der Verlustzone fest, was könnten die lieber sehen als eine Rallye? Da schaut man nicht genauer hin, ob das alles Hand und Fuß hat, das nimmt man gerne als „richtig“ und „sicher“ an und hilft aktiv mit, die Kurse anzuschieben, immerhin wirkt es bei vielen Aktien jetzt, als könne man da die Schnäppchen des Jahrzehnts machen, einfach, weil sie schon so weit gefallen sind. Außerdem wächst mit jeder vorherigen, abverkauften Rallye die Hoffnung, dass die nächste dann endlich wirklich die Wende bringt.

Aber wie eingangs erwähnt kann so etwas nur dann eine echte Wende werden, wenn die Basisfaktoren, die die Baisse initiiert hatten, entweder ins Positive gedreht haben oder dies zumindest in nächster Zeit zu erwarten ist, wobei „in nächster Zeit“ eine Spanne zwischen drei und sechs Monaten zu sein pflegt.

Und es ist vor allem nötig, dass nicht nur hoffnungsvolle Privatanleger kaufen, sondern auch diejenigen, die mit dem richtig großen Geld agieren und damit Trends machen und genauso auch kippen können: Zum einen die großen Trader am Terminmarkt, zum anderen die institutionellen Investoren wie Fonds und Pensionskassen. Und in beiden Bereichen sieht es momentan noch nicht so aus, als würde man da ernsthaft auf Hausse drehen.

Börse aktuell: Kursentwicklung S&P 500 und Entwicklung der Kredite für Derivate-Margin in den USA von 1999 bis 2022 | Online Broker LYNX

So sehen wir im vorstehenden Chart, dass das Volumen der Kredite für Sicherheitsleistungen im Derivatebereich, die sogenannten „Margin Debits“, weiter gefallen ist. Hier haben wir zwar bislang nur die Entwicklung bei zum 30.9., d.h. es könnte im Oktober wieder zu einer Zunahme der Zocker-Positionen gekommen sein. Aber ich würde vermuten, dass dieser Anstieg der Volumina, mit denen Derivate auf Kredit getradet werden, dem immensen Anstieg des Aktienmarkts nicht entsprechen wird. Denn wer derart riskant zockt, tut das nur, wenn er/sie sich wirklich gute Chancen ausrechnet, bei Margins auf Pump ist man beim kleinsten Fehler weg vom Fenster.

Auffällig ist auch, dass die Barreserven der US-Fonds zuletzt neue 20-Jahres-Hochs erreicht haben. Wenn die Fonds nennenswert kaufen und zugleich die Barreserve steigen soll, müssten sie von frisch zufließendem Geld der Sparer förmlich erdrückt werden. Davon war bislang aber nichts zu hören. Die steigende Barreserve wäre also wohl richtiger so interpretiert, dass sich die Fondsmanager noch gezielt zurückhalten, dieser Super-Rallye eher misstrauen, eben weil die Rahmenbedingungen nicht passen. Denn sie wissen sehr wohl:

Börse aktuell: Entwicklung der Barreserven der US-Fonds in Prozent | Online Broker LYNX

Ob US-Notenbank und EZB dann Ende des Jahres einen 0,50 Prozent-Zinsschritt statt eines Schritts von 0,75 Prozent machen, ändert an der Gemengelage an sich absolut nichts. Für die überschuldeten Privathaushalte dies- wie jenseits des Atlantiks sind die Zinsen auch jetzt schon zu hoch, die in den USA bereits über sieben Prozent gelaufenen Hypothekenzinsen mal sowieso.

Zudem war von vornherein klar, dass man irgendwann das Tempo senken bzw. eine Pause einlegen wird, um die Wirkung der Zinsmaßnahmen zu prüfen, weil man dort ja weiß, dass diese Wirkung erst mit Zeitverzögerung eintritt. Damit sind solche Gerüchte bzw. Hoffnungen nichts, was etwas Neues bergen würde. Und sie sind per se eben auch nicht bullisch. Jetzt abschließend der Blick auf die charttechnische Situation. Ein Blick auf den DAX zeigt:

Stärkste Rallye seit Ende 2020 im kritischsten Umfeld seit Jahrzehnten: Wer soll da noch kaufen?

So stark wie in diesem Oktober hatte der DAX zuletzt im November 2020 zugelegt. Damals waren die US-Wahl und die Corona-Impfstoffe die Treiber gewesen. Auch diesmal steht eine US-Wahl an, morgen in einer Woche. Aber sie wird mit hoher Wahrscheinlichkeit dazu führen, dass sich US-Regierung und Kongress gegenseitig blockieren, weil die Demokraten ihre Mehrheit im Repräsentantenhaus und, wenn es dumm läuft, auch im Senat verlieren. Das wäre in einer Situation wie dieser ein „Worst Case“-Szenario, denn das verheißt nicht frischen Wind, sondern völlige Windstille, für zwei lange Jahre. Also nichts, das als Argument dienen würde, jetzt auf die Rückkehr starken Wachstums zu setzen. Vor allem nicht, nachdem der DAX bereits relativ stark in kurzer Zeit gelaufen ist.

Börse aktuell: Prozentuale Entwicklung DAX pro Monat von 2014 bis 2022 pro Monat | Online Broker LYNX

Das gilt für den Dow Jones natürlich ebenso. Dabei gab es dort durchaus viele miese Quartalsbilanzen. Aber wie üblich in Hoffnungs-Rallyes verkaufte man die „schlechten“ Aktien, nur, um sie ein paar Tage später dann als Schnäppchen anzusehen und bis dahin einfach andere Aktien zu kaufen, die ihre Ergebnisse noch nicht gemeldet hatten. Und wer den Break über die 200-Tage-Linie, der dem Dow Jones am Freitag gelang, als massiv bullisches Signal ansieht, sollte erst einmal diesen Chart betrachten:

Börse aktuell: Kursentwicklung Dow Jones und RSI-Indikator im Jahr 2022 | Online Broker LYNX

Das war dem US-Flaggschiff Mitte August auch gelungen, auch die da geltende Abwärtstrendlinie wurde überboten. Aber kaum war das vollzogen, warteten diejenigen, die das aktiv befeuert hatten, auf Anschlusskäufe, die nicht kamen. Auffällig war der RSI-Indikator: Der war da erstmals im laufenden Jahr in die überkaufte Zone gelaufen. So etwas passiert selten. Das kann zwar ein paar Tage vorhalten. Aber normalerweise ist dann eine Korrektur, zumindest eine Seitwärtsbewegung nahe.

Damit es diesmal anders läuft, müssten genug Trader, die jetzt noch nicht gekauft haben oder noch zukaufen können/wollen überzeugt sein, dass a) die Notenbanken ihr Tempo herunterfahren, b) das dann auch wirklich etwas ändert und c) die Inflation trotzdem besiegt wird und nicht im Gegenteil das Zaudern der Notenbanker die Lage verschlimmert, weil das Problem sich verstetigt.

Hoffnung und Gier kann viel erreichen, auch eine Wende vor der Zeit. Aber „kann“ heißt nicht „muss“ … und nach diesem Roundup zumindest äußerst skeptisch an den Gedanken heranzugehen, dass jetzt die endgültige Aufwärtswende läuft, kann wirklich nicht schaden. Dass Halloween auch diese Rallye zum Spuk macht, ist die momentan noch wahrscheinlichere Variante für die kommenden Wochen.

Ich wünsche Ihnen eine erfolgreiche Börsenwoche!

Ihr

Ronald Gehrt

*Charts vom 28.10.2022, Chartquelle marketmaker pp4