Börse aktuell

Hier erfahren Sie, was an der Börse aktuell geschieht. Unser Börsenexperte Ronald Gehrt beobachtet täglich das aktuelle Börsengeschehen und fasst die neuesten Börsendaten und Börsenberichte wöchentlich für Sie zusammen. Mit Börse aktuell bringen wir die wichtigsten Börsennachrichten auf den Punkt und kommentieren, was momentan an der Börse los ist.

Börse: Aktuelle Nachrichten der Woche

Neues von der Börse: Unsere aktuellen Börsennachrichten informieren Sie jede Woche über die derzeitige Börsenentwicklung. Was beschäftigt die Börse? Was steht diese Woche an? Diktieren Bullen oder Bären die Märkte? Sollten Sie Ihre Investitionen erhöhen oder lieber Gewinne mitnehmen? Wir geben Ihnen die Antworten auf diese Fragen, wagen einen Ausblick auf die kommende Börsenwoche und bewerten anstehende Ereignisse, die Auswirkungen auf den Börsenverlauf haben könnten.


Börse aktuell vom 30.-06.12.2020

Der Fahrplan der Bullen und die „amnesia börsiensis“

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In diesem Artikel

DAX
ISIN: DE0008469008
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Zum DAX

Schnell rein in den Markt, bevor es zu spät ist? Weil doch alles überraschend nach oben drehte und damit belegt ist, dass die Jahresend-Rallye begonnen hat? Langsam! Was wir derzeit sehen, könnte Phase 1 einer Jahresend-Rallye sein. Muss es aber nicht. Welche Rolle spielen eigentlich die tatsächlichen Rahmenbedingungen dabei?

Die Kurssteigerungen an der Börse aktuell rühren nicht nur vom überzeugtem Glauben an die ewige Hausse bei den Investoren her, sondern auch davon, dass die Akteure seit Monaten immer wieder auf Basis ein und derselben Hoffnung kaufen: Schnelle Erholung der Weltwirtschaft, zügiges Überwinden der Pandemie, entschlossenes Ausschütten von Billionen durch Regierungen und Notenbanken. Das nutzt sich irgendwann ab, sollte man meinen. Und ja, das wird auch passieren, wenn die Realität nicht liefert, was die Anleger vorwegnehmen. Aber bis es soweit ist, kann es lange dauern.

amnesia börsiensis: Schnelles Vergessen als Treibstoff der Hausse

Man neigt dazu, sich über Stubenfliegen lustig zu machen, die immer wieder gegen Fensterscheiben fliegen, weil sie bereits eine Sekunde nach dem letzten vergeblichen Versuch vergessen haben, dass es da nicht weitergeht. Fliegen halt. Aber in drei Wochen bricht dann wieder Kaufpanik aus, weil ja keiner ahnen konnte, dass Heiligabend auf den 24.12. fällt. Menschen sind sehr gut darin, Dinge, die ihnen nicht passen, zu vergessen und/oder zu verdrängen. Vorsorgen zum Beispiel. Oder umsichtig zu agieren. Das gilt auch und gerade für die Börse.

Und in der Regel kommt Vergesslichkeit nirgendwo so teuer zu stehen wie an der Börse … es sei denn, man fährt nichtsahnend bei Glatteis mit seinen abgefahrenen Sommerreifen auf einen Maybach auf, weil man sich zu erinnern glaubt, dass es doch um diese Jahreszeit sonst nie so kalt war. Das wird dann teurer.

An der Börse scheint schnelles Vergessen schon fast eine Kulthandlung zu sein. Und das nicht erst seit vorgestern. Ich bin jetzt ziemlich genau 31 Jahre dabei, seit ich meine ersten Aktien, ich glaube, es war Krupp-Hoesch, gekauft habe. Dieses Phänomen, immer wieder auf dasselbe Ereignis hin zu kaufen, das nicht einmal eintreten muss oder, wenn es eintritt, die Erwartungen gewaltig enttäuschen kann, ist alles andere als neu. Manchmal geht das gut. Manchmal aber auch nicht.

Die meisten werden sich nicht erinnern (sic!), aber 2014 bis 2016 hatten wir ein Paradebeispiel für dieses Verhalten und wie man damit eben auch auf den Bauch fallen kann. Der folgende DAX-Chart blickt zurück auf die Phase der „EZB-Hausse“:

Was die Anleger heute treiben, ging auch schon mal so richtig schief!

Damals war die Eurokrise noch nicht wirklich vom Tisch und die Stützung des Anleihemarkts durch die EZB verlor an Wirkung. Da deutete Mario Draghi im Herbst 2014 an, man könnte das „Quantitative Easing“ auch auf europäische Staatsanleihen ausweiten. Die Kurse schossen nach oben, weil die Anleger sicher waren, dass das der große Wurf würde und dickes Wachstum damit vorprogrammiert sei. In den nächsten Sitzungen der EZB wurde die Andeutung konkretisiert, dann terminiert und endlich, Anfang März 2015, auch wirklich vollzogen. Mit jedem „Teilschritt“ der EZB wurde erneut gekauft, als sei da etwas ganz Neues verkündet worden. In der Spitze legte der DAX binnen eines halben Jahres fast 50 Prozent zu. Und wie ging es aus? Unschön.

Börse aktuell: Entwicklung DAX während EZB Hausee 2014 bis 2016 | Online Broker LYNX

Sie sehen es im Chart: Nur kurz nachdem die EZB wirklich mit Staatsanleihekäufen begonnen hatte, war die Hausse vorbei. Erstens, weil diese gezielte „Vergesslichkeit“ und die daraus resultierenden permanenten Zukäufe dazu geführt hatten, dass schon vorher jeder mit Haus und Hof im Aktienmarkt Long war, so dass dem Markt die Käufer ausgingen. Zweitens, weil sich die Sache dummerweise eben nicht als Allheilmittel erwies. Im Februar 2016 landete der DAX in etwa dort, wo er im Oktober 2014 gestartet war.

Natürlich würden überzeugt bullische Investoren diesen Vergleich zu heute brüsk zurückweisen, mit dem klassischen Argument: „Diesmal ist das doch etwas ganz anderes“. Vergessend, dass dieses Argument immer kommt und es, was den Kern der Sache angeht, eben ganz und gar nicht anderes ist.

Diesmal ist es etwas ganz anderes? Nein, ist es nicht!

Aus seinen Fehlern nichts lernen zu wollen, ist, denke ich, einfach menschlich. Sich selbst einzugestehen, einer fixen Idee aufgesessen zu sein, ist nicht ganz einfach. Wenn man dabei Geld verloren hat und sich deswegen umso mehr schelten müsste, erst recht. Ich darf mich da beileibe nicht ausschließen. Hätte ich keinen meiner Fehler an der Börse zweimal gemacht, könnte ich mir heute eine mittelgroße Insel kaufen und die Füße hochlegen. Aber man muss genau überlegen, was man nicht zweimal machen sollte. Denn ja, es ist ganz und gar nicht sicher, dass das, worauf die Anleger heute setzen, eintritt. Aber das ist nicht der Punkt!

Es ist egal, ob die Akteure auf effektive Notenbankpolitik, Handelsdeals oder wie an der Börse aktuell auf die konjunkturelle Wende und ein baldiges Ende der Pandemie setzen. Entscheidend ist, dass sie immer wieder aufs Neue dasselbe Ereignis vorfeiern und damit eine Art „Hoffnungsblase“ entsteht. Die ist es, die immer wieder auftaucht und die ist es, die man nicht „vergessen“, sprich verdrängen darf.

Das heißt, man kann selbstredend auf einer solchen Wellte reiten und einer Hausse folgen, die auf dünnem Eis tanzt. Darin liegt kein Fehler. Der Fehler entsteht dann, wenn man dieses Risiko verdrängt und deswegen nicht reagiert, wenn es schiefgeht!

Und das kann es. Nüchtern betrachtet können wir heute nicht voraussagen, wann und wie schnell die Stabilisierung der Weltwirtschaft wirklich nachhaltig wird und die Pandemie keine mehr sein wird, wann die Normalität und damit auch ein normales Konsumverhalten zurückkehren werden. Aber wir wetten darauf, dass es so kommt und dass es bald sein wird. Und das kann auch ganz anders kommen. Der folgende Chart soll das skizzieren:

Börse aktuell: Entwicklung und Prognose DAX 2020 bis 2021 | Online Broker LYNX

Was, wenn sich die Erwartungen nicht erfüllen? Wenn die neue US-Regierung im Senat blockiert wird, dringende Maßnahmen monatelang ausbleiben? Was, wenn die Pandemie schneller ist als die Impfstoffe, die bislang aufgehaltene Pleitewelle dadurch doch kommt, ein deutlicher Anstieg der Arbeitslosigkeit eine Situation schafft, die eben nicht bis zum Frühjahr zu reparieren ist, sondern den Konsum längere Zeit unter dem vorherigen Level hält?

Das Risiko, dem viele derzeit unterliegen, ist nicht, bei dieser Hoffnungs-Hausse dabei zu sein. Die Gefahr ist, zu vergessen, dass diese Hausse riskant ist. Wer sich sicher ist, dass da nichts schiefgehen kann, läuft Gefahr, nicht zu reagieren, wenn es eben doch ganz anders kommt. Aber Vorsicht, dass etwas schiefgehen kann, heißt nicht, dass es schiefgehen MUSS!

Börse aktuell: Der Fahrplan der Bullen könnte funktionieren!

Denn die bullische Seite hätte jetzt die Chance, eine Art „Dreisprung“ zu vollziehen, wie im folgenden Chart skizziert:

Börse aktuell: Entwicklung DAX von Januar bis November 2020 und Fahrplan der Bullen | Online Broker LYNX

Am 18.12. ist der dreifache Hexensabbat, der Verfalltermin für Future und Optionen. Und keine zwei Wochen später kommt das Window-Dressing zum Jahresultimo. Beides zieht die Kurse oft höher. Und kommt es so, hätten wir zum Ende eines Jahres, das viele im Frühjahr schon als Katastrophenjahr für die Anleger abgeschrieben hatten, ein Plus bei den wichtigsten Indizes. Das würde die Chance bieten, dass die Sparer zur Jahreswende kräftig Geld in Fonds, ETFs etc. investieren und auch der Start ins neue Jahr ein starker wird.

Kommt es so? Ich weiß es nicht. Und auch, wenn die Zeit bis zum Start ins neue Jahr kurz ist: In einem Umfeld wie diesem kann das auch sonst niemand sicher wissen. Wer das nicht vergisst und jederzeit bereit ist, die Reißleine zu ziehen, wenn dieser bullische Fahrplan schiefgeht, der mag gerne optimistisch ausrufen: „Auf geht’s, Hausse!“

Ich wünsche Ihnen eine erfolgreiche Börsenwoche!

Ihr

Ronald Gehrt

* Charts vom 27.11.2020, Chartquelle marketmarker pp4

 

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Ronald Gehrt, Chart- & Fundamentalanalyst | LYNX Börsenexperten
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Börse aktuell: DAX, Dow Jones und Co.

Die heutigen Top-News und Börsenmeldungen zum DAX und der Börse USA mit dem Dow Jones, dem Nasdaq und dem S&P 500 als weltweit einflussreiche Indizes bilden einen Schwerpunkt unserer aktuellen Berichterstattung von der Börse. Auch gute Aktien, die momentan sehr stark im Fokus der Anleger stehen und steigende Börsenkurse prophezeien, werden wir Ihnen hier vorstellen. So bekommen Sie einen umfassenden Börsenausblick und können Ihre eigenen Börsenprognosen verifizieren oder falsifizieren.

Börse: Aktuelle Entwicklung und Trends

Die aktuelle Entwicklung und der aktuelle Trend an der Börse werden maßgeblich von Wirtschaftsnachrichten, Konjunkturdaten und Neuigkeiten von börsennotierten Unternehmen bestimmt. Diese wirken sich nicht nur auf Aktienkurse aus, sondern auch auf andere Assetklassen wie börsengehandelte Fonds, Optionen und Futures. Des Weiteren werden durch Börsennachrichten auch die Anleihemärkte und Rohstoffmärkte in Bewegung versetzt. Daher haben wir auch die Zinsen, den Ölpreis und Goldpreis immer im Blick.

Börse: Aktuelle Tipps zum Marktgeschehen

Neben Börsennews bekommen Sie auch hilfreiche Tipps, um das gegenwärtige Marktgeschehen besser zu interpretieren. Der Börsenmarkt setzt sich aus vielen verschiedenen Märkten zusammen. Jedes Land, jede Branche und jedes Finanzprodukt wird von individuellen Faktoren beeinflusst, sodass es schwierig ist, alle Märkte mit ihren jetzigen Chancen und Risiken zu verfolgen und zu analysieren. Mit Börse aktuell liefert Ihnen unser Börsenprofi die Börseninformationen, die wirklich wichtig sind, und zugleich eine kompakte Börsenvorschau der Woche.

Börse aktuell: Die letzten Nachrichten

Für viele Investoren dürfte es an der Börse aktuell gar nicht mehr um die Frage gehen, ob der Aktienmarkt in den kommenden Monaten noch einmal deutlicher wegsacken könnte. In vielen Analysen und Kommentaren geht es momentan nur um die Frage, wann welcher Index neue Rekorde erreichen und wie hoch es dann gehen wird. Genauso könnte es auch kommen. Nur sollte man das Wort „könnte“ besser nicht übersehen.

Es wirkt, als sei die Kuh für die Bullen vom Eis. Immerhin war es gelungen, Ende Oktober klar bärische Aktienindizes zu drehen und an, teilweise auch über die bisherigen Rekordlevels zu heben. Man könnte argumentieren, dass das umso schwerer wiegt, als die Investoren eigentlich ja wissen, dass die Auslöser der Anfang November begonnenen Kaufwelle nicht die Lösung der Krise bedeuten:

Weichen sind gestellt … aber fährt der Zug jetzt auch in die richtige Richtung?

Die US-Wahl hinterlässt eine brenzlige Gemengelage, in der der noch amtierende Präsident dabei ist, der neuen Regierung massiv Steine in den Weg zu legen. Am schwersten wiegt dabei wohl, dass er dadurch den Graben zwischen Trump-Anhängern und Trump-Gegnern noch tiefer gräbt. Die Biden-Regierung wird einen schweren Start haben, was die US-Wirtschaft wirklich nicht gebrauchen kann.

Und was die Meldungen über in die Zulassung gehende Impfstoffe angeht, sieht es nicht anders aus. Es wirkt, als habe man jedwedes „aber“ aus der Wahrnehmung gestrichen. Z.B. dass es trotzdem Monate dauern wird, bis nennenswerte Bevölkerungsteile geimpft wären … dass offen ist, ob diese Impfstoffe wirklich sicher genug sind … und dass es bislang keinen Plan gibt, wie man weiter macht, wenn sich die Mehrheit der Menschen nicht impfen lassen will.

Will man das optimistisch werten, könnte man also sagen: All das ist den Investoren an der Börse aktuell sehr wohl bewusst, aber sie kaufen trotzdem, weil sie erkennen, dass man auf dem richtigen Weg ist, so dass die verbleibenden Hindernisse auch noch aus dem Weg geräumt werden.

Börse aktuell: Entwicklung DAX von Mai bis November 2020 | Online Broker LYNX

„That’s all, Folks“ … oder nur eine Atempause?

Wer hingegen eher pessimistisch ist, würde entgegnen, dass diese Meldungen über die US-Wahl und die Impfstoffe weniger waren als das, was im Sommer noch allgemein unterstellt wurde. Aus dem klaren Biden-Sieg, der eine neue Ära einläuten sollte, wurde ein knapper Sieg, weniger bei der Präsidentschaftswahl, aber in Repräsentantenhaus und Senat haben die Demokraten weit schlechter abgeschnitten als von ihnen selbst erhofft. Und eigentlich hatte man bereits im Oktober mit Meldungen über einsatzbereite Impfstoffe gerechnet. BioNTech/Pfizer selbst hatten noch im Juli den Oktober als Ziel für einen Zulassungsantrag genannt. Und ein Skeptiker könnte ebenso einwenden:

Wenn Unsicherheit und Sorgen groß sind, greifen Menschen oft nach Strohhalmen und hoffen, es wäre ein starkes Seil. Und solche emotionalen Reaktionen fallen umso stärker aus, je größer die Verunsicherung im Vorfeld war. Doch um Emotionen auf Dauer am Kochen zu halten, bedarf es eines regelmäßigen Nachschubs positiver Nachrichten. Und genau die kommen momentan erst einmal nicht. Vor dem 20. Januar bleibt die bisherige US-Regierung im Amt. Und was eine Veränderung der Pandemie-Einschränkungen als Reaktion auf flächendeckende, effektive Impfungen angeht, sind wir noch weit von der Verwandlung der wiederbelebten Hoffnungen in positive Fakten entfernt. Womöglich zu weit?

Börse aktuell: Entwicklung Dow Jones von Februar bis November 2020 | Online Broker LYNX

Dass die Flaggschiff-Indizes wie Dax und Dow Jones seit fast zwei Wochen auf der Stelle treten, macht deutlich, dass diese Zweifel den Anlegern an der Börse aktuell nicht fremd sind. Der DAX ist zwar rasant an die Hochs des Sommers gestiegen, läuft aber jetzt unterhalb dieser Charthürden seitwärts. Der Dow Jones ist zwar über das vorherige Rekordhoch vom Februar gestiegen, scheint aber jetzt an der „magischen Marke“ von 30.000 Punkten auf Gewinnmitnahmen zu treffen.

Heißt das: „That’s all, Folks“, Ende der Fahnenstange? Nicht unbedingt, denn solch ein Verharren unter wichtigen Hürden sieht man oft. Natürlich nehmen jetzt diejenigen die Gewinne mit, die diesen Run von Anfang November als Glückfall und nicht als die Basis neuer Rekorde sehen. Aber dass die großen Indizes ihre Position einigermaßen halten, statt daraufhin einfach durchzusacken, macht deutlich: Diese Abgaben werden bislang aufgekauft. Und die Umsätze sind stattlich, was bedeutet:

Es ist offen, was zuerst endet: das Aufkaufen der Verkaufsorders oder diese Abgaben. Sobald es gelingt, komplett aufzusammeln, was auf diesem Level auf den Markt kommt, werden DAX und Dow einfach nach oben weiterlaufen. Und klappt das, werden die Skeptiker ob ihrer Skepsis schnell skeptisch, d.h. sie dürften dann dazu neigen, dem Trend zu folgen, die Verkäufe einzustellen und ins bullische Lager überzulaufen. Aber!

Es ist momentan riskant, einfach zu unterstellen, dass es so kommen wird. Es ist absolut nicht vorhersehbar, welche Seite in den kommenden Tagen die stärkere sein wird. Der Blick zurück macht nur klar, dass dieses Aufkaufen vonstattengeht, aber es werden die Nachrichten der kommenden Tage und Wochen sein, die entscheidend dafür sein werden, ob noch mehr – und dann zu viel -Abgabedruck aufkommt oder die Verkäufer sich zurückziehen. Zu prognostizieren, in welche Richtung diese Seitwärtsbewegung auflöst, ist daher nicht drin. Was tun?

Die „internen Daten“ zeigen: Es ist an der Börse aktuell noch zu früh, sich zurückzulehnen

In solchen Situationen kann es nur eines geben: Flexibilität und Wachsamkeit, denn entspanntes Zurücklehnen kann jetzt teuer zu stehen kommen. Die folgenden vier Charts machen alle eines deutlich: Wenn es gelingt, diese Seitwärtsbewegung nach oben aufzulösen, wäre allemal noch Spielraum da, bevor bei internen Messdaten das rote Licht angehen würde. Aber niemand könnte garantieren, dass diese Messgrößen auch wirklich bis zum bullischen Anschlag ausgereizt werden. Erstes Beispiel ist das derzeitige, durchschnittliche Kurs/Gewinn-Verhältnis (KGV) der im Dow Jones gelisteten Aktien (gemessen werden hier keine Prognosen, sondern nur die tatsächlich berichteten Gewinne, dieser aktuelle Stand ist also das Ergebnis aus den Kursen vom Freitag und den gemeldeten Gewinnen des dritten Quartals):

Börse aktuell: Entwicklung Kurs-Gewinn-Verhältnis Dow Jones Aktien von 2001 bis 2020 | Online Broker LYNX

Zwar ist das KGV mit über 29 so hoch wie seit 2010 nicht mehr. Aber das ist in Phasen, in denen die Gewinne noch fallen, der Markt aber bereits die Rückkehr zum Wachstum einpreist, normal. So hatten wir Anfang 2003 die Aufwärtswende des Dow gesehen, das KGV stieg aber bis Ende 2009 rapide weiter, einfach, weil man vorwegnahm, dass die Gewinne wieder stiegen würden. 2009 führte das sogar zu irrwitzigen Werten bis 147 im KGV! Dieses hohe KGV würde somit nur dann zur Falle für die Bullen, wenn sie mit der Erwartung, dass die Rückkehr des Wachstums nahe ist, schief liegen sollten. Was man, das ist eben die Crux, nicht sicher vorhersagen kann.

Börse aktuell: Entwicklung Aktien Deutschland über 200 Tagelinie von 2012 bis 2020 | Online Broker LYNX

Grundsätzlich, das zeigen die Charts, die den Anteil an Aktien ausweisen, die am deutschen Aktienmarkt (oben) und am US-Aktienmarkt (unten) über ihrer 200-Tage-Linie notieren, wäre noch Luft nach oben. Erst, wenn da ein Anteil von 90 Prozent erreicht würde, könnte man unterstellen, dass der Markt langsam heiß läuft. Und auch dann kann sich eine Hausse noch Wochen und Monate fortsetzen, solange nicht eine weitere Indikation Gefahr indiziert: Der Anteil an Aktien, die an einem Markt neue 52-Wochen-Hochs erreicht haben.

Börse aktuell: Entwicklung Aktien USA über 200 Tagelinie von 2005 bis 2020 | Online Broker LYNX

Im folgenden Chartbild sehen wir, dass die Zahl der Aktien, die am US-Aktienmarkt am Freitag ein neues 52-Wochen-Hochs erreicht haben, verblüffend niedrig ist. Schließlich notieren die wichtigsten drei US-Indizes, der Dow Jones, der S&P 500 und der Nasdaq 100, auf Rekordniveau. Und Sie sehen in dieser Abbildung, dass die Zahl neuer Hochs in solchen Situationen in früheren Jahren weit, weit höher lag. Was passiert da? Ist das ein Warnsignal?

Börse aktuell: Entwicklung Aktien USA neue 52 Wochen-Hochs von 2006 bis 2020 | Online Broker LYNX

Setzt man diesen Chart mit dem in Relation, der den Anteil an US-Aktien über der 200-Tage-Linie zeigt, lässt sich das erklären. Der Gesamtmarkt wird momentan von zwei Kräften getragen:

Zum einen haben die obengenannten Ereignisse dazu geführt, dass viele Anleger an der Börse aktuell bei den zuvor am Boden liegenden Aktien kräftig zugelangt haben in der Erwartung, dass das Wachstum der klassischen Branchen jetzt schnell zurückkehren wird. Das hat den Anteil der Aktien über der 200-Tage-Linie hierzulande ebenso wie an der Wall Street zuletzt so rasant nach oben getrieben.

Zum anderen sind diese Aktien trotzdem noch weit von ihren Hochs entfernt, so dass die Zahl der neuen 52-Wochen-Hochs gering bleibt, zumal nicht wenige derjenigen Aktien, die zuletzt von einem Hoch zum anderen liefen, in die Kategorie der „Corona-Gewinner“ fielen und diese im Zuge der Kaufwelle der vorher gedrückt gebliebenen Aktien massiv verkauft wurden. Aber ist das nun ein Warnsignal oder nicht?

Dauernde Wachsamkeit ist aufreibend … aber vorerst noch nötig!

Insofern ja, als dieses Gesamtbild zeigt, dass man derzeit kräftig bei der Hand ist, ein „alles wird gut“ einzupreisen. Was deshalb riskant ist, weil es weniger sicher ist, dass es wirklich so kommen wird, als die jüngste Rallye an der Börse aktuell das glauben macht.

Daher wäre es gefährlich, einfach als sicher anzunehmen, dass diese derzeitige Situation seitwärts laufender Kurse zwingend in einen neuen Aufwärtsimpuls übergehen müsste. Jederzeit können Nachrichten einlaufen, die dieses kurzfristige Gleichgewicht zwischen Käufern und Verkäufern in eine Richtung kippen lassen. Good news? Bad news? Man kann es einfach nicht absehen, so dass man um erhöhte Wachsamkeit, vorsichtige Positionen und konsequente Stoppkurse nicht herumkommt.

Dass diese besondere Aufmerksamkeit jetzt bereits seit Jahren vonnöten ist, weil die Schlagzahl kursrelevanter Nachrichten einfach nicht sinkt, höhlt die Geduld nicht weniger Anleger verständlicherweise immer mehr aus. Manch einer hat genug von dieser steten Wachsamkeit, entscheidet sich einfach für eine Richtung und lässt diese Position dann einfach stehen.

Aber wen dieser Dauerregen von alle fünf Minuten einlaufenden „Breaking News“ nicht bereits marode gemacht hat, sollte unbedingt durchhalten. Denn die Flexibilität aufzugeben, sich auf ein Wunsch-Szenario zu versteifen und nicht zu reagieren, wenn es anders kommt: Erfahrene Anleger dürften mir zustimmen, dass so etwas die vorherigen, mit Sorgfalt erreichten Gewinne von Wochen und Monaten mit einem Schlag zunichtemachen kann. Bleiben Sie wachsam!

Ich wünsche Ihnen eine erfolgreiche Börsenwoche!

Ihr

Ronald Gehrt

*Charts vom 20.11.2020, Chartquelle marketmarker pp4

Mit vielen Worten wenig sagen, das ist etwas, was man vor allem der Politik nachsagt. Doch an der Börse finden wir dergleichen ebenso. Und das alles andere als selten. Sag den Kunden, was sie hören wollen, das funktioniert auch hier. Ein paar Beispiele für Börsen-Plattitüden, bei denen Sie besser die Stirn runzeln sollten, stellen wir Ihnen in diesem Beitrag vor.

Ob eine lange Hausse ihrem Ende zugeht oder es in einer kritischen Situation zu einer Rallye kommt, die die Chance bietet, die Kurse vor einem erneuten Abdrehen nach unten zu bewahren: Das ist die Zeit der wohlklingenden Sprüche, die die ewige Hausse verkünden.

Solche Plattitüden gibt es zwar auch in Sachen Baisse, aber dort sind sie deutlich seltener. Der Grund liegt in ihrem eigentlichen Zweck. Diese Sprüche sollen die Anleger dazu bringen, nicht auszusteigen, idealerweise weiter zu kaufen. Denn die Börse ist nun einmal für die Finanzindustrie ein Geschäft, das floriert, je mehr Menschen sich an ihm beteiligen. Bären, denen man mit der Verheißung eines Crashs Honig ums Maul schmieren müsste, sind weit seltener. Das sind eher erfahrene Akteure, die man nicht mit leeren Worten beeindrucken kann.

Die Masse der Marktteilnehmer setzt ausschließlich auf steigende Kurse. Und damit das auch so bleibt, gibt es Standardsprüche, die deswegen so wunderbar als Durchhalteparolen funktionieren, weil man selten hinterfragt, was die eigenen Hoffnungen und Erwartungen bestätigt.

Fünf dieser Plattitüden, die mir in den gut dreißig Jahren als Trader immer wieder begegnen, wenn in der Finanzindustrie für den Erhalt oder die Wiederkehr der Hausse getrommelt wird, möchte ich hier aufführen und erläutern, warum diese Sprüche nichts anderes sind als heiße Luft.

Vorab sei eines unterstrichen: Ein Teil derer, die in Diensten der Finanzindustrie stehen, greifen auf solche platten Sprüche zurück, aber keineswegs alle! Es wäre ein Fehler, Volkswirte und Analysten einfach über einen Löffel zu barbieren. Wie in jedem Berufsstand gibt es auch dort Schaumschläger und erfahrene, äußerst kluge Fachleute, denen mein größter Respekt gilt!

Die Börse handelt die Zukunft!

Wie belieben? Wie die Zukunft aussehen wird, darüber wird zwar immer trefflich spekuliert, weil die meisten Menschen glauben, dass es sich leichter leben ließe, wenn man wüsste, was kommt. Aber die Realität zeigt immer wieder, dass das eben nicht funktioniert. Alleine, was in diesem laufenden Jahr alles passiert ist, ist der beste Beweis. Dann zu behaupten, dass die Börse aktuell die Zukunft kennt und entsprechend vorwegnimmt, ist nicht bloß verwegen. Es ist einfach Blödsinn und hält keiner logischen Prüfung stand.

Aber dieser immer und immer wieder auftauchende Spruch, der gerne durch das Wörtchen „bekanntlich“ ergänzt wird (was allgemein bekannt ist, muss ja stimmen), ist überaus hilfreich, wenn man bullische Anleger bei der Fahne halten will, die langsam unruhig werden. Denn er suggeriert, dass der bisherige Kursanstieg belegt, dass die Zukunft positiv sein wird, weil man an der Börse das Gras wachsen hört (noch so ein Spruch) und daher überhaupt kein Grund besteht, nervös zu werden oder gar zu verkaufen.

Wahr ist: Die Börse handelt gar nichts, sondern die Marktteilnehmer. Und die folgen öfter Emotionen wie Gier, Hoffnung oder Angst als den Fakten. Was bedeutet: Die Marktteilnehmer nehmen die Zukunft vorweg, die sie sich wünschen. Ob die aber auch so aussieht, wie sich die Mehrzahl der Akteure sich das so vorstellt, ist eben immer offen. Was auch für die Situation an der Börse aktuell gilt.

Entwicklung des DAX von März bis November 2020 | Online Broker LYNX

Die Anleger wollen die „X“-Marke sehen

Dass runde, gerne „magisch“ genannte Kursmarken wie ein Magnet wirken, mag sein. Auch, wenn ich persönlich mich nie für irgendwelche runde Zahlen interessiert habe, sondern dafür, Trades mit Gewinn abzuschließen, so will ich nicht bestreiten, dass andere Marktteilnehmer anders denken könnten. Aber wenn ich höre, dass z.B. der Markt die 30.000 beim Dow Jones sehen wolle, geht sofort eine Augenbraue nach oben. Fragen Sie sich einmal selbst: warum?

Davon abgesehen, dass es albern ist, dass irgendwer zu wissen vorgibt, was Millionen von Anleger wollen, ergibt ein solches Ziel wenig Sinn. Und wenn das Erreichen einer runden Marke ein solches Ziel der Anleger sein sollte, wäre dann die Schlussfolgerung so verkehrt, dass man das eben auch als Basis für den Ausstieg sehen könnte? Ziel erreicht, Gewinn kassieren?

Entwicklung des Dow Jones von Dezember 2019 bis November 2020 | Online Broker LYNX

Es fällt auf, dass solche „Gewissheiten“ gerne dann verbreitet werden, wenn einem Index oder einer Aktie kurz vor einer runden Marke die Puste ausgehen. Solche Statements sollen wie eine Durchhalteparole wirken, ein Abdrehen verhindern, indem man suggeriert: Bis dahin, bis an diese „magische“ Marke wird es weitergehen, also kauft oder bleibt zumindest investiert. Und ja, manchmal geht die Hausse danach weiter.

Wenn ein Kursziel erreicht wird und ein Umfeld existiert, in dem die Akteure mehrheitlich positiv bleiben, kann ein Erreichen einer solchen magischen Marke auch als Sprungbrett, als Motivation dienen. Aber wie der folgende Chart des Nasdaq 100 zeigt, kommt es oft erst einmal dazu, dass das Erreichen eines solchen „Ziels“ zunächst Gewinnmitnahmen auslöst, die manchen, der kurz vor dem Ziel noch einmal zufasst, erst mal ins Minus drückt. Drei Anläufe brauchte der Nasdaq 100, bevor die 10.000er-Marke wirklich nachhaltig bezwungen wurde.

Entwicklung des Nasdaq 100 von Februar bis November 2020 | Online Broker LYNX

Gewaltige Summen warten an der Seitenlinie, um investiert zu werden

Ein Klassiker! Vorgebliche Experten teilen uns mit, dass unglaubliche Summen darauf warten, beim kleinsten Rücksetzer in den Aktienmarkt zu fließen. Damit soll deutlich gemacht werden, dass man sich absolut keine Sorgen machen müsse:

Investiert zu bleiben ist völlig risikolos. Und nicht nur das, da der Markt ja durch immer weiter zufließendes Geld gestützt wird, ist es eigentlich egal, ob man in gerade seit Wochen gestiegene Kurse hinein kauft oder abwartet, bis es billiger wird. In letzterem Fall liefe man ja sogar Gefahr, nicht mehr hineinzukommen, weil es ja schon bei minimalen Abgaben sofort wieder höher und auf neue Rekorde gehen wird. Wegen dieser gewaltigen Summen. Ja, das klingt beruhigend, das entfacht sogar die Gier. Und den Leichtsinn gleich mit. Und weil diese Emotionen sich gut anfühlen, einem so quasi garantiert wird, dass man noch eine ganze Menge Geld machen wird, wird die gesunde Skepsis bei vielen ausgeschaltet.

Wäre die noch in Betrieb, würde man sich fragen: Woher weiß dieser wohlmeinende Experte, der da zum Einstieg rät, das eigentlich? Wurden Sie schon einmal befragt, wie viel Geld bei Ihnen auf dem Konto liegt und was Sie damit wann zu tun gedenken? Und wenn ja, haben Sie etwa geantwortet und irgendwem Dahergelaufenen Ihren Kontostand mitgeteilt? Nein? Ich auch nicht.

Wie also will man denn überhaupt messen können, wie viel Geld da auf den Einsatz wartet und dass es dann auch wirklich in den Aktienmarkt fließt? Antwort: Man weiß es NICHT! Aber man kann es natürlich einfach mal in den Raum stellen.

Gerne wird dabei argumentiert, dass die Zinsen so niedrig sind, dass es zum Aktienmarkt keine Alternative gibt. Nun, mir hat man an manch dunkler Hausecke schon die eine oder andere Alternative ins Ohr geflüstert. Zum Beispiel Gold. Anleihen nicht wegen der Rendite, sondern alleine als Spekulation auf Kursgewinne. Immobilen. Oder gar, das soll es auch geben, Cash. Einfach liegen lassen und auf gute Gelegenheiten warten. Diese Plattitüde der sehnsüchtig auf Einstiegschancen wartenden Milliarden (oder Billionen) ist zwar weit verbreitet. Aber kaum ein Spruch hat weniger Substanz.

Die Mehrheit ist bullisch, also werden die Kurse weiter steigen

Gerne wird eine optimistische Marktstimmung als Garant für weiter steigende Kurse verkauft. Es ist richtig, dass eine optimistische Stimmung nicht zwingend ein Kontraindikator ist, eine bullische Mehrheit unter den Marktteilnehmern bedeutet nicht unbedingt, dass alle längst investiert sind und dem Markt damit die Käufer ausgehen. Aber genau das kann eben passieren, daher sollte man sich hüten, sich auf ein Umfeld zu verlassen, in dem permanent neue, höhere Kursziele ausgerufen werden. Denn die alten Hasen wissen: Am Hoch ist die Stimmung am besten. Der Grund:

Entwicklung der Stimmung bärischer Börsendienste in den USA von 2015 bis 2020 | Online Broker LYNX

Wer bullisch ist, sitzt schließlich nicht mit einem leeren Depot da oder ist gar Short. Wer bullisch ist, ist investiert. Zwar können bullische Anleger ihnen neu zufließendes Geld immer zügig investieren, sprich zukaufen und die Hausse so lange Zeit am Leben erhalten. Aber wenn die Stimmung zu grandios wird, sollte man sich genau überlegen, ob man noch zukauft oder nicht besser bestehende Bestände nur laufen lässt und konsequent mit Stoppkursen versieht.

Die vorstehende Grafik zeigt in rot den Anteil bärisch eingestellter Börsendienste in den USA, in grün darüber den marktbreiten US-Index S&P 500. Es fällt auf, dass Tiefs beim Anteil der bärischen Börsendienste, d.h. eine insgesamt sehr positive Stimmungslage unter den Börsendiensten, nicht selten mit oberen Wendepunkten des Index zusammenfallen. In der Tat ist die Stimmung also am Hoch am besten. Aber eine stark bullische Stimmung kann sich lange halten, so beispielsweise im Jahr 2019, wo ein sehr niedriger Anteil an bärischen US-Börsendiensten dennoch nicht dazu führte, dass der Markt kippte. Also:

Ein hoher Anteil an bullischen Anlegern ist keine Garantie für weiter steigende Kurse, wie das gerne behauptet wird. Aber man sollte sich hüten, den Spieß umzudrehen und daraus zu folgern, dass ein untypisch hoher Anteil an Bullen und ein besonders niedriger Anteil an Bären eine perfekte Basis für Short-Trades wäre.

Die Anleger haben die Hausse verpasst und müssen alle noch einsteigen

Auch das ist ein Spruch, bei dem man entweder die Stirn runzeln oder herzlich lachen sollte. So etwas höre ich alle paar Jahre aufs Neue. Aber da es nun einmal keine ZÜDA (Zentralstelle zur Überwachung der Depotbestände deutscher Anleger) gibt … und das ist auch gut so! … weiß niemand, absolut niemand, ob „die Anleger“ an der Börse aktuell nicht, wenig oder hoch investiert sind. Aber natürlich klingt eine solche Plattitüde nach einer Garantie auf Gewinne: Wenn die „anderen“ alle noch gar nicht eingestiegen sind, dann werden die Kurse zwangsläufig weiter steigen. Wer also jetzt kauft, ist fein raus. Blödsinn. Überlegen wir mal:

So etwas kommt gerne nach einer monatelangen Hausse der Aktienmärkte, die fundamental nicht unterfüttert ist. Ein Beispiel ist die Super-Hausse zwischen Oktober 2014 und April 2015. Der DAX haussierte, weil die EZB damals avisierte, man werde die Eurokrise niederringen und das Wachstum zurückbringen, indem man die Stützungskäufe am Anleihemarkt (Quantitative Easing) auch auf Eurozone-Staatsanleihen ausdehnen werde. Das als Garantie für a) steigende Aktien und b) die Rückkehr starken Wachstums anzusehen, war Unsinn. Aber man wollte daran glauben und es wurde gekauft, gekauft und nochmal gekauft. Richtig ist:

Viele erkannten, dass diese Schlussfolgerungen der Logik entbehrten und blieben weg. Aber so dumm war das eben am Ende nicht, wie dieser Chart aus der damaligen Zeit zeigt. Denn bis zum Februar 2016 war diese ganze Jubel-Hausse wieder dahin. Weil? Weil sich eben zeigte, dass diese Annahme, diese verzweifelte Maßnahme der EZB würde alles auf den Kopf stellen, nicht eintraf.

Entwicklung des DAX von 2014 bis 2016 | Online Broker LYNX

Aber von diesem speziellen Beispiel abgesehen ist folgendes der Punkt: Wenn die Kurse seit Monaten gestiegen sind, können die Anleger die Hausse doch gar nicht verpasst haben. Niemand ist investiert und die Kurse steigen?

Wenn das ginge, müssten ja irgendwo in Kellern Aktien liegen, die keinem gehören, die erst dann ausgegeben werden, wenn all diejenigen, die nicht dabei sind, sie kaufen. Da das nun einmal nicht so ist, sind die Märkte gestiegen, weil sehr wohl massiv gekauft wurde. Und dass andere, also nicht die Anleger, das herbeigeführt haben, ist ein schräger Gedanke. Denn irgendwer hat die Aktien ja immer. Und außer dem Eigenhandel der Banken sind es IMMER die Anleger, die kaufen oder verkaufen. Direkt oder indirekt über Fonds oder ETFs. Monatelang gestiegene Kurse und der Spruch „niemand ist investiert“, das ist hanebüchen.

Fazit: Lassen Sie sich keinen Bären aufbinden

Lassen Sie sich kein dummes Zeug erzählen, bilden Sie sich ihre eigene Meinung. Eine Situation, in der man unbedingt einsteigen muss, weil es morgen schon zu spät wäre, gibt es nicht. Vor allem nicht, wenn sie von derartigen Parolen begleitet wird. Jeden Tag kommen an der Börse neue Chancen!

Ich wünsche Ihnen eine erfolgreiche Börsenwoche!

Ihr

Ronald Gehrt

*Charts vom 13.11.2020, Chartquelle marketmarker pp4

Vorsicht vor zu vollen Segeln, was den Aktienmarkt angeht! Die vergangenen Tage haben den Bullen Rückenwind verliehen, aber zu glauben, dass die kommenden Wochen einfach werden, wäre wohl voreilig. Wo liegen die Fußangeln für das bullische Lager?

In der vergangenen Woche hatte ich sieben denkbare Szenarien gezeichnet, die sich nach der US-Wahl entwickeln könnten. Es wurde das Szenario Nummer 3: Biden gewinnt knapp, aber die Republikaner behalten die Senatsmehrheit. Die Schlussfolgerung, die ich dahingehend zog, lag aber daneben. Meine Erwartung lautete wie folgt:

„Bei einem knappen Biden-Sieg ist zu befürchten, dass Trump die Wahl nicht anerkennt, behaupten wird, es sei Betrug im Spiel und seine Anhänger aufhetzt. Was dann passiert, will man sich gar nicht ausmalen, auf den Straßen ebenso wie am Aktienmarkt. Das ist ein Szenario, das zumindest möglich ist, das brandgefährlich wäre und auf dessen Eintreten man sich als Investor besser im Hinterkopf einstellen sollte.“

In der Tat hat Donald Trump den Wahlsieg von Joe Biden zumindest bis Sonntagabend nicht anerkannt. Und so, wie sich die Lage für den Senat darstellt, werden die Republikaner ihre Mehrheit verteidigen, vorbehaltlich der anstehenden Stichwahlen in Georgia. Also: Unfrieden nach der Wahl und das Problem, dass der Senat blockieren könnte, was eine demokratische Regierung durchsetzen will. Und doch reagierten die US-Aktienindizes mit massiven Kursgewinnen, wie der folgende, bereits vergangenen Montag abgebildete, aber jetzt um die Kursbewegungen der vergangenen Woche aktualisierte Chart zeigt. Wo lag mein Denkfehler?

Entwicklung des Dow Jones von Mai bis November 2020 | Online Broker LYNX

Positive Erwartungen an eine Quasi-„GroKo“ in den USA

Zum einen ist es in den USA nach der Wahl relativ ruhig geblieben. Die in den USA weit verbreitete Befürchtung, die Reaktionen des amtierenden Präsidenten würden dazu führen, dass die Anhänger beider Seiten auf die Straße und aufeinander losgehen würden, bestätigte sich nicht. Alleine das sorgte am Aktienmarkt für eine immense Erleichterung – völlig zu Recht.

Wichtiger noch ist aber der Aspekt der „Regierbarkeit“. Richtig ist zwar, dass eine demokratische Regierung mit einem republikanischen Senat nicht so leicht und schnell agieren kann, wie sie es gerne würde. Aber das sieht man jetzt nicht negativ, sondern positiv. Und die Begründung, die dazu von politischen Kommentatoren angeführt wird, halte ich für absolut nachvollziehbar:

Viele Investoren fürchteten, dass eine demokratische Regierung, die „durchregieren“ könnte, die Wirtschaft bremsen würde. Durch mehr Restriktionen, durch die Wiedereinführung von in den letzten Jahren abgeschafften, strengeren Kontrollen für die Finanzindustrie, durch Druck auf klassische Branchen wie Öl, Bergbau, Stahl oder Automobile und durch eine Beschränkung der Macht der großen Hightech-Konzerne.

Ob das wirklich so gekommen wäre, sei mal dahingestellt, entscheidend ist, dass viele Investoren davon ausgegangen sind. Und daher sehen sie einen republikanisch dominierten Senat als eine Art „Wellenbrecher“, was heißt: Man muss jetzt Kompromisse finden, was dazu führen wird, dass oben angeführte Befürchtungen mit Masse vom Tisch sind, weil die Republikaner zu extremen Maßnahmen ihr Plazet verweigern würden. Gut, aber hieße das nicht, es ginge nichts mehr voran?

Das sieht man an der Börse aktuell eben anders. Der Grund: Joe Biden und der Führer der Republikaner im Senat, Mitch McConnell, kennen sich aus vielen gemeinsamen Jahren im US-Senat sehr gut (Biden war 36 Jahre Senator, McConnell ist es seit 36 Jahren) und kommen recht gut miteinander aus. Daher setzen die Investoren darauf, dass sich hier eine fruchtbare Diskussion auf Sachebene entwickeln wird, die mit den daraus entstehenden Kompromissen womöglich effektiver ist, als würde nur eine Partei den Weg bestimmen. Man könnte damit sagen, der US-Markt freut sich über eine „GroKo“ in den USA.

Entwicklung des Nasdaq 100 von Mai bis November 2020 | Online Broker LYNX

Dass man momentan davon ausgeht, dass auch das Risiko für die großen Technologieunternehmen sinkt, nennenswert in ihren Möglichkeiten eingeschränkt zu werden, führte dazu, dass der Nasdaq 100 mit diesem Wahlergebnis besonders kräftig zulegte, wie der vorstehende Chart zeigt. Wobei hier ebenso wie für den obenstehenden Dow Jones nicht übersehen werden sollte, dass bereits in den zwei Tagen vor dem Wahlende der charttechnische Boden für eine Rallye geschaffen wurde. Die Trader hatten also bereits eine Vorlage. Und eine positive Interpretation der Lage fällt nach verteidigten, wichtigen Unterstützungen bei Dow und Nasdaq 100 leichter.

Die Chance, den Graben zuzuschütten

Ein ganz wichtiger Aspekt ist aber auch die gesellschaftspolitische Chance, die eine solche Quasi-„GroKo“ bietet. Und auch das preist der Markt an der Börse aktuell ein. Die letzten Jahre haben den Graben zwischen den beiden großen Parteien mehr als zuvor auch in die Bevölkerung getragen. Es wirkt wie ein Konfessionsstreit, der sich da entwickelt hat. Die mit diesem Wahlergebnis erzwungene Zusammenarbeit der beiden Parteien kann dadurch nicht nur zu sinnvollen Kompromissen für das Land an sich führen, sondern auch den Graben zwischen den Menschen zumindest ein wenig zuschütten.

Denn so bekommen beide Lager die Möglichkeit, ihre Ansichten und Ziele umzusetzen. Die Republikaner sind mit im Boot, das bietet Chancen, die erhitzte Situation etwas zu befrieden. Vorausgesetzt, dass diese Stichwahlen um die Senatssitze nicht dazu führen, dass die Demokraten doch noch 50 Sitze im Senat erreichen und mit Kamala Harris als „Tie-Breaker“ die Kontrolle bekämen. Das wäre ein Szenario, das die Demokraten natürlich höchst erfreulich finden würden, aber die Börse wohl ganz und gar nicht. Aber vorerst wird offen bleiben, wie die Verhältnisse im Senat am Ende aussehen werden, denn diese Stichwahlen finden erst am 5. Januar statt.

Und das Wort „vorerst“ ist nicht nur in dieser Hinsicht entscheidend, wenn es darum geht, was die kommenden Tage und Wochen am Aktienmarkt passiert, denn: Vorerst ändert sich ja gar nichts.

Corona und Wirtschaft: 70 Tage sind in beiden Fällen eine lange Zeit

Dass sich ab dem 20. Januar 2021 vieles ändern kann, mag die Investoren an der Börse in den vergangenen Tagen optimistisch gestimmt haben. Die Chance, die geopolitische Eiszeit zu beenden, die Chance, die Corona-Problematik in den USA gezielter zu bekämpfen, die Chance auf die schnelle Umsetzung des überfälligen Konjunkturpakets, natürlich ist das positiv. Doch die 70 Tage bis zu diesem 20. Januar sind, vor allem in Sachen Konjunktur und Corona, eine lange Zeit.

Momentan sehen wir keine Tendenz, dass die bis 20. Januar im Amt befindliche Regierung gewillt ist, in Sachen Konjunkturpaket und Corona zügig wieder aktiv zu werden. Dadurch besteht die Gefahr, dass diese verbleibenden 70 Tage zu lang sind, dass die Pandemie im Verein mit dem spürbaren Abflauen der Erholung der Konjunktur eine Situation erzeugt, in der es für die nächste Regierung deutlich länger dauern wird, die US-Wirtschaft zusammen mit den Republikanern im US-Senat wieder in die Spur zu bekommen. Und das berücksichtigt diese Rallye der US-Aktienindizes an der Börse aktuell bisher eben nicht. Es wirkt, als sei das am Devisenmarkt anders, denn seit der Wahl fiel der US-Dollar zum Euro deutlich, d.h. die Euro/US-Dollar-Relation stieg, wie wir im nächsten Chart sehen.

Entwicklung Euro/Dollar von Juni bis November 2020 | Online Broker LYNX

Aber das könnte täuschen. Denn Euro/US-Dollar war ja im Vorfeld der Wahl deutlich unter Druck gekommen, der US-Dollar gestiegen. Das ist eine keineswegs untypische Entwicklung im Vorfeld kritischer Entscheidungen: Investoren gehen dann vermehrt in die Währung, die sie insgesamt als die sicherste ansehen, und das war und ist eben der „Greenback“. Ein zwingendes Warnsignal, eine Andeutung, dass die Devisentrader die USA als geschwächt einstufen, ist dieser Anstieg der Euro/US-Dollar-Relation also nicht, zumal der damit wieder nachgebende US-Dollar die Renditen der US-Exporteure stärkt.

Dennoch, Corona wird bis Januar wohl nicht entschiedener angegangen werden. Das Konjunkturpaket wird wahrscheinlich weiterhin ausbleiben. Und es ist völlig offen, wie sich die Aktivitäten der jetzigen US-Regierung in diesen kommenden 70 Tagen gestalten werden. Das sind alles Fußangeln, die das bullische Lager in den nächsten Wochen erwischen könnten. Aus meiner Sicht ist die Perspektive an der Börse aktuell grundsätzlich deutlich bullischer als zuletzt, aber dass die Kurse wie ein Strich weiter zulegen, sollte man lieber nicht voraussetzen.

Ich wünsche Ihnen eine erfolgreiche Börsenwoche!

Ihr

Ronald Gehrt

* Charts vom 6.11.2020, Quelle marketmaker pp4

Donald Trump hat für seine Anhänger eine Scheinwelt erschaffen, die man zwar spielend leicht entlarven könnte. Aber die, die zu ihm halten, wollen das gar nicht. Was würde mit der Börse passieren, wenn der Schöpfer dieser „alternativen Fakten“ erneut vier Jahre im Weißen Haus sitzt? Nicht das, was er verspricht bzw. androht, würde ich behaupten.

Die meisten Umfragen wurden nach den Schieflagen vor dem EU-Votum der Briten und der US-Wahl 2016 in der Qualität ihrer Auswertung verbessert. Und an diesem Montag, einen Tage vor dem Tag X, läge Joe Biden auch dann noch knapp vorne, wenn man eine Fehlertoleranz von vier bis fünf Prozent einrechnet und sie durchweg zu seinen Ungunsten ansetzen würde. Trotzdem unterstelle ich nicht, dass er gewinnen muss. Es könnte anders kommen. Erst Recht, wenn Trump verliert und die Wahl als Betrug bezeichnet. Was angesichts seines Systems, mit dem er es schafft, immer noch viele Menschen hinter sich zu scharen, leider mehr folgerichtig als bloß möglich wäre. Was passiert dann mit der Börse?

Die Basis der Trump’schen Scheinwelt: Angst und Misstrauen

Das Prinzip, nach dem Donald Trump von Beginn seines Wahlkampfs 2016 an bis heute verfährt, ist ebenso einfach wie perfide. Man erzählt den Leuten, dass die Gegenseite abgrundtief bösartig ist und nur die Versklavung der sich angesprochen fühlenden Wähler im Sinn hat, die in Wahrheit die allerbesten unter den Bürgern und etwas ganz Besonderes sind. Ihnen werde der Kandidat Anerkennung, Arbeit und Geld verschaffen. Und alles, was die politische Gegenseite entgegnet, ist gelogen. Was ja klar ist, wird den Wählern mitgeteilt, denn die wollen ja mit diesen Lügen verhindern, dass sich etwas ändert und sicherstellen, dass die aufrechten Bürger nicht wiedererlangen, was sie ihnen bewusst genommen haben: Arbeit, Geld, Anerkennung.

Das funktioniert zwar nur, wenn die Zahl derer, die sich benachteiligt fühlen, groß genug ist, um mit ihnen eine Wahl zu gewinnen. Aber das muss ja nicht die Hälfte der Bevölkerung sein. Bei jeder Wahl gibt es einen relativ großen Anteil an Stammwählern. Den muss man nur so weit auffüllen, dass es zum Sieg reicht. In einem System, in dem in Sachen Siegchancen nur zwei Parteien eine Rolle spielen, durchaus machbar. Und es hat ja 2016 funktioniert. Nur:

Wie kann es erneut funktionieren, wenn Trump so viel versprochen und so wenig gehalten hat? Müssten seine Wähler sich da nicht von ihm abwenden? Einige ja. Aber wenn es um die Frage geht, ob er an diesem 3. November 2020 erneut gewinnt, dann basiert die Antwort eher auf der Frage, ob sich viele ansonsten stur republikanisch wählende Bürger diesmal für die Gegenseite entscheiden, weil Trump versagt hat.

Doch dazu müssten sie über den Graben springen, den Trump gezielt zwischen Demokraten und Republikaner gegraben hat. So tief, dass vielen der Sprung schwerfallen wird. Denn er hat es geschafft, dass viele das nicht als Graben zwischen zwei verschiedenen Sichtweisen ansehen, sondern als Graben zwischen Gut und Böse, als Graben zwischen Wohlstand und Untergang. Wir werden sehen, ob er damit so überzogen hat, dass (aus seiner Sicht) zu viele verstehen, dass dieser angebliche Graben nichts anderes als eine imaginäre Linie im Sand ist.

Alternative Facts: Warum Lügen, Drohungen und Schuldzuweisungen so gut funktionieren

Aber diejenigen, die 2016 nach langer Zeit erstmals wieder gewählt haben, weil sie zuvor dachten, es bringe eh nichts und nun glauben, da stehe einer, der sich um sie, die angeblich „Vergessenen“ kümmert, werden sich kaum von ihm abwenden. Denn ja, er hat den Großteil seiner Versprechungen nicht eingehalten. Aber er wendet Tricks an, um diese Wähler-Klientel dazu zu bringen, es anders zu sehen.

Trump verbreitet nicht nur hinsichtlich der Corona-Entwicklung permanent Falschnachrichten. Aber dieses Beispiel ist gut geeignet, um das System dahinter zu erkennen. Sprüche wie „Europa ist viel schlimmer dran“, „die Zahl unserer Todesfälle liegt viel niedriger als im Frühjahr“ oder „ohne mein perfektes Krisenmanagement hätte es Millionen Tote gegeben“ tauchen permanent auf und sind gezielte Verdrehungen der Fakten. Aber diese Sprüche sind genau das, was diejenigen, die durch diese Veränderung der Situation und die mit ihr einhergehende Gefahr hören wollen:

Wir stehen gut da, Trump hat alles im Griff und alles wird gut. Und er weiß: Noch haben viele nicht erlebt, wie brutal ein schwerer Verlauf der Infektion ist, noch haben viele keine Verwandte oder Freunde verloren. Und die noch nicht direkt betroffenen Menschen, die ihm ohnehin folgen, sind nur zu gerne bereit, etwas ungesehen zu glauben, wenn man ihnen erzählt, was sie hören wollen.

Börse aktuell: Entwicklung BIP der USA von 1985 bis 2020 | Online Broker LYNX

Darüber hinaus schürt Trump Angst und Gier zugleich. Er schürt die Angst vor Andersdenkenden, vor Veränderungen, vor finsteren Mächten und Armut. Es weiß, dass man viele einfache Menschen damit wieder in einen Zustand wie im Mittelalter zurück werfen kann, sie durch ihre Ängste und Gier lenken, wütende, blinde Mobs kreieren kann. Entscheidend dabei ist, sich selbst als einzig möglichen Retter vor der Finsternis zu präsentieren. Wie oft das schon früher funktioniert hat, lehrt uns die Geschichte, auch die unseres eigenen Landes.

Dabei hat er kein Problem, ein grandioses Wachstum zu preisen, das nicht da ist, siehe die vorstehende Grafik, die deutlich macht, dass das Wachstum der US-Wirtschaft nach dem zwangsläufig durch seine (das Haushaltsdefizit heftig aufblähende) Steuersenkung gestiegenen Wachstum schon seit Anfang 2019 wieder sinkt. Längst ist es unter die langjährigen Durchschnitte gefallen, wobei ich, das muss man betonen, bei den im Chart eingezeichneten Regressionsgeraden die Corona-bedingte, negative Verzerrung 2020 NICHT mit berechnet habe!

Er hat ebenso kein Problem damit, eine alleine auf seine Leistungen zurückzuführende Super-Hausse am Aktienmarkt zu preisen, die es nicht gibt, um die Angst zu schüren, dass, wer sein Geld am Aktienmarkt investiert hat, entsetzliche Verluste erleiden wird, wenn man ihn abwählen sollte. Sie sehen im folgenden Chart, dass Trumps „Super-Hausse“ gar keine ist, wenn man den an der Börse aktuell den Dow Jones als Basis nimmt (den er immer pries, solange er stieg). Außer unter Bush Junior und in der ersten Reagan-Amtszeit war die Performance des US-Index-Flaggschiffs immer besser!

Börse aktuell: Entwicklung Dow Jones von 1980 bis 2020 | Online Broker LYNX

Nun könnte man einwenden, dass der Nasdaq 100 dafür viel stärker lief. Schon. Aber angesichts des verbalen Trommelfeuers Trumps gegen viele der am besten gelaufenen, den Nasdaq über die Dow-Performance hinaus ziehenden Unternehmen wie Google, Facebook oder Amazon müsste man nüchtern betrachtet sagen: Der Nasdaq 100 hat seine Outperformance an der Börse aktuell nicht wegen, sondern trotz Trump erzielt.

Auch seine angeblich geniale Strategie in Sachen Handelskrieg mit China und dem Rest der Welt ist eine Pleite geworden. Mal vom oben im Chart gezeigten, abbröckelnden Wachstum abgesehen sieht man das auch an der Entwicklung des Handelsbilanz-Defizits: Das zu eliminieren, zu erreichen, dass die USA mindestens ebenso viele Güter exportieren wie importieren, ist Trump angetreten. Sie sehen im nachfolgenden Chart, was er erreicht hat: nichts. Im Gegenteil, die Handelsbilanz war im August (die September-Daten liegen noch nicht vor) so negativ wie in der Geschichte der USA nur ein einziges Mal, im Spätsommer 2006.

Börse aktuell: Entwicklung Handelsbilanz der USA von 1991 bis 2020 | Online Broker LYNX

Dass er trotzdem mit dem permanenten eigenen Schulterklopfen durchkommt, ist gar nicht so überraschend. Denn ebenso, wie es die „uninformierten Wähler“ gibt, die glauben, was man ihnen erzählt, wenn es gezielt auf die eigenen Ängste und Hoffnungen ausgerichtet ist, gibt es den „uninformierten Anleger“, der , was volkswirtschaftliche Rahmendaten angeht, von Tuten und Blasen keine Ahnung hat und „richtig“ oder „falsch“ am Kursverlauf der Börse abliest. Dass Trumps Börsen-Performance hinter der anderer Präsidenten zurückbleibt, mag sein. Aber Donald Trump hat viele seiner Wähler erstmals in den Aktienmarkt gelockt indem er versprach, dass man seinetwegen dort viel Geld machen werde. Die sind unerfahren und kennen die Entwicklung der Vergangenheit nicht. Und sie lassen sich mit Sprüchen wie „wenn ich nicht gewinne, verliert ihr euer Geld“ einschüchtern.

Und für den Fall, dass die Fakten zu offensichtlich werden, bleibt ja noch die Schiene der Schuldzuweisungen. Noch nie hat Trump eingeräumt, irgendeinen Fehler gemacht zu haben. Schuld sind immer die anderen: die Demokraten, die Medien, die Chinesen, die Europäer, die Einwanderer, im Zweifel auch die „finsteren Mächte“. Was zugleich wiederum dazu führt, dass, wer ihm das abkauft, auch dazu tendiert ihm zu glauben, was er vor der Wahl 2016 behauptete: „I am the only one who can fix it“!

Die Wahl geht eigentlich nur um Donald Trump: Für oder gegen ihn?

Es wird also am Dienstag eigentlich zu einer Wahl der Ratio, sprich der nüchternen Betrachtung der Fakten, gegen die gezielt geschürten Emotionen kommen. Es ist daher auch, eigentlich, weniger eine Wahl Trump gegen Biden. Es ist eine Wahl Trump gegen „Nicht-Trump“.

Und es geht dabei gerade wegen seiner Vorgehensweise, Gräben zu schaffen und die Realität auf eine emotionale Ebene zu transferieren und gezielt zu verdrehen, auch weitaus weniger um seine tatsächliche Politik, sondern um die Art, wie er sie betreibt. Viele stehen tatsächlich auch deswegen hinter ihm, weil er „so anders“ ist, besser gesagt, weil er ihnen eine Nonstop-Show liefert. Wenn man sich erinnert, wie extrem wenige US-Bürger sich um Außenpolitik scheren, wundert das nicht. Dass Trump das Standing der USA im Großteil der Welt gegen den Nullpunkt katapultiert hat, ist ihnen entweder nicht bewusst oder völlig egal.

Die Frage, auf die wir in den kommenden Tagen (ich schreibe bewusst nicht Mittwochmorgen, weil es Tage dauern kann, bis alle Briefwahl-Stimmen ausgezählt sind) eine Antwort bekommen, ist daher: Wie viele US-Bürger erkennen den Ernst der Lage UND sind der Ansicht, dass die Demokraten die Herausforderung besser bewältigen können? Wie viele glauben weiterhin, dass nur Trump, als eine Art politische „One Man Show“, das kann?  Für uns wäre es natürlich ideal vorhersagen zu können, wie der Aktienmarkt dann reagiert. Davon abgesehen, dass das eben vom Wahlausgang abhängt und der offen bleibt, würde ich da einige Vermutungen wagen.

Wie wird der Aktienmarkt reagieren?

Auch, wenn die Umfragen selbst inklusive Fehlertoleranz Richtung Biden-Sieg tendieren, wäre es riskant, ein solches Ergebnis einfach vorauszusetzen. Vor allem, weil es schon zu einem Erdrutsch-Sieg der Demokraten inklusive klarem Sieg bei den zu vergebenden Senats-Sitzen kommen müsste, um zu mutmaßen, dass Trump die Wahl nicht einfach als Betrug deklariert und seinen eigenen Sieg verkündet. Es gäbe also grundsätzlich folgende Szenarien:

  1. Trump gewinnt UND die Republikaner behalten die Senatsmehrheit (dass die Republikaner das Repräsentantenhaus zurückerobern hat eine statistische Chance unter einem Prozent, das können wir vergessen).
  2. Trump gewinnt, aber der Senat geht an die Demokraten, so dass er keine Mehrheit in einer der Kammern des Kongresses hätte.
  3. Biden gewinnt knapp, aber die Republikaner behalten die Senatsmehrheit
  4. Biden gewinnt knapp, die Demokraten erobern die Senatsmehrheit
  5. Biden gewinnt deutlich, aber die Republikaner behalten die Senatsmehrheit
  6. Biden gewinnt deutlich und die Demokraten gewinnen die Senatsmehrheit
  7. Erdrutschsieg Bidens + demokratische Senatsmehrheit.

Ich denke, dass der US-Aktienmarkt … und mit ihm im Schlepptau DAX, Euro Stoxx 50 & Co. dann massiv positiv reagieren, wenn entweder das Szenario 1 oder aber die Szenarien 6 und 7 eintreten. Denn auch, wenn das Gros der US-Investoren sehr wohl wissen, dass Trumps Geo- und Wirtschaftspolitik ein Flop waren und es auch in Zukunft sein werden, wichtig ist vor allem eines: klare Verhältnisse und ein Präsident, der aufgrund einer Mehrheit seiner Partei in beiden Kammern des Kongresses relativ frei regieren kann und damit nicht immer wieder Projekte von der Gegenseite blockiert werden.

Börse aktuell: Entwicklung Dow Jones von Mai bis Oktober 2020 | Online Broker LYNX

Beim Szenario 5 wäre dieser Einklang zwischen Präsidenten und dem Kongress nicht erreicht, eine der Kammer wäre dann auf Seiten der gegnerischen Partei. Das wäre nicht gut, aber damit lebt man ja schon seit den Zwischenwahlen 2018 und im Fall des Trump-Sieges nebst Beibehaltung der republikanischen Senatsmehrheit wäre dieses aktuell bestehende Problem ja auch weiter gegeben. Ich vermute, dass man das leicht negativ werten würde, aber der Markt dürfte sich da wohl bald fangen.

Übel würde es im Fall des Szenarios 2. Trump hätte keine Mehrheit im Kongress. Er könnte also nur über Dekrete und das Verhängen aller möglichen Notstände agieren. Bloß sind letztere zeitlich begrenzt, danach müssten sie vom Senat verlängert werden (was ohne republikanische Mehrheit äußerst zweifelhaft wäre), so dass er nach einigen Monaten völlig ohne Möglichkeiten dastünde. Die Demokraten in Senat und Repräsentantenhaus würden jedoch selber dauernd durch die Veto-Möglichkeit Trumps ausgehebelt. Das Land wäre unregierbar, der Markt würde daher mit recht hoher Wahrscheinlichkeit sehr negativ reagieren.

Noch kritischer wären wohl die Szenarien 3 und 4. Denn bei einem knappen Biden-Sieg ist zu befürchten, dass Trump die Wahl nicht anerkennt, behaupten wird, es sei Betrug im Spiel und seine Anhänger aufhetzt. Was dann passiert, will man sich gar nicht ausmalen, auf den Straßen ebenso wie am Aktienmarkt. Das ist ein Szenario, das zumindest möglich ist, das brandgefährlich wäre und auf dessen Eintreten man sich als Investor besser im Hinterkopf einstellen sollte.

Die meisten Anleger durschauen Trumps Spiel

Donald Trumps Drohung, die Aktienmärkte würden gnadenlos einbrechen, wenn er nicht wiedergewählt würde, ist meines Erachtens damit nicht glaubwürdig. Diejenigen, die ihn am Dienstag wählen werden, mögen für die Wahl selbst eine wichtige Rolle spielen, am Aktienmarkt aber eher nicht. Die Masse des dort investierten und regelmäßig umgeschichteten Kapitals liegt in Händen großer, erfahrener Investoren, die wissen, dass Donald Trump in seinen Reden und Twitter-Meldungen eine Scheinwelt kreiert, die der wirtschaftlichen Realität nicht standhält.

Sollte Joe Biden die Präsidentschaftswahl gewinnen und der Senat eine demokratische Mehrheit bekommen, wären klare Verhältnisse geschaffen. Und der oben gezeigte Chart der Performances der US-Präsidenten macht ja deutlich, dass es keineswegs vom Parteibuch des Präsidenten abhängt, ob der Aktienmarkt stark bleibt oder nicht.

Börse aktuell: Was ist mit der Charttechnik?

Und was ist mit der Charttechnik? Da der Dow Jones an der Börse aktuell unmittelbar davor stünde, ein Doppeltopp zu vollenden und die wichtige 200-Tage-Linie zu durchschlagen, wie im vorstehenden Chart mit eingeblendet, würde das bullische Lager natürlich jede Chance nutzen, im letzten Moment noch das Ruder herumzureißen. Dass man versucht dagegenzuhalten, sieht man ja daran, dass es gelang, diese 200-Tage-Linie am Donnerstag und Freitag mit Ach und Krach zu halten. Aber:

Diese Wahl ist ein Ereignis, das weit schwerer wiegt als die kurzfristige charttechnische Reaktion. Sollte es zu einem der für Land und Börse negativen Szenario kommen, d.h. zu einem Szenario, bei dem das Land unregierbar würde oder sogar Unruhen und Chaos denkbar wären, hätten die Bullen keine Chance, den Abstieg aufzuhalten. Anders wäre es, käme es zu klaren Verhältnissen. Die braucht die US-Wirtschaft … und würde die Wahl ein solches Szenario liefern, wäre eine Rallye, wie wir sie nach der Wahl 2016 gesehen haben, an der Börse aktuell wiederholbar. Nur diesmal unter anderen und im Fall einer klaren demokratischen Mehrheit auch mittelfristig günstigeren, weil stabileren Vorzeichen.

Ich wünsche Ihnen eine erfolgreiche Börsenwoche!

Ihr

Ronald Gehrt

* Charts vom 30.10.2020, Quelle marketmaker pp4

Die letzten Monate waren für Trader anstrengend, denn echte Trends konnte man an den Fingern einer Hand abzählen. Und bevor sich das bessert, wird es erst noch schlimmer. Die US-Wahl, die Pandemie, die Berichtssaison, das Ringen EU/Großbritannien: All das sorgt für nervlichen Druck und unstete Märkte. Da heißt es für Trader, Ruhe zu bewahren. Und es wird an der Börse aktuell nicht reichen, Fehler zu vermeiden. Zwei andere Aspekte gilt es ebenso zu berücksichtigen, um diesen „heißen Herbst“ mit Gewinn zu beenden.

Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber ich stelle fest, dass ich nach über 30 Jahren als Trader immer noch grandios darin bin, Fehler gleich mehrfach zu machen. Man fällt auf die Nase, erkennt, was man besser hätte bleiben lassen und macht es beim nächsten Mal gleich wieder. Warum? Weil ein kleiner Mann im Ohr zahllose schlau klingende Argumente findet, warum das alles diesmal doch etwas ganz anderes ist. Für einen wie mich, der tagtäglich analysiert, was warum am Markt passiert und dabei so oft erlebt hat, dass der Spruch „ja, aber diesmal ist es ja etwas anderes“ zu denen gehört, die einen an der Börse am teuersten kommen, eine reife Leistung.

Hätte Sisyphos mal Pause gemacht …

Aber wir sind eben alle Menschen und haben damit ein Handicap gegenüber computergesteuerten Handelsprogrammen, die nie schlafen, nie krank werden und mal sowieso keinen Urlaub nehmen: Unsere Kraft ist begrenzt. Wir können uns nicht ewig rational und konzentriert verhalten. Ich denke da immer an knifflige Bereiche beim Streichen einer Wohnung. Stundenlang kann man mit ruhiger Hand feinste, saubere Striche ziehen und plötzlich ist die Konzentration weg und man verhunzt einen Strich komplett, braucht dann lange, um diesen Ausrutscher zu kompensieren. An der Börse ist es, wie die Trader unter Ihnen wissen, nicht anders:

Einmal nicht aufgepasst und leichtfertig agiert, schon kann einen ein einziger Fehltrade so viel kosten, wie man zuvor in Tagen mit höchster Konzentration erwirtschaftet hat. Was tun? Die erste, völlig nachvollziehbare Reaktion ist, herauszufinden, was schief lief und sich das hinter die Ohren oder, das hält einfach besser vor, auf Papier niederzuschreiben. Und geht der nächste Trade erneut schief, raten viele zum „Cut“: Man solle sich ein Trading-Verbot erteilen, heißt es dann, bis man sich wieder im Griff hat oder die Gemengelage am Markt wieder klar genug ist, um ein gutes Chance/Risiko-Verhältnis zu haben. Ich weiß nicht recht, ich mag diese Idee nicht.

Sicher, eine Auszeit zu nehmen, kann vernünftig sein. Aber ich zweifle, dass der Anlass dafür richtig ist. Auf eine Niederlage hin in Deckung zu gehen … was wird dadurch besser? Auch der alte Sisyphos hätte seinen Stein nicht bis zum Gipfel gebracht, wenn er nach ein paar Fehlversuchen einfach mal die Füße hochgelegt hätte, einfach, weil ein Päuschen das Problem nicht bekämpft hätte.

Achten Sie nicht nur auf die „technischen“ Fehler!

Ja, ich bin absolut dafür, dass man einen Fehltrade analysieren sollte. Aber ich meine, man sollte nicht nur prüfen, was konkret falsch gemacht wurde, sondern auch, warum es dazu gekommen ist.

Gegen den Trend gehandelt, obwohl man wusste, damit die weit schlechtere Ausgangsbasis zu haben? Einem scheinbar sicheren charttechnischen Signal vorgegriffen, das dann doch nicht kam? Zugekauft statt ausgestiegen, nachdem sich ein Trade als Fehler erwies? Einen Trade zu früh beendet, obwohl die Charts gar keinen Grund dafür boten?

Solche Fehler kommen vor. Und ja, man kann sie sich sorgsam ins Tagebuch schreiben mit dem festen Willen versehen, das auf gar keinen Fall erneut zu tun. Aber warum passiert es so vielen von uns dann doch wieder? Ich vermute zwei Aspekte als Ursache dafür, die eher wenige Trader berücksichtigen:

  1. Die eigene Einschätzung der Fähigkeiten
  2. Die eigene Konstitution

Die Glücksfalle: Lernen Sie nicht nur aus Fehlern, sondern auch aus Erfolgen

Wer schaut sich eigentlich an, warum Trades am Ende mit einem sauberen Gewinn ausgingen? So gut wie niemand. Man geht einfach davon aus, dass man alles richtig gemacht hat, sonst wäre ja kein Gewinn dabei herausgekommen. Aber das muss ja gar nicht sein.

Vielleicht war ich in Wahrheit ziemlich schlampig mit der Vorab-Einschätzung der Chancen, habe die Positionsgröße eigentlich viel zu groß angesetzt, den Stopp nicht überwacht. Dass ein Gewinn heraussprang, kann also sehr wohl nicht das Ergebnis sauberer Arbeit sein, ich habe womöglich einfach nur Glück gehabt!

Das Ego verkauft mir das aber als eigene Leistung. Und da ist es nicht mehr weit bis zu einem Punkt, an dem ich meine eigenen Fähigkeiten überschätze. Und dann sind die Fehler, die ich bei Gewinntrades gemacht habe, aber mit Glück mit einem Plus davonkam, etwas, worauf ich nicht mehr wirklich achte. Es mag zusätzliche Mühe bedeuten und wirken, als würde man sich selbst nichts zutrauen, wenn man auch noch anfängt, auch die gelungenen Trades auf das Befolgen der Basis-Trading-Regeln zu überprüfen. Aber es ist nötig. Für immer?

Nein, nicht für immer. Ich habe zwar selbst lange gebraucht (und wir reden da NICHT von Monaten), bis einige typische Fehler endgültig aus meinem Trading verschwunden waren. Aber dazu kommt es, wenn man es nur lange genug richtig macht. Dann, aber erst dann beginnt der Effekt des Automatismus. Dann beginnt man, sich selbst in ein Handelsprogramm zu verwandeln, das nur tut, was „richtig“ ist.

Das dauert vor allem deshalb lange, weil wir es als Trader nicht mit ein paar wenigen leicht einzuordnenden Szenarien zu tun haben. Dauernd ist irgendetwas anders oder neu. Das macht die Börse im Allgemeinen, aber auch die Börse aktuell ja auch so faszinierend. Aber eben auch kniffliger, weil neue Situationen dazu verleiten, nicht stur den Grundregeln des Tradings zu folgen, weil es ja in der Tat so aussieht, als wäre diesmal alles ganz anderes. Ist es nicht. Der Weg, auf kurzfristiger Ebene effektiv zu traden, ist von den Kursen und ihren Bewegungen abhängig, nicht von den Rahmenbedingungen oder davon, dass ein Kursimpuls logisch ist oder nicht. Nur ist es eben nicht einfach, die von außen kommenden Einflüsse, all die Nachrichten und Meinungen, konsequent auszublenden und stur den Markt zu traden. Das zu schaffen ist kein Kinderspiel. Aber entscheidend.

Wobei ein zunehmender Automatismus natürlich keine Garantie dafür ist, dass alle Trades im Gewinn enden, denn das Unvorhersehbare ist an der Börse bekanntlich Legion. Aber es führt dazu, dass man auch in schwierigen Situationen gut zurechtkommt. Und die kommenden Wochen werden schwierig.

Die Konstitutions-Falle: Wir sind keine Maschinen!

Ein zweiter, entscheidender Faktor liegt ebenfalls in der „Problematik“, kein Computer, sondern ein Mensch zu sein. Uns kann eben die Puste ausgehen, „running out of steam“ nennen die US-Trader das. Wenn wir nicht körperlich und geistig topfit sind, verschlechtert sich unsere Chance auf effektives Trading automatisch deutlich. Wer müde, verunsichert, überlastet oder alles auf einmal ist, verliert die Kontrolle. Und wer die Kontrolle verliert, verliert Geld.

Die gegenüber früheren Jahrzehnten längeren Handelszeiten einerseits und die wachsenden Trading-Möglichkeiten durch mehr problemlos erreichbare Märkte und immer mehr Derivate sind zwar im Prinzip ein Vorteil, um den uns Trader des letzten Jahrhunderts beneiden würden. Aber sie würden auch erschrecken, gegen welche Gegner wir heutzutage an der Börse antreten müssen.

Wir treten gegen computergesteuerte Handelsprogramme an, einige mit künstlicher Intelligenz versehen. Ob das deren Trading besser macht, wage ich zwar zu bezweifeln, aber das soll ein anderes Thema sein. Diese „Maschinen“ befolgen die Regeln wie, nun ja, wie Maschinen. Wir hingegen müssen uns eine solche eiserne Disziplin erst antrainieren. Das geht.

Aber diese Systeme können rund um die Uhr in voller Leistungsfähigkeit agieren. Das geht bei uns nicht.

Die Märkte sind nahezu immer offen. Von Montag 0 Uhr bis Freitagabend 23 Uhr kann gehandelt werden, wir haben Zugriff auf alle Märkte und alle Assets rund um den Globus. Aber wir können nicht Von Montag 0 Uhr bis Freitagabend 23 Uhr traden. Unsere Kraft ist begrenzt. Die Möglichkeit, immer aktiv sein zu können, lockt viele in die Falle, sich zu übernehmen, sich zu wenig Ruhe zu gönnen. Die Folge: Unkonzentriertheit und Fehler.

Es ist gar nicht so einfach, sich dieser Sogwirkung der dauernd blinkenden Kursmonitore zu entziehen. Aber es muss eben sein. Trading ist keine einfache, entspannte Tätigkeit. Sie erfordert schnelle Reaktionen, einen stets wachen Geist und eiserne Disziplin. So etwas können selbst hartgesottene, erfahrene Trader keine zehn, zwölf Stunden am Tag schaffen. Kurze Zeit schon, aber auf Dauer nicht. Also?

Schauen Sie regelmäßig in sich hinein. Prüfen Sie ihre Konstitution, gehen Sie nie an ihre Konzentrations-Grenze … und erst recht nicht darüber hinaus. Die kommenden Wochen werden an der Börse extrem spannend, aber auch anstrengend für einen Trader. Um da gut durchzukommen, rate ich nicht zu literweise Kaffee oder noch übleren Methoden, die Sicherheitssysteme des eigenen Körpers auszutricksen, sondern zu Schlaf, frischer Luft und Ablenkung. Ich denke: Wer sich ohne Not überlastet und dann Mist baut, ist kein harter Hund, sondern ein Dummkopf. Gutes Gelingen!

Ich wünsche Ihnen eine erfolgreiche Börsenwoche!

Ihr

Ronald Gehrt