Börse aktuell

Hier erfahren Sie, was an der Börse aktuell geschieht. Unser Börsenexperte Ronald Gehrt beobachtet täglich das aktuelle Börsengeschehen und fasst die neuesten Börsendaten und Börsenberichte wöchentlich für Sie zusammen. Mit Börse aktuell bringen wir die wichtigsten Börsennachrichten auf den Punkt und kommentieren, was momentan an der Börse los ist.

Börse: Aktuelle Nachrichten der Woche

Neues von der Börse: Unsere aktuellen Börsennachrichten informieren Sie jede Woche über die derzeitige Börsenentwicklung. Was beschäftigt die Börse? Was steht diese Woche an? Diktieren Bullen oder Bären die Märkte? Sollten Sie Ihre Investitionen erhöhen oder lieber Gewinne mitnehmen? Wir geben Ihnen die Antworten auf diese Fragen, wagen einen Ausblick auf die kommende Börsenwoche und bewerten anstehende Ereignisse, die Auswirkungen auf den Börsenverlauf haben könnten.


Börse aktuell vom 20.-26.05.2024

Immer das gleiche Spiel am Terminmarkt … kann man das für sich nutzen?

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Während die Bedeutung der Terminbörse für den Aktienmarkt medial noch fast immer auf „ein paar Wetten“ heruntergespielt wird, wissen erfahrene Investoren, wie massiv der Terminmarkt die Trendrichtung und dessen Intensität beeinflusst. Wer das lange genug verfolgt, erkennt wiederkehrende Muster … aber kann man dieses immer gleiche Spiel für sein eigenes Trading nutzen … und wenn ja, wie?

Zu wissen, warum etwas passiert, ist zwar wichtig. Aber damit weiß man noch lange nicht, wie es weitergeht … das sollte man diesem Beitrag voranstellen, denn das ist der Kern der Problematik. Wenngleich man sich dann immer noch besser stellt als jemand, der nicht einmal versteht, wie das „Ist“ zustande kommt oder, gerade, wenn man nicht um die kursbewegende Marktmacht der Terminbörse weiß, dem „Ist“ falsche Gründe zuordnet.

Wer weiß, was da passiert, hat für das eigene Trading nämlich trotzdem ein paar nützliche Informationen bzw. Anregungen. Dazu gleich, zunächst einmal eine nochmal etwas mehr komprimierte Erläuterung dessen, was ich als Options-Grundwissen im Format „super-kompakt“ schon mal Anfang des Jahres an dieser Stelle geschrieben hatte. Wer sich auskennt: Einfach zum nächsten Abschnitt weiterscrollen.

Options-Grundwissen im Format „super-kompakt“ … noch ein wenig komprimierter

Am Optionsmarkt gibt es Calls und Puts. Ein Call verbrieft das Recht, einen Index (da dann als Barausgleich) oder eine Aktie (in echt) zu einem bestimmten Preis kaufen zu dürfen. Und zwar von dem, der einem die Option verkauft hat. Das kann irgendwer sein, ein Privatanleger wie man selbst, ein Hedgefonds, ein Großinvestor. Ein Put hingegen verbrieft das Recht, einen Index oder eine Aktie zu einem bestimmten Preis verkaufen zu dürfen.

Nehmen wir mal an, eine Call-Option hatte den Basispreis 50 US-Dollar, zu der man als Optionskäufer die Aktie X kaufen kann (aber nicht muss, es ist eine Option, keine Pflicht) und lief bis letzten Freitag. Der, der diese Option hat, ist daran interessiert, dass die Aktie X dann weit über 50 US-Dollar steht. So weit, dass er die Aktie zu 50 US-Dollar vom Options-Verkäufer einfordern und sie am Markt dann für mehr verkaufen kann als diese 50 US-Dollar plus die Summe, die er für den Kauf der Option bezahlt hat.

Aber das ist nur eine Seite des Geschäfts. Denn klar ist: Derjenige, der die Call-Option verkauft hat (Optionsverkäufer heißen im Jargon „Stillhalter“), hätte es liebend gerne, wenn die Aktie X am Abrechnungstag unter 50 US-Dollar notiert. Dann wird der Optionskäufer die Aktie nicht einfordern, weil ihm das nichts bringt (zu 50 kaufen, wenn sie bei 45 notiert, wäre halt Unfug). Und kommt es so, hätte er das Geld, das ihm der Käufer für die Call-Option bezahlt hat, als Reingewinn.

Bei Put-Optionen läuft es genau umgekehrt. Hier verkauft der Put-Verkäufer (Stillhalter) dem Käufer das Recht, die Aktie X zu 50 US-Dollar an ihn verkaufen zu können (oder die Aktie X zu 60, die Aktie Y zu 40 usw.). Wenn also jemand eine Put-Option kauft, hofft er, dass die Aktie fällt. Dann kauft er sie nämlich zügig zu z.B. 40 US-Dollar und dient sie dem Put-Verkäufer an, der dann teure 50 US-Dollar auf den Tisch legen muss. Oder man hat sie schon im Depot, dient sie dem Verkäufer zu 50 an und kauft sie sich zu 40 am Markt zurück. Klarer Fall: Der Verkäufer der Put-Option ist im Gegenzug daran interessiert, dass die Aktie X am Abrechnungstag über 50 US-Dollar steht, so dass die Put-Käufer ihm die Aktie nicht andienen, er aber dafür den Preis der zuvor an den Käufer verkauften Option als Reingewinn hat.

 „Große“ wollen „Kleine“ auf dem falschen Fuß erwischen … und können es auch durchsetzen

Das klingt alles ziemlich „mickrig“, ist es aber nicht. Denn in den USA ist der Optionsmarkt riesig, bei uns zumindest wichtig. Und die Summen, die dort verdient oder verloren werden können, sind gewaltig, denn neben der Größe dieses Marktes hat die Sache eine Hebelwirkung, da geht es bei solchen Options-Trades ja nicht um eine Aktie, sondern gleich mal um Tausende oder Zigtausende und mehr. Wenn wir von der Dimension reden, die da an einem Abrechnungstag wie letzten Freitag auf dem Spiel steht, sprechen wir insgesamt durchaus von Milliarden.

Und die großen Spieler in diesem Geschäft haben das Werkzeug, um zu erzwingen, dass sie dabei ideal durchkommen: Kapital. Genug Kapital, um die Kurse dorthin zu bewegen, wo man als Options-Inhaber und als Options-Verkäufer den größten Gewinn erzielt. Was bedingt, dass das passiert, womit die Mehrheit der anderen, meist „kleinen“ Akteure nicht gerechnet hat, so dass deren Optionen wertlos verfallen.

Das ist der Grund, wieso Abrechnungen am Terminmarkt sehr oft an einem Extrempunkt der vorherigen Kursspanne stattfinden, wie es der folgende Chart des DAX seit Jahresanfang beispielhaft zeigt. Ausnahme: Wenn es vorher wochenlang lethargisch seitwärts ging, ist das ideale Szenario für die „Großen“, dass die Abrechnung innerhalb der Handelsspane stattfindet, weil die meisten in solchen Situationen auf einen Ausbruch setzen.

Börse aktuell: Entwicklung DAX zur Abrechnung am Terminmarkt im Jahr 2024 | Quelle: marketmaker pp4 | Online Broker LYNX
Entwicklung DAX zur Abrechnung am Terminmarkt im Jahr 2024 | Quelle: marketmaker pp4

Da es hier um gewaltige Summen geht, sind diese großen Akteure oft nicht nur imstande, sondern auch aktiv dabei, eine solche Abrechnung an einem Extrempunkt mit eigenem Kapitaleinsatz zu „fördern“. Was sich meist auch rechnet, denn man darf nicht vergessen, dass sie den DAX ja z.B. jetzt vor der Mai-Abrechnung nicht alleine auf neue Hochs hieven mussten. Da sind dann zahllose Trader, die rein nach den Charts agieren und vor allem die genauso rein technisch orientierten Handelsprogramme mit von der Partie und kaufen in einem solchen, bullischen Szenario. Man hat, wenn man einen Trend intensiviert, also immer „Schützenhilfe“.

Dieses Spiel beschränkt sich nicht auf die Indizes bzw. die Index-Optionen, auch und gerade bei den Einzelwerten werden die „Kleinen“ überrumpelt und Trends bis zum Exzess ausgereizt. Gerne vor allem in die Richtung, mit der die meisten Optionskäufer zuvor nicht gerechnet hatten. Wer über die technische Ausstattung verfügt, sich eine Übersicht in Form einer RSL-Tabelle zu verschaffen, erkennt das. Nicht nur wie in der folgenden Grafik bezogen auf diese Mai-Abrechnung, sondern eigentlich immer. Je näher ein Abrechnungstermin kommt, desto mehr gilt: Was steigt, steigt weiter … was fällt, fällt weiter … so absurd das bisweilen auch sein mag.

RSL-Tabelle der DAX-Werte, Auszug der per Freitag stärksten und schwächsten 6 Aktien

AktieRSLRSL VorwocheClose
Siemens Energy AG1.256131.3024525.00
Commerzbank AG1.121231.0380515.46
Vonovia SE1.117641.0547129.73
Infineon Technologies AG1.105911.1698337.01
Henkel AG & Co. KGaA Vorzugsaktien1.10541.1033383.98
Merck KGaA1.090611.01871167.20
….
Dr. Ing. h.c. F. Porsche AG Vorzugsaktien0.936370.9102782.40
Mercedes-Benz Group AG0.934510.9249168.06
Brenntag SE0.926631.0210469.66
Daimler Truck Holding AG0.915110.9434239.32
Bayerische Motoren Werke AG0.909670.9492896.02
Sartorius AG Vorzugsaktien0.89510.89128268.50

Kurz erklärt: Der RSL ist nicht mit dem RSI zu verwechseln. Letzterer misst die relative Stärke bei einem Kurs in sich. Der RSL (Relative Stärke nach Levy) wird eingesetzt, um die relative Stärke einzelner Aktien u.a. zueinander abzubilden, d.h. wie stark ist ein Wert im Vergleich zu anderen. Zurück zur Aussage der Grafik:

Da steigt eine Aktie wie Siemens Energy, die bis Ende letzten Jahres ein Top-Verlierer war, noch extremer als zuvor. Und auf einmal fällt eine Aktie wie Daimler Truck (Chart folgt weiter unten), die gerade erst direkt nach der Terminmarkt-Abrechnung im Januar zur Kursrakete wurde, zum zweiten Mal an das untere Ende ihrer Handelsspanne seit der letzten Abrechnung. Das wirkt, als müsse man das doch irgendwie nutzen können?

Börse aktuell: Entwicklung Siemens Energy im Jahr 2024 | Quelle: marketmaker pp4 | Online Broker LYNX
Entwicklung Siemens Energy im Jahr 2024 | Quelle: marketmaker pp4

Richtungswechsel nach der Abrechnung … kann man das vorhersagen?

Wie eingangs betont: Zu wissen, warum etwas Extremes passiert ist, wie der DAX auf immer neuen Hochs, eine haussierende Siemens Energy oder eine auf einmal so schwache Daimler Truck, eine Sache. Daraus ableiten zu wollen, wie es weitergeht, eine andere. Das hat vor allem vier Gründe:

1. Terminmarkt-Positionen großer Player sind immer äußerst komplex. Da werden Index- und Aktienpositionen kombiniert, Gegenpositionen zum Hedging aufgebaut und wieder aufgelöst, die Futures mit einbezogen. Das funktioniert nur über aufwändige Handelsprogramme, die dieses Tohuwabohu im Blick behalten und steuern. Das bedeutet: Da können offensichtliche Positionen, die wir erkennen können, von anderen überlagert sein, die wir nicht sehen, so dass man schwer einschätzen kann, ob eine große Adresse wirklich durchweg bullisch oder bärisch ausgerichtet war. Und vor allem: Ob man auch bullisch oder bärisch bleiben wird.

2. Hinzu kommt ein zweiter, wichtiger Faktor: Auch diese großen Player können mitten zwischen zwei Abrechnungsterminen radikal ihre Ausrichtung von bullisch auf bärisch oder umgekehrt ändern, wenn sich die Gesamtsituation nennenswert verändert. Dass „Hausse“ so sauber durchgezogen wird, wie wir das beim DAX jetzt nach der Abrechnung vom April gesehen haben, nachdem es vorher abwärts ging, kommt vor. Aber es ist keine Regel, auf die man sich verlassen kann.

Börse aktuell: Entwicklung Daimler Truck zur Abrechnung am Terminmarkt im Jahr 2024 | Quelle: marketmaker pp4 | Online Broker LYNX
Entwicklung Daimler Truck zur Abrechnung am Terminmarkt im Jahr 2024 | Quelle: marketmaker pp4

3. Dann wäre da noch das Problem des „Rollens“. Man kann nie wissen, ob ein großer Spieler seine Positionierung nach einer Abrechnung wirklich neu ausrichtet. Sprich ob der Player sich wirklich auf Basis der dann geltenden, ggf. gegenüber dem Start seiner Positionierung veränderten Lage überlegt, ob er die bisherige Richtung beibehalten oder auf die Gegenseite wechseln will … oder ob die Positionen einfach in die nächste Laufzeit übertragen werden. Was der Fall ist, wenn man auslaufende Long- und Short-Positionierungen einfach durch gleiche Positionen mit der nächsten Laufzeit, also im aktuellen Fall mit Laufzeit Juni, ersetzt. Das nennt man „rollen“.

4. Und dann ist da noch zu guter Letzt das „Publikum“, d.h. diejenigen, denen man seine Calls und Puts verkaufen bzw. sie von ihnen kaufen will. Den großen Reibach macht man ja gerade dann, wenn man imstande ist dafür zu sorgen, dass das Gegenteil dessen passiert, was diese Klientel erwartet. Damit stellt sich den großen Spielern die Frage: Was erwartet die Masse denn an der Börse aktuell? Und hätten wir ein Umfeld, um das Gegenteil zu erreichen, ohne dafür zu viel Kapital aufwenden zu müssen (solche aktiven Aktionen müssen sich ja gegenüber dem zu erwartenden Gewinn bei den Optionen rechnen)?

Brauchbare Situationen, die man beobachten sollte

Angesichts dieser Faktoren wird schon klar: Ganz so einfach ist es nicht, aus solchen Phänomenen um die Terminbörse herum finanziell Honig zu saugen. Aber es ist allemal interessant, ein paar Aspekte im Auge zu behalten. Denn wenn man weiß, welche Fragen sich diese großen Spieler nach einer absolvierten Abrechnung in Bezug auf die kommende stellen, kann man sie sich ebenso stellen und die Antworten womöglich zumindest erahnen. Beispiel:

Angenommen, am Terminmarkt würde man den Eindruck bekommen, die Privatanleger, denen man jetzt Optionen verkaufen will, seien euphorisch ob der neuen Rekorde bei DAX, Dow Jones & Co.: Dann hätte man einen tadellosen Markt, um Call-Optionen zu verkaufen. Da hätte man natürlich das Ziel, dafür zu sorgen, dass diese Massen an verkauften Call-Optionen zur Abrechnung wertlos verfallen.

Würden die großen Adressen hingegen den Eindruck haben, dass sehr viele Privatanleger der Hausse skeptisch gegenüberstehen, also eher mit einer Korrektur oder Schlimmerem rechnen, kriegt man Call-Optionen nicht los, dafür könnte man aber Put-Optionen verkaufen. Und dafür sorgen, dass die dann wertlos auslaufen, indem man versucht, die Hausse weiter zu treiben, damit DAX & Co. zur Juni-Abrechnung dann höher stehen als jetzt.

Börse aktuell: Entwicklung Commerzbank im Jahr 2024 | Quelle: marketmaker pp4 | Online Broker LYNX
Entwicklung Commerzbank im Jahr 2024 | Quelle: marketmaker pp4

Ein anderes Beispiel, womit sich etwas anfangen ließe: Wenn Aktien extreme Bewegungen vor einer Terminmarkt-Abrechnung zeigen, ist es dann lohnend, diese in Sachen Richtungswechsel im Auge zu behalten, wenn diese bisherige Bewegung ein absurdes, nicht mehr von den Rahmenbedingungen unterfüttertes Niveau erreicht hat. Dann könnte man mutmaßen, dass auch die großen Spieler nicht versuchen werden, eine überzogene Rallye oder eine überzogene Baisse noch weiter zu treiben, sondern sich auf die Gegenseite begeben.

Aber Vorsicht, ein solches Urteil ist aber immer subjektiv, daher: Solche Aktien … wie die drei hier genannten Aktien als Beispiele von mehreren, zumal man sich da im selben Stil auch an den US-Märkten umtun kann … im Auge zu behalten, ist sicherlich eine gute Idee.

Keine gute Idee wäre es aber, dann sofort nach einer Abrechnung blind auf die Gegenseite zu setzen. Man sollte auf jeden Fall abwarten, ob sich diese Vermutung auch in den Kursen niederschlägt. Kommt es zu entsprechenden charttechnischen Signalen, käme man ja in der Regel nicht zu spät, wenn wir uns mal ansehen, wie massiv diese Bewegungen vor einem Abrechnungstermin dann ausfallen.

Fazit: Als Wegweiser untauglich, als Chancen-Inspiration hoch lukrativ!

So stereotyp die Spielchen des Terminmarkts auch sind: Durchschaubarkeit und die Nutzungsmöglichkeit als Wegweiser sind zwei Paar Schuhe. Aber als „Inspiration“ für mögliches Trading sind sie allemal geeignet … denn man muss ja nicht imstande sein, das, was die großen Akteure am Terminmarkt tun werden, vorherzusehen. Da dann auf der Zielgeraden mit zu schwimmen, ist ebenso eine lukrative und dann weit weniger von der Fähigkeit zum Hellsehen abhängige Möglichkeit!

Ich wünsche Ihnen eine erfolgreiche Börsenwoche!

Ihr

Ronald Gehrt

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Börse aktuell: DAX, Dow Jones und Co.

Die heutigen Top-News und Börsenmeldungen zum DAX und der Börse USA mit dem Dow Jones, dem Nasdaq und dem S&P 500 als weltweit einflussreiche Indizes bilden einen Schwerpunkt unserer aktuellen Berichterstattung von der Börse. Auch gute Aktien, die momentan sehr stark im Fokus der Anleger stehen und steigende Börsenkurse prophezeien, werden wir Ihnen hier vorstellen. So bekommen Sie einen umfassenden Börsenausblick und können Ihre eigenen Börsenprognosen verifizieren oder falsifizieren.

Börse: Aktuelle Entwicklung und Trends

Die aktuelle Entwicklung und der aktuelle Trend an der Börse werden maßgeblich von Wirtschaftsnachrichten, Konjunkturdaten und Neuigkeiten von börsennotierten Unternehmen bestimmt. Diese wirken sich nicht nur auf Aktienkurse aus, sondern auch auf andere Assetklassen wie börsengehandelte Fonds, Optionen und Futures. Des Weiteren werden durch Börsennachrichten auch die Anleihemärkte und Rohstoffmärkte in Bewegung versetzt. Daher haben wir auch die Zinsen, den Ölpreis und Goldpreis immer im Blick.

Börse: Aktuelle Tipps zum Marktgeschehen

Neben Börsennews bekommen Sie auch hilfreiche Tipps, um das gegenwärtige Marktgeschehen besser zu interpretieren. Der Börsenmarkt setzt sich aus vielen verschiedenen Märkten zusammen. Jedes Land, jede Branche und jedes Finanzprodukt wird von individuellen Faktoren beeinflusst, sodass es schwierig ist, alle Märkte mit ihren jetzigen Chancen und Risiken zu verfolgen und zu analysieren. Mit Börse aktuell liefert Ihnen unser Börsenprofi die Börseninformationen, die wirklich wichtig sind, und zugleich eine kompakte Börsenvorschau der Woche.

Börse aktuell: Die letzten Nachrichten

Fliegenpilze gehören zu den hübschesten und farbenfrohsten unter den Pilzen und wirken daher harmlos, obgleich sie giftig sind. So etwas gibt es auch am Aktienmarkt: Aktien, die nach schnellen Gewinnen aussehen und am Ende doch für die meisten zur Venusfliegenfalle werden. Also ja, es gibt „toxische Aktien“. Woran liegt das … und wie kann man sie erkennen?

Wenn Aktien für Anleger zum Albtraum werden, liegt das in geschätzt neun von zehn Fällen nicht am Unternehmen, sondern an anderen Marktteilnehmern, das muss man klar herausstellen. Ein Unternehmen gibt Aktien aus, bemüht sich redlich um Wachstum und eine ordentliche Dividende, kauft ab und an, wenn zu viel Geld in der Kasse ist, auch mal eigene Aktien zurück. Aber einen direkten Einfluss auf die Kursbewegungen nimmt es nicht. Die Marktteilnehmer schon. Und wenn eine Aktie zu „zockerhaltig“ wird, wird es für einen besonnenen Investor so richtig ungemütlich, denn wie schon Oma wusste: Zu viel „Zocker“ ist nicht gesund!

Börse akuell: Extreme Kursbewegungen bei Gamestop - Entwicklung der Aktie von 2020 bis 2024 und langfristig | Quelle: marketmaker pp4 | Online Broker LYNX
Extreme Kursbewegungen bei Gamestop – Entwicklung der Aktie von 2020 bis 2024 und langfristig | Quelle: marketmaker pp4

Ewige Achterbahn: Wenn man heute nicht einmal ahnen kann, was morgen sein wird

Starke Trends sind die Basis für starke Gewinne, keine Frage. Aber es kommt sehr darauf an, wie solche Trends im Detail ablaufen. Wer da nicht genauer hinschaut, kann übel auflaufen. Denn gerade Aktien, die aufgrund von zweistelligen Tagesgewinnen oder –verlusten in den Schlagzeilen landen, tun so etwas dann immer öfter, weil starke Bewegungen kurzfristige, meist immens riskant über hohe Hebel agierende Trader anziehen. Dann wird das alles noch extremer. Und bei den vier Beispielen (es würden sich noch viele andere finden), die wir an der Börse aktuell beobachten konnten, fällt eines auf:

Da gibt es extreme Bewegungen in kürzester Zeit, die aber oft auch nur kurz vorhalten. Da gibt es „Gaps“, also Kurslücken zur Eröffnung, in beide Richtungen. Und ja, es finden sich große Handelsspannen … nur muss man die auch ohne massiven monetären Blechschaden mitmachen können. Wenn man sich in einer Nonstop-Achterbahn bewegt, in der man nie weiß, ob die Reise am nächsten Tag in die gleiche Richtung wie heute geht oder auf einmal in die Gegenrichtung, kann man kaum etwas richtig machen. Und egal, welches Beispiel wir uns hier ansehen (dazu habe ich bei Gamestop und HelloFresh extra die langfristige Entwicklung in einem „Chart im Chart“ mit hineingenommen) wir sehen:

Börse akuell: Extreme Kursbewegungen bei Hellofresh - Entwicklung der Aktie von 2023 bis 2024 und langfristig | Quelle: marketmaker pp4 | Online Broker LYNX
Extreme Kursbewegungen bei Hellofresh – Entwicklung der Aktie von 2023 bis 2024 und langfristig | Quelle: marketmaker pp4

Augen zu und durch, sprich einfach in Trendrichtung einsteigen und gar nicht mehr hinschauen, das funktioniert da auch nicht. Buy & Hold, das ist etwas für die anderen Aktien, die Zocker als zu langweilig ansehen. Aber diese Beispielcharts zeigen: Langweilig ist relativ. Wenn ein Trend weitaus geruhsamer ist, dafür aber nicht das Risiko birgt, ohne Stop Loss genauso auf der Nase zu landen wie mit, dann ist mir langweilig aber deutlich lieber als so was hier. Aber wie ließe es sich vermeiden, mehr oder weniger aus Versehen, angezogen von der medialen Präsenz solcher toxischen Aktien, in eine solche Venusfliegenfalle zu geraten?

Wie kann an der Börse aktuell man toxische Aktien erkennen?

Sehen Sie sich immer die Vorgeschichte einer Aktie an. Zeigte sie in der Vergangenheit toxische Kurssprünge, muss man damit rechnen, dass die Zocker wiederkommen, auch, wenn der Kursverlauf im Augenblick friedlich wirken sollte. Bei Gamestop geht es beispielsweise gerade wieder los, nachdem es eine Zeit lang relativ friedlich zugegangen war.

Wenn viele „Gaps“ auftauchen, vor allem auch dann, wenn es keine Nachrichten gab, die solche Kurslücken begründen können, ist das Risiko für einen Anleger hier groß … bzw. zu groß, wenn man vernünftig investieren will. Denn jeden Morgen damit rechnen zu müssen, entweder einen satten Gewinn in den Schoß geworfen zu kommen oder weit unter dem geplanten Stop Loss aus dem Markt geflogen zu sein ist nichts, das einen ruhigen Schlaf und eine an der Börse nötige, ruhige Hand fördert.

Börse akuell: Kursbewegungen durch Hypes - Entwicklung ARM holding Aktie von 2023 bis 2024 | Quelle: marketmaker pp4 | Online Broker LYNX
Kursbewegungen durch Hypes – Entwicklung ARM holding Aktie von 2023 bis 2024 | Quelle: marketmaker pp4

Gerade Aktien mit niedrigem Kurs verdienen vor dem Einstieg einen besonders intensiven, prüfenden Blick. Sicher, logisch ist diese Erfahrung, die ich über die Jahrzehnte gemacht habe, nicht, aber Zocker agieren ja auch per se nicht logisch: Gerade „billige“ Aktien neigen dazu, extreme Bocksprünge zu machen, weil Spieler scheinbar gerne „große Positionen“ handeln. Es scheint sich besser anzufühlen, gleich mal mit 1.000 Aktien für 5 Euro zu agieren als mit 10 für 500 Euro.

Seien Sie immer besonders vorsichtig, wenn es um „Hypes“ geht. Ob der Internet-Hype vor einem Vierteljahrhundert oder der KI-Hype heute: Da schaukeln sich große Erwartungen immer weiter hoch und verlieren sukzessiv den Kontakt zur Bodenstation. Die starken Aufwärtsbewegungen der vom Hype erfassten Aktien ziehen dann immer mehr unerfahrene Anleger an und verleiten diese auch noch zu immer höheren Risiken. Und was, wenn nicht das, wäre ein Musterbeispiel für eine „toxische“ Gemengelage?

Börse akuell: Kursbewegungen durch Zocker - Entwicklung Tesla Aktie von 2023 bis 2024 | Quelle: marketmaker pp4 | Online Broker LYNX
Kursbewegungen durch Zocker – Entwicklung Tesla Aktie von 2023 bis 2024 | Quelle: marketmaker pp4

Was zu riskant und/oder unvernünftig ist oder nicht, entscheiden immer Sie!

Und zum Schluss noch einmal der Hinweis: Die hier als Beispiele gezeigten Aktien mögen aus meiner Sicht toxisch sein, damit sind aber nicht die entsprechenden Unternehmen gemeint. Toxische Aktien werden durch das unvernünftige Verhalten von Spielernaturen „giftig“, die Unternehmen haben damit (fast immer) nichts zu tun.

Ob man eine Aktie als „Venusfliegenfalle“ einordnet oder nicht, ist immer eine subjektive Einschätzung, da können Sie also durchaus völlig anderer Ansicht sein als ich. Wichtig ist nur, dass Sie eine solche Einschätzung vornehmen, bevor sie Ihr Geld in scheinbar spannende und lukrative Aktien, die die Schlagzeilen beherrschen, stecken. Manch einer mag es ja auch bewusst gerne „heiß“, entscheidend ist nur, dass man nicht plötzlich aus allen Wolken fällt, sondern weiß, worauf man sich einlässt.

Ich wünsche Ihnen eine erfolgreiche Börsenwoche!

Ihr

Ronald Gehrt

2022 und 2023 wäre man gut damit gefahren, im Mai aus- und im September wieder einzusteigen. Aber lässt sich aus zwei Jahren hintereinander, in denen man mit diesem „sell in May“ erfolgreich gewesen wäre, bereits eine Wegweisung ablesen? Klopfen wir die Sache mal ab.

Gleich mal vorweg: Meiner Ansicht nach gehört über jedes Börsenportal der Spruch „Unverhofft kommt oft“. Und wer schon zehn, zwanzig Jahre als Anleger auf dem Tacho hat, weiß, dass man an de Börse zukünftige Trends nicht vorhersagen kann, einfach, weil zu viele Einflussfaktoren auf die Kurse wirken, die allesamt nicht sicher vorhersehbar sind. Und die dann auch noch durch den Filter der subjektiven Wahrnehmung der Marktteilnehmer müssen, bevor sie sich in den Kursen niederschlagen.

Wenn wir hier also über Sinn oder Unsinn dieses uralten Börsenspruchs „sell in May and go away, but remember to come back in September“ nachsinnen, dann nur unter der Prämisse möglicher Tendenzen. Zumal ausgerechnet ich, der ein ums andere Jahr erläutert, warum es Unfug ist, an Silvester den DAX-Stand des nächsten Jahresendes weissagen zu wollen, definitiv der falsche wäre, aus einem solchen Schüttelreim eine Vorhersage abzuleiten. Aber eines fällt halt auf:

Die letztes Jahr im April an dieser Stelle gezeigte Erfolgsquote dieser „Regel“ in Bezug auf den DAX wurde 2023 ausgebaut. Über die Jahre 2000 bis 2022 inklusive hätten ein Ausstieg Anfang Mai und der Wiedereinstieg am 1. September 15x einen Erfolg gebracht, 9x ging das schief. Gar nicht mal übel. Aber wollte man deswegen in Zukunft entsprechend dieses Spruchs handeln, wäre das so, als würde man nur deswegen massiv Long gehen, weil die letzten sechs Monate auch einen Gewinn auf der Long-Seite gebracht hätten. Keine scheinbar stabile Serie muss auf ewig stabil bleiben. An der Börse schon mal gar nicht. Es sei denn, man könnte das mit mehr unterfüttern als mit einer solchen, statistisch einigermaßen funktionierenden Saisonalität. Kann man das?

Börse aktuell: DAX Performance von April bis September in den Jahren 2021 bis 2023 | Quelle: marketmaker pp4 | Online Broker LYNX
DAX Performance von April bis September in den Jahren 2021 bis 2023 | Quelle: marketmaker pp4

Die eigentliche Basis von „sell in May“ existiert längst nicht mehr, aber …

Die eigentliche Idee hinter diesem „sell in May“ ist zumindest nicht mehr von Bedeutung. Diese „Strategie“ entstand aus der Beobachtung heraus, dass Anleger dazu neigten, vor Beginn der großen Sommerferienzeit ihre Aktien eher zu verkaufen. Und zwar deswegen, weil sie Sorge hatten, dass in dieser Zeit etwas Negatives passieren und die Kurse massiv drücken könnte, ohne dass sie eingreifen könnten oder das auch nur mitbekommen würden. Diese Verkäufer kehrten aber im September, wenn die Ferienzeit vorbei war, wieder zurück, das sorgte ab dann für tendenziell wieder festere Kurse. Das klingt nicht nur, als würden wir von einem Umfeld wie vor 100 Jahren sprechen, genau darum geht es tatsächlich.

Noch bis in die Achtzigerjahre war es schwierig, relativ aktuelle Kurse zu bekommen. Das war schon im eigenen Büro aufwändig, aber irgendwo in den Ferien noch kniffliger. Und dasselbe galt für das Handeln. Je weiter man in der Zeit zurückgeht, desto schwieriger war das damals. Im Vergleich zu heute war selbst das Ende der Achtziger, als ich erstmals an der Börse herumhantierte, Steinzeit.

Heute kann man jederzeit an jedem Ort sofort alles erfahren und alles tun, was die Börse angeht. So gesehen ist die eigentliche Basis von „sell in May“ heute nicht mehr existent. Wenn dieser Spruch also immer noch relativ oft funktioniert, muss irgendwie ein Wechsel in den Gründen dafür verantwortlich sein … oder aber es gab einen anderen, heute noch relevanten Grund über das Urlaubsproblem hinaus, den man damals aber weniger wahrnahm oder sogar übersehen hatte. Gibt es den? Den gibt es.

Das Auf und Ab der Hoffnungen startet im Mai/Juni oft seine Abwärts-Phase

Die Gemütslage der Anleger erinnert an Ebbe und Flut, sie verändert sich stetig und rhythmisch. Dabei spielt der Jahreswechsel eine große Rolle. Für das neue Jahr wird man tendenziell zuversichtlich, schauen Sie sich nur mal die Wachstumsprognosen für die Wirtschaft an, die da ab dem Herbst für das kommende Jahr herumgereicht werden. Und ab dem Frühjahr, wenn man merkt, dass eine neue Jahreszahl die Rahmenbedingungen schon wieder mal nicht entsprechend der eigenen Hoffnungen auf den Kopf gestellt hat, werden die dann scheibchenweise nach unten korrigiert. 

Börse aktuell: Entwicklung DAX von 1959 bis 2024 | Quelle: marketmaker pp4 | Online Broker LYNX
Entwicklung DAX von 1959 bis 2024 | Quelle: marketmaker pp4

Auch Investoren tendieren zu diesem „Auf“ zum Jahresende und dem von der Realität erzwungenen „Ab“ in Sachen Optimismus. Und das führt dazu, dass die Monate September/Oktober oft den Beginn einer Phase vermehrter Käufe und entsprechend steigender Aktienmärkte darstellen, während man ab Mai/Juni (oder diesmal ab April?) mit der unsanften Rückkehr auf den harten Boden der Fakten wieder aussteigt.

Das muss nicht immer so laufen. Und die schließlich nicht gerade wenigen Jahre, in denen es anders kam, belegen das ja auch. Wenn man überlegt, dieses „sell in May“ also für sich zu nutzen, muss man dafür gute Argumente haben. Und wenn wir uns einmal anschauen, was speziell die vergangenen zwei Jahre gemein hatten, in denen diese „Regel“ funktionierte und warum sie in den drei Jahren davor, 2019 bis 2021, nicht funktionierte, kommt man auf zwei Ansatzpunkte. Zwei Faktoren, mit denen sich meiner Meinung nach etwas anfangen ließe.

Faktor 1: Wo kommen die Kurse her?

Ich habe Ihnen hier einmal den S&P 500 ab Mitte 2018 bis Ende 2023 abgebildet, um nicht dauernd den DAX als Beispiel zu verwenden, immerhin muss die Sache, wenn sie taugen soll, bei allen Indizes funktionieren. Wir sehen hier also eine Zeitspanne von fünfeinhalb Jahren in einem Candlestick-Chart auf Wochenbasis. Da niemand jemals festgelegt hat, ob mit „sell in May“ und „come back in September“ der Monatsanfang oder das jeweilige Monatsende gemeint ist, habe ich den Mai und den September einfach in entsprechende rote (Mai) und grüne (September) Kästchen gepackt. Eines springt einem bei diesem Chart förmlich ins Auge:

Börse aktuell: Entwicklung S&P 500 von 2018 bis 2023 | Quelle: marketmaker pp4 | Online Broker LYNX
Entwicklung S&P 500 von 2018 bis 2023 | Quelle: marketmaker pp4

Davon abgesehen, dass sell in May“ beim S&P 500 im vergangenen Jahr nicht funktionierte, beim DAX aber schon, weil der in dieser Zeit schlechter lief, fällt auf, dass es offenbar eher zu einer schwachen Phase ab Mai kommt, wenn der Markt zuvor immens zugelegt hat, sprich die oben erwähnten Hoffnungen massiv in die Kurse eingearbeitet wurden.

2020 und 2021 waren in dieser Hinsicht extrem, denn da ging es fast nonstop aufwärts, weil man an das Ende der Corona-Phase Erwartungen knüpfte, die die Realität nüchtern betrachtet nie hätte liefern können. Man erwartete ein Füllhorn an Wachstum und bekam Lieferengpässe und Inflation. Dass es 2022 mit diesem „sell in May“ funktionierte, dürfte also zu einem Gutteil daran gelegen haben, dass man zuvor massive Luftschlösser gebaut hatte.

Aber Vorsicht, gerade die Jahre 2020 und 2021 zeigen, dass solche Hoffnungen im Frühjahr nicht platzen müssen. Es kommt einfach darauf an, was man hofft. Im Fall der Jahre 2020 und 2021 war das ja die Hoffnung auf Extrem-Wachstum nach dem Ende der Corona-Zeit. Und solange die eben noch nicht vorbei war, ließ sich den Bullen nicht belegen, dass sie da völlig irrational unterwegs waren. Diese „Post-Corona-Euphorie“ konnte also gar nicht platzen, weil „Post-Corona“ noch nicht erreicht war.

Wir sehen aber auch einen anderen Aspekt: Das vierte Quartal 2018 war keines, das von großen Erwartungen geprägt war, sondern von Zinsangst. Da ging es also nicht rauf, sondern runter. Damit fehlte der Großteil der sonst zur Jahreswende aufkeimenden Hoffnung, die ab Mai 2019 hätte platzen können.

Und im vierten Quartal 2019 hatten wir dann zwar eine typische „im-neuen-Jahr-wird-alles-besser“-Rallye, dann aber kam im März 2020 der Corona-Crash. D. h. als der Mai 2020 kam, waren die Kurse vorher nicht gestiegen, sondern eingebrochen, so dass sich die Hoffnung zeitverzögert zurückmeldete und es wieder nichts wurde mit „sell in May“.

Faktor 2: Gibt es eine Schere zwischen Erwartungen und Realität?

Der andere Aspekt ist die Solidität der Hoffnungen, die sich ab dem Herbst des Vorjahres etablieren. Denn natürlich können diese positiven Erwartungen auch fundiert sein, sprich die Anleger kaufen zu Recht auf eine deutliche Verbesserung der Gemengelage vor. Das kann dann zwar dazu führen, dass auf den Kursen ein Deckel drauf ist, weil kaum noch jemand da ist, der einsteigen will, wenn passiert, worauf man gesetzt hatte, aber zu viele im Vorfeld gekauft haben. Aber wenn die Realität „liefert“, ist die Chance, dass man gut fährt, wenn man im Mai verkauft und im Verlauf des Septembers wieder einsteigt, deutlich geringer, als wenn im Vorfeld Luftschlösser gebaut wurden.

Man muss also immer den Einzelfall abwägen. Die Frage ist damit: Wenn man sich diese Faktoren vor Augen hält … könnte 2024 wieder so ein „sell in May“-Jahr werden?

Könnte 2024 wieder ein „sell in May“-Jahr werden?

Auch, wenn alles kann, aber nichts muss, weil – siehe oben – in scheinbar unsichtbaren Lettern über jeder Börse „Unverhofft kommt oft“ geschrieben steht: Die Chance, dass 2024 ein solches Jahr wird, ist gar nicht mal schlecht. Denn wir haben ja alles:

Börse aktuell: Entwicklung DAX von 2023 bis 2024 | Quelle: marketmaker pp4 | Online Broker LYNX
Entwicklung DAX von 2023 bis 2024 | Quelle: marketmaker pp4

Wir haben eine gewaltige Hausse gesehen, die zwar erst Ende Oktober einsetzte, aber wer 2023 im September eingestiegen wäre, wäre schnell wieder in der Gewinnzone gelandet. Und diese Hausse wurde erst (vorerst?) Ende März beendet, also nur einen Monat vor dem Mai. Und wenn wir uns im vorstehenden Chart ansehen, wie wenig bislang von dieser vorherigen Rallye korrigiert wurde, wäre für die Monate Mai bis September ja noch allerhand übrig. Darüber hinaus haben die Käufer Luftschlösser gebaut, wie sie im Lehrbuch stehen. Und während DAX & Co. noch nahe ihrer Rekorde notieren, sind deren Fundamente längst weggebröckelt:

  1. Man setzte auf Zinssenkungen ab März: Das Thema wäre dann mal durch.
  2. Man setzte auf stur weiter steigende Unternehmensgewinne. Und auf eine umgehende Belebung durch ein anspringendes China in den Branchen, wo die Gewinne bislang unter Druck standen. Auch daraus wurde bislang nichts.
  3. Viele scheinen weiterhin zu denken, dass der Beginn der Zinssenkungen das Wachstum sofort beleben würde. Wie zuletzt schon oft an dieser Stelle dargelegt, vergisst man dabei den (eigentlich logischen) Aufschiebe-Effekt. Auch das hat in Sachen Enttäuschungspotenzial „Pfeffer“.

Doch trotz aller guten Voraussetzungen an der Börse aktuell dafür, dass 2024 „sell in May“ funktionieren könnte, darf man nicht müde werden, es zu wiederholen: Die Kurse bewegen sich so gut wie nie logisch, weil zwischen Fakten und Kursen der Mensch steht, der diese Fakten höchst individuell auslegt. Aber falls Sie mich nach einer (subjektiven!) persönlichen Tendenz fragen würden, würde ich die zumindest so formulieren:

Ich für meinen Teil wäre mit Long-Trades zumindest zurückhaltender als sonst, bevor nicht die Enttäuschung über die eigentlich ja schon geplatzten Hoffnungen in den Kursen drin ist. Und wem jetzt vor mehreren mageren Monaten grauen sollte: Short zu sein ist keinen Deut komplizierter als Long (Mehr dazu lesen Sie hier: Leerverkauf – von fallenden Kursen profitieren). Und eines ist klar, wer flexibel agiert, findet in jeder Börsenphase Gelegenheiten für gute Trades!

Ich wünsche Ihnen eine erfolgreiche Börsenwoche!

Ihr

Ronald Gehrt

Ender der Achtzigerjahre war Japan der spannendste Markt weltweit. Doch dann ging etwas kapital schief. Die Tokioter Börse kollabierte und versank danach in einen Dornröschenschlaf. Erst die Meldung über die ersten Rekordhochs seit dreieinhalb Jahrzehnten ließ manche zuletzt wieder hinschauen. Doch über all die Jahre war Japan in einer ganz anderen Hinsicht für die Weltmärkte wichtig … und stellt eine Zeitbombe dar, die kaum jemand wahrnimmt, Stichwort „Carry Trades“. Werfen wir einmal einen Blick ins Land der aufgehenden Sonne.

Seit China zum Wachstumsmarkt wurde, geht der Blick internationaler Investoren dorthin oder nach Südkorea, wenn es um Investments in Südostasien geht. An der Börse aktuell ist Japan für viele komplett vom Bildschirm verschwunden. Was vor allem am bis vor zehn Jahren nonstop dahinsiechenden Aktienmarkt lag. Dass der ab 2013 wieder zulegte, dürften die meisten gar nicht mitbekommen haben. Zumal: Zinsen gab es in Japan auch keine und das Wachstum war gegenüber der Boom-Phase der Achtzigerjahre nicht der Rede wert. Wozu überhaupt hinschauen? Aber bevor wir zur Zeitbombe namens „Carry Trades“ kommen, sollten wir uns erst einmal im Schnelldurchlauf ansehen, was damals passiert war. Denn letztlich leitet das alles dorthin, wo jetzt der Zeitzünder tickt.

Börse aktuell: Entwicklung Nikkei 225 von 1984 bis 2024 - 34 Jahre bis zum neuen Hoch | Quelle: marketmaker pp4 | Online Broker LYNX
Entwicklung Nikkei 225 von 1984 bis 2024 – 34 Jahre bis zum neuen Hoch | Quelle: marketmaker pp4

Eigentlich wie üblich: Erst kam die Blase … und dann platzte sie

Japan war „das“ Ding der Achtziger. Ob Autos, Unterhaltungselektronik oder Haushaltsgeräte, aus Japan kamen die coolsten, innovativsten Produkte, die europäischen und US-amerikanischen Herstellern die Marktanteile wegfraßen wie ein Heuschreckenschwarm die Ernte. Natürlich wollten alle dabei sein, zumal es die Aktien der großen Marken auch alle zu kaufen gab. Und dann kamen auch noch die ersten Optionsscheine von dort: Reich werden im Schnellzugtempo, wer wollte das nicht? Da die Endphase … von der ich nicht ahnte, dass es die Endphase und nicht der Beginn der Party ist … genau in die Zeit fiel, in der ich meine ersten Schritte als Anleger machte, kann ich als Zeitzeuge berichten, wie dumm man allseits aus der Wäsche schaute, als es pünktlich mit dem Start ins Jahr 1990 abwärts ging wie in einem defekten Fahrstuhl. Unter anderem mit mir drin, klar.

Börse aktuell: Nikkei 225 - Platzen der Blase im Jahr 1990 | Quelle: marketmaker pp4 | Online Broker LYNX
Nikkei 225 – Platzen der Blase im Jahr 1990 | Quelle: marketmaker pp4

Was war passiert? Nun, einfach das, was immer passiert, wenn eine Blase entstanden ist: sie war geplatzt. Einen unmittelbaren, zwingenden Auslöser gab es damals, wie so oft, nicht, soweit ich mich richtig erinnere (zumal das damals mit dem Informationsfluss ja anders lief als heute). Der Hausse gingen einfach zu lange die Käufer aus, während im selben Moment zu viele auch mal Kasse machen wollten. Das führte zu abrutschenden Kursen und die wiederum dazu, dass man begann zu tun, was man vorher im Taumel der Goldgräber-Stimmung nicht getan hatte: genauer hinsehen. Und das hatte auch ich vorher nicht, obgleich gerade frisch mit BWL-Diplom versehen und somit grundsätzlich imstande zu verstehen, dass so manches längst die höchste Alarmstufe erreicht hatte, beispielsweise die absurd stark gewachsene Geldmenge in Japan, wie der folgende Chart zeigt:

Börse aktuell: Entwicklung der Geldmenge von Japan von 1985 bis 2024 | Quelle: marketmaker pp4 | Online Broker LYNX
Entwicklung der Geldmenge von Japan von 1985 bis 2024 | Quelle: marketmaker pp4

Alle wollten dabei sein, immer mehr Geld floss in den japanischen Markt. Die Bewertungen wurden, wie üblich bei solchen euphorischen Phasen, in denen die Gier die Vernunft aus dem Feld schlägt, absurd hoch. Und dann muss halt nur einer „Feuer“ schreien und alle wollen zugleich aus demselben, zu engen Notausgang hinaus. Das Problem war, wie übrigens bei den meisten Baissen, dass die Konjunktur in Japan, aber auch in Europa und den USA, zuvor ganz gut beieinander war, durch diesen Crash der japanischen Börse aber so viele so viel Geld verloren, dass der Konsum massiv zurückging und dadurch auch in Europa und den USA eine Rezession entstand (nicht nur deswegen, aber auch). In Japan jedoch war der Flurschaden nicht nur größer, er war dramatisch. Sehen Sie sich dazu die folgende Grafik an:

Mega-Staatsverschuldung, kein Wachstum, keine Perspektiven

Börse aktuell: Entwicklung BIP von Japan von 1985 bis 2024 | Quelle: marketmaker pp4 | Online Broker LYNX
Entwicklung BIP von Japan von 1985 bis 2024 | Quelle: marketmaker pp4

Das Wachstum rutschte immer weiter ab. Und mehr noch: Es kam nicht mehr auf die Beine. Selbst Anfang 1996, sechs Jahre nach dem Platzen der Aktienblase, kroch das japanische Bruttoinlandsprodukt noch um die Nulllinie herum, während die Staatsverschuldung immer weiter stieg, da die Regierung ein Konjunkturprogramm nach dem anderen auflegte und am Ende nichts funktionierte. Auch heute ist das noch so, im Verhältnis Staatsschulden zu Bruttoinlandsprodukt liegt Japan mit 264 Prozent meilenweit vor allen anderen Ländern.

Die japanische Notenbank war zunächst ratlos, immerhin hatte sie das Geld durch Zinssenkungen in einem für damals erheblichen Ausmaß bereits billiger gemacht. Aber es war offenbar noch nicht billig genug. Der nächste Chart zeigt, was dann passierte:

Börse aktuell: Entwicklung BIP und Leitzins von Japan von 1979 bis 2024 im Vergleich | Quelle: marketmaker pp4 | Online Broker LYNX
Entwicklung BIP und Leitzins von Japan von 1979 bis 2024 im Vergleich | Quelle: marketmaker pp4

Japan „erfand“ quasi, lange vor EZB und US-Notenbank, in den Neunzigerjahren die Nullzinspolitik. Der japanische Leitzins rutschte zuerst auf 0,5 Prozent, Anfang der 2000er auf 0,1 Prozent und blieb seither die meiste Zeit dort. Das führte dazu, dass die japanische Wirtschaft wieder erste Sprünge machte. Konstant wurde das aber nie … also bleiben die Zinsen unten. Und ebenso wie später in Europa und den USA sagte man sich: Das können wir irgendwann wieder auf Normalniveau korrigieren, aber momentan geht es halt nicht. Auf den ersten Blick schien das ja auch kein Problem zu sein. Und im Gegenteil: Für einige findige Köpfe war es sogar mehr als das … es war ein Schlaraffenland, denn:

Nullzinsen „forever“ … und das Entstehen der Zeitbombe

Während im Rest der Welt die Zinsen höher waren, waren in Japan natürlich auch die Kreditzinsen entsprechend der Null-Leitzinsen relativ billig. In Japan einen Kredit aufzunehmen, dessen Verzinsung den Kreditnehmer weniger kostete als die Zinsen, die er z.B. für US-Anleihen bekam, war somit höchst verlockend. Aber was, wenn es zu Währungsverschiebungen kommt, so dass der Yen, in dem man den Kredit dann ja zurückzahlen muss, auf einmal erheblich steigt und der Währungsnachteil den Zinsvorteil aufzehrt, sogar ein Verlust entsteht?

Dieses Risiko hielten viele für gering und sind damit bislang nicht auf die Nase gefallen, denn die japanische Notenbank hob die Zinsen ja nicht an, so dass der Yen aufgrund der mageren Zinsen nie richtig in Fahrt kam. Wir sehen in der nächsten Grafik, wie sich der Yen in den letzten zehn Jahren zum Euro und zum US-Dollar entwickelte (die Grafik zeigt, wie viel Yen man für einen US-Dollar bzw. einen Euro bezahlen muss, d.h. steigt der Kurs, fällt der Yen im Wert):

Börse aktuell: Entwicklung Yen zum Dollar und Euro von 2014 bis 2024 im Vergleich | Quelle: marketmaker pp4 | Online Broker LYNX
Entwicklung Yen zum Dollar und Euro von 2014 bis 2024 im Vergleich | Quelle: marketmaker pp4

Und dieser Wertverfall des Yen (Kürzel JPY) machte einige immer gieriger, denn überlegen wir mal, was das bedeutet:

Nehmen wir an, Sie hätten vor einem Jahr in Japan einen Kredit von zehn Millionen Yen aufgenommen, der damals beim Wechselkurs von 148 Yen für einen Euro einen Gegenwert von 67.560 Euro hatte. Für dieses Geld zahlen Sie einen einfach mal angenommenen Zins von 1,5 Prozent für fünf Jahre, können aber jederzeit zurückzahlen. Im April 2023 hätten Sie dieses Geld in Euro getauscht und Bundesanleihen mit fünf Jahren Laufzeit und einer Verzinsung von damals 2,45 Prozent gekauft. Damit würden Sie jedes Jahr knapp ein Prozent oder knapp 680 Euro Zinsüberschuss haben (Anleiherendite – Zins für den Yen-Kredit). Nicht übel dafür, dass das komplett auf Pump läuft, der eigene Kapitaleinsatz also null ist. Aber!

Angenommen, Sie würden diesen Yen-Kredit jetzt zurückzahlen, wäre der Verzinsungsvorteil „Peanuts“ im Vergleich zum Währungsgewinn. Denn aktuell ist kostet ein Euro 169 Yen und nicht mehr 148 wie vor einem Jahr. Das bedeutet, dass Sie die Rückzahlung der zehn Millionen Yen jetzt nur noch 59.171 Euro kostet … Sie hätten durch den Verfall des Werts des Yen also einen Währungsgewinn von fast 8.400 Euro kassiert!

Deswegen sind diese sogenannten Carry-Trades so beliebt. Sehr viele internationale Anleger nehmen sehr viel Geld in Japan auf und sind sich sicher, damit das Ei des Kolumbus gefunden zu haben. Und wie gesagt: Ja, das ging lange gut. Aber das muss es nicht auf ewig. Und wenn es schiefgeht, hätte das heftigste Konsequenzen!

Die Carry-Trades: Was wäre, wenn …

Ein stärkerer Yen ist zwar nicht im Sinne der Carry-Trader. Aber die japanische Notenbank wäre daran sehr wohl interessiert, denn da Japan so ziemlich alle Rohstoffe importieren muss und die in US-Dollar fakturiert werden, werden diese Importe mit fallendem Yen immer teurer und teurer. Und befeuern dadurch die bislang in Japan harmlos gebliebene Inflation, deren Jahresrate, wie im Folgenden zu sehen, nicht vergleichbar mit den USA und der Eurozone stieg, derzeit aber auch kaum zurückkommt. Und das kann Japan, dessen Wirtschaft sich seit 1990 nie wirklich stabil erholen konnte, nun wirklich nicht gebrauchen. 

Börse aktuell: Entwicklung Inflation Japan von 2004 bis 2024 | Quelle: marketmaker pp4 | Online Broker LYNX
Entwicklung Inflation Japan von 2004 bis 2024 | Quelle: marketmaker pp4

Daher hat die japanische Notenbank in der letzten Woche erstmals seit 17 Jahren den Leitzins angehoben. Zwar nur auf 0,1 Prozent, das ist also bisher rein symbolisch. Aber der schwache Yen muss zurückkommen, ansonsten dürften weitere Zinsschritte folgen. Und dann, wenn der Yen auf einmal steigt, hätten die „Carry-Trader“ ein Problem. Und nicht nur sie.

Für Carry-Trades hieße das, dass bei einem wieder stärker werdenden Yen die Gefahr droht, Währungsverluste zu erleiden, die weit höher kommen als der Zinsvorteil. Damit würde aber nicht nur die Neuaufnahme solcher Yen-Kredite uninteressant, viele würden natürlich versuchen, die Reißleine zu ziehen. Was hieße:

Erst müssten die ganzen Trades in Anleihen und Aktien, die auf diesen Krediten basieren, verkauft werden. Niemand weiß sicher, wie groß das Volumen der Carry-Trades derzeit ist, aber man darf unterstellen, dass wir uns da in der Region von Billionen bewegen. Schon 2010, so ein FAZ-Artikel von damals, ging es um mehrere Hundert Milliarden US-Dollar.

Da würde es also am Aktien- und Anleihemarkt überall heftig rumpeln. Zudem verdienen die japanischen Banken an diesen Geschäften ja nicht schlecht. Würde dieses Kartenhaus indes zusammenfallen und eine nennenswerte Prozentzahl solcher Kredite uneinbringlich, weil die Kreditnehmer die Verluste nicht rechtzeitig begrenzt haben, könnte das den japanischen Bankensektor und mit ihm die gesamte Wirtschaft massiv unter Druck setzen.

Die ewige Nullzinspolitik und dieses angebliche „Ei des Kolumbus“ namens Carry-Trades sind also nichts anderes als eine Zeitbombe, bei der keiner weiß, wann sie hochgehen könnte. Was wir aber jetzt wissen ist: Die Sorge vor einer dauerhaft zu hohen Inflation wegen des Wertverfalls des Yen führt gerade dazu, dass die japanische Notenbank am Zeitzünder herumbastelt. Nicht weil sie nicht wüsste, was das bedeuten könnte, sondern weil ihr nichts anderes übrig bleibt.

Was lange gutgeht, geht auch weiter gut? Glaubt das jemand ernsthaft?

Dass der Yen auf diese Mini-Leitzinsanhebung nicht reagierte, mag manche darin bestärken zu glauben, dass ihren Carry-Trades nichts passieren kann. Solange etwas gutgeht, neigt man nun einmal dazu zu glauben, dass es auch weiterhin gutgeht, wie z.B. zu schnell und ohne Gurt in Kurven zu fahren, am besten noch bei Regen. Aber ungefähr so riskant ist die Sache eben.

Und gerade der Japan-Crash 1990/91 sollte einem vernünftig denkenden Investor klarmachen, dass gerade dann, wenn viele glauben, dass nichts anbrennen kann, bereits der Zeitzünder tickt. Damals bin ich von solchen Ideen kuriert worden. Aber wie viele agieren heute an den Börsen, die noch nie erlebt haben, dass, was risikolos scheint, auf einmal zu Staub zerfällt? Viele, daher: Halten Sie Ihre Risiken immer im Rahmen, denn wer viel wagt, mag oft gewinnen … aber wer zu viel wagt, landet fast immer auf der Nase!

Ich wünsche Ihnen eine erfolgreiche Börsenwoche!

Ihr

Ronald Gehrt

Wo wir in Bezug auf die Leitzinsen an sich stehen, weiß jeder: immer noch oben. Aber in diesem Beitrag soll es um die Frage gehen, wie sich die aktuelle Gesamtsituation in Bezug auf anstehende Senkungen darstellt und womit man rechnen könnte, wenn sie beginnen. Denn die simple Regel „Zinsen runter, Kurse rauf“ greift definitiv zu kurz.

Wann sinken denn nun endlich die Leitzinsen, jetzt, wo wir Inflationsraten sehen, die ziemlich nahe an der Zielzone von um die zwei Prozent liegen? Und wie würden die Wirtschaft und die Aktienmärkte dann reagieren? Fragen, zu denen man nur Vermutungen anstellen kann, das aber tut derzeit wohl jeder. Denn natürlich würde man gerne wissen, was sich hinter diesem steten Nebel der Ungewissheit verbirgt, um sicher sein zu können, mit Trading-Entscheidungen, die man heute trifft, morgen richtig zu liegen. Aber wie immer an der Börse ist das eben nicht so einfach.

Wo bleibt die Planungssicherheit?

Natürlich wollen die Anleger von den Notenbanken wissen, wann die Inflation besiegt ist, ab wann die Leitzinsen gesenkt werden und wie schnell und weit es dann nach unten geht. Und letztlich geht es jedem Unternehmen und Verbraucher nicht anders. Lohnt es, mit Finanzierungen zu warten? Oder zieht sich das alles so lange hin, dass man alles, was in den nächsten ein, zwei Jahren fällig ist, genauso gut gleich kaufen oder angehen kann?

Teure Kredite und teure Hypotheken bremsen die Wirtschaft. Und hohe Anleiherenditen sind eine lukratives Investment, wenn die Zinsen dann bald sinken: Kein Wunder, dass die Anleger angespannt in den Startlöchern stehen … und bereits einen Frühstart hingelegt haben, als man im vergangenen Herbst begann, auf eine schnelle, weitreichende Zinssenkungsserie ab März zu setzen.

Nicht, weil die großen Notenbanken das behauptet hätten. Nicht, weil es im Herbst klare Belege dafür gegeben hätte, dass die Inflation besiegt oder zumindest so unter Kontrolle wäre, dass EZB, US-Notenbank („Fed“), die Bank of England und andere mit Zinssenkungen hätten beginnen können. Sondern weil man es wollte. Und weil die ersten, spekulativen Käufe eben wegen dieses Wunsches nach der Rückkehr des „billigen Geldes“ als Beweis dafür fehlinterpretiert wurden, dass es genauso kommt wie behauptet. Der folgende Chart der Renditen am US-Anleihemarkt zeigt: Das war ein Fehlstart. Und jetzt? Klappt es beim zweiten Anlauf? Wieso können die Notenbanken denn nicht einigermaßen für Planungssicherheit sorgen?

Börse aktuell: Entwicklung der Rendite für US-Bonds mit 10 Jahren Laufzeit von 2020 bis 2024 | marketmaker pp4 | Online Broker LYNX
Entwicklung der Rendite für US-Bonds mit 10 Jahren Laufzeit von 2020 bis 2024 | marketmaker pp4

Risikofaktoren „letzte Meile“ und „zweite Welle“

Weil sie nun einmal nicht hellsehen können und es klugerweise im Gegensatz zu den „Fehlstart-Tradern“ auch gar nicht erst versuchen. Schließlich ist die Preisentwicklung von Faktoren abhängig, die die Notenbanker weder vorhersehen noch beeinflussen können. Und das sind zudem nicht gerade wenige:

Wie werden sich die Verbraucher verhalten? Je mehr der Konsum in die Knie geht, desto geringer ist das Risiko, dass die Unternehmen die Preise weiter anheben können.

Wie entwickeln sich die Rohstoffpreise? Gehen Benzin, Heizöl, Diesel, Gas und Strom durch die Decke, bremst das zwar den Konsum, weil den Verbrauchern weniger Geld für andere Dinge bleibt, es erhöht aber auch die Kosten der Produktion und sorgt damit für Inflationsdruck.

Wie entwickelt sich das Lohnniveau? Können Gewerkschaften massive Lohnsteigerungen durchsetzen, die zum einen den Konsum und damit die Preise befeuern und zugleich die Kosten der Unternehmen erhöhen, so dass diese das auf die Preise umlegen müssen?

Was treibt die Politik? Werden Subventionierungen ungeschickt nach dem Gießkannenprinzip vorgenommen, so dass, wer zu wenig hat, danach immer noch zu wenig hat, diejenigen aber, die sowieso über die Löhne vollen inflationsausgleich erhielten, dadurch noch mehr haben, was den Konsum zwar ungleicher verteilt, aber insgesamt anschiebt und die Unternehmen das nutzen, um die Preise anzuheben?

Die Notenbanken können bei all diesen Dingen nur beobachten. Zwar hört man gerade seitens der EZB immer wieder Hinweise und Apelle, die Sache vernünftig anzugehen, aber wie zu erwarten schalten da Politik, Unternehmen und Verbraucher durch die Bank auf Durchzug. Der Effekt:

Die Notenbanken müssen Risiken einkalkulieren. Sie wissen, dass der aktuelle Level zwar vorgaukelt, dass die Zwei-Prozent-Zielzone, die man bei den Notenbanken allgemein als wünschenswert ansieht, so gut wie erreicht wäre. Aber das letzte Stück, die sogenannte „letzte Meile“, ist meist die schwerste.

Und was bei der Betrachtung der reinen Jahresrate der Inflation harmlos wirkt, ist es eben nicht, die Preise stiegen ja immer weiter, wie die folgende Grafik der harmonisierten (Eurozone-einheitlichen) Preisentwicklung in einer nominalen Darstellung zeigt. Das darf so nicht bleiben. Und wegen des vorgenannten „Durchzug-Verhaltens“ der Beteiligten bleiben die Notenbanken zu Recht vorsichtig.

Börse aktuell: Entwicklung harmonisierter Preisindex der Eurozone von 2015 bis 2024 | marketmaker pp4 | Online Broker LYNX
Entwicklung harmonisierter Preisindex der Eurozone von 2015 bis 2024 | marketmaker pp4

Denn eine nicht voll absolvierte „letzte Meile“ kann ganz leicht dazu führen, dass die Teuerung die zweite Luft bekommt und erneut aus dem Ruder läuft … und dann müsste man die Zinsen noch höher setzen. Und das, obwohl man weiß, dass der volle Effekt der aktuell hohen Leitzinslevels noch gar nicht eingetreten ist.

Dass das alles nicht so einfach ist, ließe sich an dem „schlauen“ Tipp des Internationalen Währungsfonds (IWF) zum Thema ablesen: Die Geldpolitik in Europa dürfe weder zu schnell noch zu spät gelockert werden, riet der IWF Ende letzter Woche. Ha!

USA: Warum eigentlich senken?

Dass die Konjunktur weder in Europa noch in den USA in eine Rezession gekippt ist, in den USA laut offizieller BIP-Daten sogar so stark ist, als wären die Leitzinsen niedrig, liegt eben daran: Dass dieser Effekt, den hohe Leitzinsen und teure Kredite und Hypotheken normalerweise haben sollten, vor allem in den USA nicht bzw. noch nicht gegriffen hat. Wieso nicht?

Weil viele einfach so weitermachen wie bisher und auf Kredit leben. Warum das so ist, kann ich nicht sicher sagen, sondern nur aus persönlichen Beobachtungen ableiten. Ich kenne Menschen, die haben noch schnell fünfstellige Kredite aufgenommen, als absehbar wurde, dass die Kreditzinsen steigen werden … ohne dass sie das Geld wirklich gebraucht hätten! Ich kenne ebenfalls Menschen, die sich beim Möbel-, Auto- und sogar Hauskauf auf Pump nicht an der Gesamtsumme orientieren, die sie das inklusive Zinsen am Ende kostet, sondern an der Höhe der monatlichen Rate. Ist die bezahlbar, wird auf Pump gekauft, egal, wie viel länger man dann nach hinten hinaus zahlen muss als früher.

Wieso die alle nicht auf mich gehört haben? Sicher, ich habe versucht, allzu Dummes zu stoppen, aber: Da griff das gleiche Phänomen wie bei den Notenbanken: Durchzug, Man will halt nicht hören, was dem, was man will, widersprechen würde.

Aber würden die Leitzinsen noch ein, zwei Jahre hoch bleiben, dann würden die dann zahlreicher werdenden Refinanzierungen von Raten- und vor allem Hauskrediten zu weit höheren Zinsen brutale Auswirkungen auf die Konjunktur haben. Denn die Gläubiger würden bei einem Hypothekenkredit wohl kaum zulassen, dass jemand, der ohnehin noch 20 Jahre zahlen müsste, dann 30 Jahre zahlt, sondern die Raten hochschrauben. Außerdem müssen Unternehmen und Regierungen dann unangenehm lange viel höhere Anleihezinsen bezahlen, wenn sie am Kapitalmarkt Geld aufnehmen müssen. Über kurz oder lang kommt der „Killer-Effekt“ hoher Zinsen also auf jeden Fall. Nur für den Moment nicht, was zu der Frage führt, die US-Notenbankmitglied Kashkari Anfang April in den Raum gestellt hatte:

Warum sollte die „Fed“ die Leitzinsen denn überhaupt senken, wenn die Wirtschaft stark bleibt? Dieser Gedanke mag Anlegern skandalös erscheinen, aber Kashkari hat ja durchaus Recht. Denn was passiert denn, wenn man jetzt die Leitzinsen senkt, während so viele US-Verbraucher so tun, als wäre alles wie immer? Würden sie dann nicht noch mehr konsumieren, die Preise dadurch wieder befeuern, die Bemühungen der Vorjahre ruinieren und das Risiko einer zweiten Inflationswelle steigern, wie es sie in den USA Ende der Siebzigerjahre gab, siehe die folgende Grafik?

Börse aktuell: Entwicklung US-Leitzins und US-Inflationsrate im Vergleich von 1973 bis 1985 | marketmaker pp4 | Online Broker LYNX
Entwicklung US-Leitzins und US-Inflationsrate im Vergleich von 1973 bis 1985 | marketmaker pp4

Eurozone: Juni als Startpunkt wahrscheinlich, aber …

Gut möglich also, dass die US-Notenbank noch eine Zeit lang abwartet, bis sie erste Senkungen riskiert. In der Eurozone sieht die Sache anders aus. Und richtigerweise betonte EZB-Chefin Lagarde im Rahmen der letzten EZB-Sitzung, dass man nicht von den Entscheidungen der US-Notenbank abhängig sei. Hier ist das Wachstum, nicht zuletzt wegen Deutschland als Klotz am Bein, kaum noch vorhanden. Zudem lag die Jahresrate der Verbraucherpreise hier im März bei 2,4 Prozent, in den USA bei 3,5 Prozent. Man wäre also zum einen näher dran an der Zielzone der Teuerung, zum anderen wirken die Verbraucher in Europa weitaus weniger zügellos als in den USA. Das Problem ist:

Börse aktuell: Entwicklung Inflation USA und Eurozone im Vergleich von 2015 bis 2024 | marketmaker pp4 | Online Broker LYNX
Entwicklung Inflation USA und Eurozone im Vergleich von 2015 bis 2024 | marketmaker pp4

Da die EZB feststellen durfte, dass niemand ihre völlig vernünftigen Ratschläge beachtet hat, muss sie einkalkulieren, dass Politik, Unternehmen und Verbraucher umgehend unvernünftig reagieren, wenn sie auch nur andeutet, dass einer durchaus gut möglichen, ersten Leitzinssenkung in der nächsten Sitzung Anfang Juni automatisch eine Serie weiterer Senkungen folgen werde. Daher hatte Bundesbank-Chef und EZB-Ratsmitglied Nagel zuletzt zu Recht betont: Während eine Zinssenkung im Juni angemessen erscheint, wären Diskussionen über folgende Maßnahmen vorschnell.

Ich würde derzeit vermuten, dass die EZB im Juni einen ersten Schritt um 0,25 Prozent, vielleicht sogar um 0,5 Prozent vornimmt und dann mehrere Monate beobachtet, was daraufhin passiert. Und ich würde mich nicht wundern, wenn dann längere Zeit nichts mehr passiert. Denn die Sache muss nicht nur wegen des Risikos, dass schnelle Zinssenkungen dazu führen, dass die zweite Inflationselle entsteht, mit allergrößter Vorsicht angegangen werden:

Es gibt ja auch noch das Rezessionsrisiko durch Zinssenkungen. Wie belieben, mag mancher fragen, das ist doch unsinnig? Nein, ist es nicht, denn:

Was noch viele nicht realisieren (wollen?): der „Aufschiebe-Effekt“

Was werden Sie tun, wenn die Notenbanken den Leitzins um ein viertel oder halbes Prozent gesenkt hat? Werden Sie, wenn damit fünf bzw. zehn Prozent des vorherigen Anstiegs der Leitzinsen zurückgenommen wurden, losstürmen und all das kaufen, was Sie sich vorher wegen der teuren Kredite verkniffen haben? Nein, so dumm sind nur wenige. Natürlich werden Sie abwarten, bis die Leitzinsen wirklich nennenswert niedriger liegen, sprich die Zinsen mindestens zwei, idealerweise zweieinhalb Prozent herunter gekommen sind und im Bereich 2,0 bis 2,5 Prozent liegen. Denn da könnte man unterstellen, dass ein Level erreicht ist, den die Notenbanken, wenn die Lage es erlaubt, beibehalten werden.

Dann erst lohnt es, wieder neue Kredite aufzunehmen und größere Anschaffungen zu tätigen, die einer Finanzierung bedürfen. Bis dahin würden Sie abwarten, wenn es irgend geht, oder? Nun, gehen Sie besser davon aus, dass andere genauso logisch denken. Und das bedeutet:

Wenn die Zinssenkungen erst einmal beginnen, besteht das Risiko, dass die Konjunktur erst einmal massiv in die Knie geht. Das zwingt die Notenbanken zwar, danach schnell weiterzumachen, um diesen sogenannten „Aufschiebe-Effekt“ so kurz wie möglich zu halten. Aber wir reden hier trotz allem von einer Zeitspanne, die allemal ein Jahr dauern kann. Wer das erkennt, dürfte hinsichtlich einer Zinssenkungs-Hausse am Aktienmarkt wohl skeptisch sein, zumal:

Börse aktuell: Entwicklung DAX und Bund Future im Vergleich von 2023 bis 2024 | marketmaker pp4 | Online Broker LYNX
Entwicklung DAX und Bund Future im Vergleich von 2023 bis 2024 | marketmaker pp4 | Online Broker LYNX

Wenn wir uns ansehen, wie deutlich der Anleihemarkt auf das Platzen der ersten Zinssenkungs-Hoffnungsblase reagierte und wie wenig die Aktien im Vergleich nachgegeben haben, wie wir im vorstehenden Chart sehen, der das Kursbarometer zehnjähriger Bundesanleihen Bund Future mit dem DAX in Relation setzt, wird klar:

Eigentlich ist die Zinssenkungs-Hausse am Aktienmarkt ja bereits gelaufen und noch großenteils in den Kursen drin. Allzu viel Luft für Käufe, die etwas feiern, das man längst vorweggenommen hat, ist da nicht. Rational betrachtet zumindest. Da der Aktienmarkt jedoch höchst selten rational ist, würde mich da nichts überraschen. Schauen wir mal, noch ist ja nicht Juni!

Ich wünsche Ihnen eine erfolgreiche Börsenwoche!

Ihr

Ronald Gehrt

Einfach mal laufen lassen und individuell entscheiden, ob und wo man aussteigt, so macht es die ganz große Mehrheit der Anleger. Stoppkurse setzen also die wenigsten. Ohne Stopp unterwegs zu sein, das geht bisweilen auch längere Zeit gut. Aber wenn es schiefgeht, kann das absolut fatal enden. Sehen wir uns die Thematik einmal an.

Wer sucht, wird natürlich so einige Fälle finden, bei denen man mit einem Stoppkurs auf die Nase gefallen ist, sei es, weil man ihn falsch platziert hat, sei es, weil einem der Kursverlauf einen Streich gespielt hat. Diese Beispiele verwenden diejenigen, die keine Stoppkurse setzen, als Beleg dafür, dass Stoppkurse mehr Schaden als Nutzen bringen. Also höre ich dann oft: „Ich habe in etwa im Kopf, wo ich aussteigen würde“ oder sogar „das entscheide ich jeweils aus der Situation heraus“. Theoretisch kann man das so machen, nur:

So etwas wird deswegen selten bestraft, weil vor allem der Aktienmarkt ja die meiste Zeit über steigt. Abwärtsphasen sind auf der Zeitachse selten. Doch wenn es mal abwärts geht, dann oft schnell und weit. Und dann landet man mit einem „schauen wir mal“ in Sachen Verkauf ganz schnell in einer selbst gegrabenen Grube. Wem das passiert, muss hoffen und bangen, dass die Kurse dann schnell wieder steigen, wie es z.B. beim Corona-Crash Anfang 2020 der Fall war. Doch wer dann auch noch solche Fälle als Beweis hernimmt, dass die Kurse ja sowieso gleich wieder anziehen und Stoppkurse somit nur dazu führen, dass man am ungünstigsten Punkt verkauft, riskiert sein Erspartes. Und nicht nur einen kleinen Teil davon.

Ohne Stopp geht oft gut … aber wehe, wenn nicht!

Denn eines dürften selbst die “Stopp-Verweigerer“ zugeben: Ob die Kurse im Fall eines Einbruchs umgehend wieder steigen oder immer weiter fallen, kann man nicht vorher wissen. Die Börse bewegt sich immer auf Basis von Tag zu Tag neuen, anderen Einflüssen und Argumenten. Daher: Egal, ob ein Kurseinbruch durch Überhitzung und/oder Überbewertung, überraschend negative Wirtschaftszahlen oder externe Einflüsse wie geopolitische Verwerfungen, Corona, Lieferengpässe etc. ausgelöst wird: Es ist nie absehbar, wie es dann weitergeht. Also ist es sehr wohl ratsam, genau auf die Kurse zu achten und konsequent auszusteigen, wenn der Markt das indiziert.

Ja, es gibt immer wieder Situationen, in denen man ausgestoppt wird und dann teurer wieder einsteigen müsste, weil ein Kurs einen Level unterschreitet, unter dem er eigentlich weiter fallen müsste, knapp darunter aber abrupt dreht und nach oben davonzieht, wir sehen weiter unten ein Beispiel. Aber es gibt eben auch andere Fälle. Und die kleinen Verluste einiger Bärenfallen, in die man über die Jahre hinweg tappt, wiegen nicht auf, was man verliert, wenn es doch keine wurde und man nicht reagiert hat. Denn ein Problem wird gerne ausgeblendet … und zwar das bei einer Fahrt ohne Stoppkurse entscheidende Problem:

Wer nicht reagiert, gerät in die „Ausreden-Falle“

Wer nicht aussteigt, wenn es angebracht ist, holt das sehr, sehr selten kurz darauf nach, denn dann beginnt im Kopf eine fatale Kette an Ausreden, mit denen man seinen Fehler vor sich selbst kaschieren will. Solche Fälle habe ich in den größeren Abwärtsbewegungen der Jahre 2000-2003 und 2008/2009 zu Hauf mitbekommen. Sehen wir uns mal als Beispiel den Chart des DAX ab Sommer 2007 an:

Börse aktuell: Anzechen für fallende Kurse im DAX Chart | Quelle: marketmaker pp4 | Online Broker LYNX
Anzeichen für fallende Kurse im DAX Chart | Quelle: marketmaker pp4

Eine markantere Toppbildung als dieses bis Januar 2008 entstandene multiple Topp aus mehreren Doppeltopps kann es eigentlich gar nicht geben. Als dann noch die im Chart dick rot hervorgehobene 200-Tage-Linie fiel, war der Long-Ausstieg massiv angeraten, spätestens, als die letzte der Nackenlinien des Multi-Topps fiel, erst recht. Und doch weiß ich, dass in meinem persönlichen Umfeld kaum jemand reagierte. Und das löste die fatale Kette der Ausreden aus, warum man denn nicht verkauft hat. In diesem Fall wurde meist so argumentiert:

„Das mit dem US-Immobilienmarkt ist ja nicht unser Problem“ (wer das nötige Börsen-Grundwissen hatte, hätte gewusst: Das wird es aber werden). „Vorher hat der DAX ja auch trotzdem immer wieder nach oben gedreht“ (ja, aber irgendwann halt nicht mehr). Und dann, wenn die Verluste so richtig massiv waren: „Ich will ja auch nicht traden, ich investiere langfristig“ (was die Leute aber auch erst behaupteten, seit ihre Verluste hoch waren).

Der nächste Schritt in der Ausreden-Kette kommt, wenn sich herausstellt, dass das mit dem zügigen Schwenk nach oben irgendwie nichts wird und das Minus immer mehr anschwillt. Dann pflegte man, wie immer in solchen Situationen, freies Geld zusammenzukratzen und zuzukaufen. „Ich verbillige meinen Einstandskurs“, hieß es dann mit gescheiter Miene. Aha. Gut, wenn die Kurse dann umgehend nach oben drehen. Nicht gut, wenn sie weiter fallen, denn dann „verbilligt“ man sich zu Tode.

Wer noch nie in der Falle saß, neigt dazu, die Gefahr auszublenden

Wem das einmal so ergangen ist, hat entweder heute kein Geld mehr, was er/sie anlegen könnte oder macht es besser. Aber seitdem man das letzte Mal richtig heftig büßen musste, wenn man ohne Sicherungsseil unterwegs war, ist eben lange her. Das bedeutet: Viele neue Anleger sind dazugekommen, die diese bösen Erfahrungen noch nicht gemacht haben. Und die „Neuen“ sind mal wieder sicher: Der Aufwand lohnt sich nicht, die Kurse steigen ja sowieso langfristig immer.

Stimmt. Es ist indes die Frage, was Sie, wenn Sie mal in sich gehen, denn unter „langfristig“ verstehen würden, bevor Sie durch den Nicht-Ausstieg in einer größeren Abwärtsbewegung auf diese Idee kommen. Denn der folgende Chart macht deutlich, dass es zwar in den vergangenen 15 Jahren relativ gut ging mit „buy & hold“, aber das war früher keineswegs immer so … und es gibt keinen Grund zu unterstellen, dass Abwärtsbewegungen, nach denen es viele Jahre braucht, um zurück an alte Hochs zu gelangen, dauerhaft der Vergangenheit angehören.

Börse aktuell: Dauer der Erholung nach Abwärtsbewegungen im DAX von 1986 bis 2024 | Quelle: marketmaker pp4 | Online Broker LYNX
Dauer der Erholung nach Abwärtsbewegungen im DAX von 1986 bis 2024 | Quelle: marketmaker pp4

Also? Also agiert man auch heute nicht „ohne“. Ja, es macht ein wenig Arbeit, weil man die Kurse verfolgen und die Stoppkurse entsprechend anpassen muss. Aber eine Absicherung für den Fall der Fälle zu haben, ist wohl ein wenig Aufwand wert, immerhin geht es hier um Ihr Erspartes!

Stoppkurs im Kopf oder Stop Loss?

Manch einer will den zusätzlichen Aufwand umgehen, indem er/sie sich sagt: Ich muss doch meinen Stoppkurs nicht direkt aktiv halten, indem ich einen Stop Loss als Verkaufsorder bereits eingebe und die dann immer wieder prüfen und anpassen muss. Ich schaue einfach ab und an auf den Chart und dann sehe ich ja, ob ich aussteigen müsste.

Davon mal abgesehen, dass sich die Kurse bisweilen äußerst rasant bewegen, das nicht vorher absehbar ist und man daher mit dieser Methode oft zu spät kommen würde, hat sie den Nachteil, obenstehenden Ausreden Tür und Tor zu öffnen. D.h. man hat eigentlich vor, bei einem Kurs von X auszusteigen, sieht diesen unterboten, zaudert, bleibt doch lieber investiert und rutscht so immer weiter ins Minus.

Stop Loss-Verkaufsorders sind daher immer die bessere Wahl, denn so kommt man gar nicht erst in Versuchung, sich um die unangenehme Konsequenz, einen geschrumpften Gewinn oder gar ein Minus realisieren zu müssen, herum zu winden.

Und das gilt auch trotz der Tatsache, dass man damit manchmal in eine Falle tappt. Passieren kann so etwas immer, Bären- und Bullenfallen gehören eben zum Kursgeschehen dazu. Dann muss man eine unglücklich ausgestoppte Position eben, wenn die Charttechnik das befürwortet, wieder einsammeln, wie im folgenden Beispiel von adidas:

Börse aktuell: Ausgelöste Stop-Order durch Bärenfalle am Beispiel der adidas Aktie | Quelle: marketmaker pp4 | Online Broker LYNX
Ausgelöste Stop-Order durch Bärenfalle am Beispiel der adidas Aktie | Quelle: marketmaker pp4

Aber es gibt auch Situationen, in denen man mit einem Stop Loss in eine „Falle mit Ansage“ tappen würde. Vor allem bei ohnehin volatilen Aktien, bei denen man gerade wegen starker Bewegungen grundsätzlich nicht ohne Stop Loss agieren sollte. Und zwar dann, wenn Quartalszahlen anstehen, dazu das folgende Beispiel:

Fallen mit Ansage: Das kann/muss man vermeiden

Hier sehen wir die Alphabet C-Aktie (ehem. Google), eine der großen „Mega-Caps“ der Nasdaq und entsprechend spekulativ und volatil. Da sind Kurslücken zum Handelsstart keine Seltenheit, weshalb man bei derartigen Aktien für den Stop Loss immer einen gehörigen Risikopuffer einkalkulieren muss. Aber so richtig heftig wird es, wenn bei solchen Aktien Quartalsergebnisse ansehen, denn:

Börse aktuell: Kurslücken bei Alphabet nach Quartalsergebnissen erschweren Stop-Order | Quelle: marketmaker pp4 | Online Broker LYNX
Kurslücken bei Alphabet nach Quartalsergebnissen erschweren Stop-Order | Quelle: marketmaker pp4

Die kommen fast immer am Abend nach US-Handelsende und sorgen, gerade weil hier so viele „Zocker“ mit von der Partie sind, oft für extreme Reaktionen in Form von sehr großen Kurslücken zum Handelsstart des darauffolgenden Tages. Da hilft es auch nichts, gleich am Morgen an einem europäischen Markt zu handeln, diese Lücken entstehen über Nacht und sind auch bei den Kursen in Euro morgens vorhanden. Größe: unberechenbar.

Wenn man da einen einigermaßen engen Stop Loss im Markt hätte, hieße das, als Beispiel: Die Aktie schloss am Vorabend bei 105 US-Dollar. Mein Stop Loss liegt bei 99 US-Dollar. Aber da der Kurs zum Handelsbeginn aufgrund einer durch die Bilanz bedingten Kurslücke bei 93 eröffnet, werde ich auch zum ersten Kurs, also zu 93, abgerechnet. Nicht tragisch, wenn die Aktie danach immer weiter fällt. Aber weil eine große Zahl an Stop Loss-Verkaufsorders den ersten Kurs selbst noch weiter drücken können, weil sie das Angebot vergrößern, aber in solchen Situationen nur wenige kaufen wollen, kann man da auch leicht in die Falle laufen.

Natürlich ist das alles kein Problem, wenn man Long ist und die Aktie eine Kurslücke nach oben statt nach unten generiert. Aber weiß man vorher, wie die Zahlen ausfallen und die Trader reagieren? Man weiß es nicht. Daher wäre es in solchen Fällen, wo man quasi „Kopf oder Zahl“ wetten müsste, besser, entweder den Stop Loss bewusst für diesen Tag zu löschen oder aber die Aktie im Vorfeld zu verkaufen. Tut man es nicht, sollte man sich Gewahr sein, dass man dann auf sein Glück vertrauen muss. Was aber, das sollte man nicht vergessen, auch dann der Fall wäre, wenn man nie Stoppkurse setzt.

Bei Indizes sind Fallen seltener, dort muss man mit Stop Loss arbeiten

Weniger unberechenbar sind Indizes. Hier haben wir ruhigeres Fahrwasser, weil die Vielzahl von Einzelwerten in einem Index die Bewegungen glättet und das Risiko abrupter Sprünge verringert. Zudem werden Indizes von großen Adressen über Futures stark gehandelt, so dass sie noch enger entlang charttechnischer Leitlinien laufen. Wer in einem Index über einen Blick auf die Charts erkennt, woran sich ein Auf- oder Abwärtstrend aktuell orientiert, sollte genau diese Zone mit einem Stop Loss absichern, hier das Beispiel des Hang Seng-Index in Hongkong. Bei Indizes oder ruhigeren Aktien, bei denen die Sprünge geringer und die Trends berechenbarer sind, sind Stop Loss also ohne Wenn und Aber ein Muss – und zwar zu jedem Zeitpunkt!

Börse aktuell: Stop-Order bei Indizes | Quelle: marketmaker pp4 | Online Broker LYNX
Stop-Order bei Indizes | Quelle: marketmaker pp4

Dieser heutige Beitrag kann die Thematik natürlich nur anreißen, denn damit ließe sich problemlos ein Buch füllen. Daher der Tipp: Lesen Sie zu diesem Thema auch den folgenden Beitrag, in dem ich einige Vorschläge aufzeige, wie man Stoppkurse sinnvoll setzen und anpassen könnte:

Technische Analyse – Stoppkurse richtig setzen

Ich wünsche Ihnen eine erfolgreiche Börsenwoche!

Ihr

Ronald Gehrt