Börse aktuell

Hier erfahren Sie, was an der Börse aktuell geschieht. Unser Börsenexperte Ronald Gehrt beobachtet täglich das aktuelle Börsengeschehen und fasst die neuesten Börsendaten und Börsenberichte wöchentlich für Sie zusammen. Mit Börse aktuell bringen wir die wichtigsten Börsennachrichten auf den Punkt und kommentieren, was momentan an der Börse los ist.

Börse: Aktuelle Nachrichten der Woche

Neues von der Börse: Unsere aktuellen Börsennachrichten informieren Sie jede Woche über die derzeitige Börsenentwicklung. Was beschäftigt die Börse? Was steht diese Woche an? Diktieren Bullen oder Bären die Märkte? Sollten Sie Ihre Investitionen erhöhen oder lieber Gewinne mitnehmen? Wir geben Ihnen die Antworten auf diese Fragen, wagen einen Ausblick auf die kommende Börsenwoche und bewerten anstehende Ereignisse, die Auswirkungen auf den Börsenverlauf haben könnten.


Börse aktuell vom 02.-08.08.2021

Quartalsbilanzen: Das müssen Sie darüber wissen

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Zum DAX

Wir sind mittendrin in der Phase, in der die börsennotierten Unternehmen ihre Quartals- und Halbjahreszahlen melden. Das sorgt bei den entsprechenden Aktien oft für abrupte Kurssprünge in beide Richtungen. Aber nicht selten kommt es dabei zu scheinbar „falschen“ Reaktionen. Das liegt daran, dass solche Bilanzen oft Aspekte beinhalten, die auf den ersten Blick nicht ersichtlich sind. Grund genug, sich einmal mit dem Thema zu befassen: Was muss man wissen, um solche Ergebnisse richtig interpretieren zu können?

Viermal im Jahr, in der Zeitspanne zwischen drei und sechs Wochen nach Ende eines Quartals, legen die Unternehmen die Ergebnisse des abgelaufenen Vierteljahres vor. Solche Bilanzen sind letztlich eine Art „Wundertüte“: Man weiß nie sicher, was man bekommt. Zwar schätzen die Analysten im Vorfeld, was da bei den einzelnen Unternehmen wohl herauskommen könnte. Aber nicht selten liegen sie deutlich daneben. Und selbst wenn sie mit ihren Prognosen nahe an der Realität lagen, kann es zu kräftigen Kursausschlägen kommen. Denn was die Experten schätzen und was die Investoren erwarten, kann sich sehr deutlich unterscheiden.

Börse aktuell: PayPal Aktie mit heftiger Reaktion auf die Quartalsergebnisse im Juli 2021 | Online Broker LYNX

Es kann daher nicht schaden, über diese Thematik ein wenig Bescheid zu wissen, um nicht völlig von einem nach oben sausenden oder im Gegenteil wegbrechenden Aktienkurs überrumpelt zu werden. Dabei geht es nicht darum, die Fähigkeiten eines Buchprüfers zu erlangen und die Bilanzen bis ins Detail auseinander nehmen zu können. Das, worauf es ankommt, ist durchaus überschaubar. Man muss nur wissen, wo man hinschauen muss.

Bilanztermine sind weit vorher bekannt, aber …

Bilanztermine sind immer weit vorher festgelegt, so dass die Vorlage der Ergebnisse die Anleger nicht überraschen dürfte … eigentlich. Diese Termine sind allgemein zugänglich, bei LYNX finden Sie die anstehenden Termine für Quartalsergebnisse unter diesem Link:

https://www.lynxbroker.at/boerse/boerse-kurse/aktien/quartalszahlen/

Aber mittlerweile ist es in Mode gekommen, vorläufige Zahlen zu veröffentlichen, wenn diese bereits vor dem Termin einigermaßen präzise vorliegen. In früheren Jahren passierte das eigentlich nur, wenn es zu einer Umsatz- und/oder Gewinnwarnung kam, d.h. die Zahlen erheblich von den vorher genannten, eigenen Prognosen oder denen der Analysten abwichen. Aber heute wird auch gerne vorgegriffen, wenn man mit seinen Ergebnissen „protzen“ kann, weil der eigene Ausblick oder die Analystenprognosen übertroffen wurden.

Grundsätzlich wäre dagegen ja nichts einzuwenden, wenn es nicht für die Anleger ein Problem darstellen würde. Denn solche Vorab-Ergebnisse sind ja nicht terminiert, d.h. bei einem Unternehmen kommen sie, andere melden vorab nichts. Einige melden schon drei, vier Wochen vor dem Bilanztermin, andere nur wenige Tage vorher. Man wird somit jedes Mal überrascht. Und da ein solches Zahlenwerk oft schon alle wichtigen Kennzahlen enthält oder man sich die fehlenden Daten selbst zusammenrechnen kann, kommt die starke Reaktion im Aktienkurs eben bisweilen nicht dann, wenn man sich darauf einstellen kann, sondern zu einem nicht vorhersehbaren Zeitpunkt vor dem eigentlichen Bilanztermin. Das ist nicht unbedingt anlegerfreundlich, aber solange man immerhin weiß, dass man mit so etwas zu rechnen hat, kann man sich mit dem Umstand, dass dadurch nicht nur der Inhalt, sondern auch der Veröffentlichungszeitpunkt des Zahlenpakets eine Wundertüte ist, arrangieren.

Aber damit jetzt zum Inhalt solcher Bilanzdaten. Was ist das in der Regel dabei und was ist wichtig?

Welche Zahlen der Bilanz sind entscheidend?

Grundsätzlich sind alle Daten, die die Unternehmen vorlegen, bedeutsam. Wichtig ist die richtige Interpretation. Normalerweise kommen da Umsatz, Gewinn, Auftragseingang und die Gewinnmarge auf den Tisch. Ideal ist, wenn ein Unternehmen einen steigenden Umsatz vorweist, der Gewinn dabei aber überproportional zulegt, weil es auch gelungen ist, entweder die Preise zu erhöhen oder die Produktionskosten zu senken und dadurch die Gewinnmarge gestiegen ist.

Dabei ist es immer nützlich, sich die gesamte Meldung des Unternehmens anzusehen und nicht nur die von anderen interpretierten Schlagzeilen, weil dort bisweilen entscheidende Aspekte nicht auftauchen, die aber für eine starke Kursreaktion der Aktie verantwortlich sein können. Solche Komplettnachrichten sind z.B. bei www.dgap.de zu finden, dort laufen auch sogenannte „ad hoc“-Mitteilungen ein, zu denen die Vorab-Veröffentlichungen von Bilanzdaten gehören.

Wichtig ist, bei der Betrachtung einer solchen Bilanz die richtigen Vergleichsdaten heranzuziehen. Das kann schon etwas Eigeninitiative erfordern, weil selbst manche Unternehmen Vergleiche ziehen, die einen nicht weiterbringen. Denn was ist denn die einzig taugliche Basis, um zu erkennen, ob da mit dem Unternehmen etwas vorangeht oder nicht?

Das entsprechende Quartal des Vorjahres. Und nicht das Vorquartal und erst recht nicht die Prognosen der Analysten. Zu Letzterem komme ich gleich noch einmal. Unternehmen unterliegen oft in ihrem Geschäft saisonalen Schwankungen. Daher ist es beispielsweise Unfug, das erste Quartal eines Jahres mit dem vorangegangen, vierten Quartal des Vorjahres vergleichen zu wollen, wenn wir von Onlinehändlern reden, die im vierten Quartal wegen Weihnachten ihr Hauptgeschäft haben. Vergleicht man aber mit dem Vorjahresquartal, vergleicht man auch die gleichen, saisonalen Rahmenbedingungen, das ergibt Sinn.

Und was, wenn der Vergleichszeitraum verzerrt war, z.B. durch die Lockdowns? Dann ist es immer noch besser, noch weiter zurück zu gehen, im aktuellen Fall das zweite Quartal 2021 mit dem zweiten Quartal 2019 zu vergleichen, als sich vor gewaltigen Umsatz- und Gewinnsteigerungen verwirren zu lassen, die weit weniger gewaltig gewesen wären, wäre ein Jahr zuvor nicht alles im Lockdown heruntergefahren worden. Ich betone das, weil genau das, sprich das Vergleichen von Äpfeln mit Birnen, in vielen Bilanzen und Kommentaren zu Bilanzen derzeit gemacht wird.

Und oft wundern sich Marktteilnehmer dann, warum z.B. ein Gewinnanstieg um 70 Prozent zu fallenden Kursen bei der Aktie führt. Das würde ganz und gar nicht wundern, wenn man das Vergleichsquartal 2019 betrachtet und merkt, dass der Gewinn gegenüber damals trotzdem nicht gestiegen, womöglich gar gefallen ist und diese grandiosen +70 Prozent Gewinn zum Vorjahreszeitraum einfach eine Verzerrung durch den Lockdown sind, die gut klingt, aber nicht gut ist. Sehen Sie also lieber ganz genau hin, was man da an der Börse aktuell genau meldet.

Verwirrspiel bei den Gewinnen

Was die gemeldeten Gewinne angeht, kann man sich schon bisweilen die Haare raufen, denn es wirkt, als gäbe es nicht „den“ Gewinn, sondern viele. Und das wirkt nicht nur so, das ist so. Bisweilen finden Unternehmen eigene Namen für die jeweiligen Gewinnebenen, aber wenn man drei Begriffe interpretieren kann, ist man schon gut dabei.

Es beginnt mit dem EBITDA. Das heißt „Earnings before Interest, Taxes, Depreciation and Amortization“, zu Deutsch ist das der operative Bruttogewinn, bevor es an die Abzüge geht, d.h. vor Steuern, Zinsen und Abschreibungen. Will man abschätzen, wie erfolgreich das operative, das reine Geschäft läuft, ist das EBITDA eine gute Basis.

Es folgt das EBIT (Earnings before Interest & Taxes), d.h. erneut ein Gewinn ohne Einrechnung der Steuern und Zinsen, die Abschreibungen werden hier aber berücksichtigt.

Das, was am Ende in der Kasse bleibt, wenn man vom EBIT die zu zahlenden Steuern abzieht sowie um die zu zahlenden oder erhaltenen Zinsen ergänzt, ist der Nettogewinn oder Quartals-/Halbjahres-/Jahresüberschuss. Er macht klar, wie sich die Gesamtsituation darstellt, aber:

Es kommt immer darauf an, was man genau wissen will. Ein Unternehmen, das beim Kerngeschäft, also operativ, gut dabei ist, könnte theoretisch trotzdem in die Pleite schlittern, wenn es z.B. von seiner Zinslast erdrückt wird. Auf der anderen Seite können herausragende Erfolge beim Absatz der Produkte im Nettogewinn weniger auffallen, weil massive Abschreibungen vorgenommen wurden, die kurzfristig auf die Zahlen drücken.

Am wichtigsten ist meiner persönlichen Meinung nach für den Anleger die Relation Umsatz zum EBITDA. Wächst beides zum Vorjahreszeitraum und legt das EBITDA dabei überproportional zu, ist das grundsätzlich schon mal gut, denn das heißt, die Gewinnmarge steigt. Gar nicht gut wäre z.B. ein Umsatzanstieg um 50 Prozent und ein EBITDA, das nur um 20 Prozent zulegt. Das hieße, dass da Kostendruck entstanden ist oder die Abnehmer die Preise drücken können – ein Warnsignal.

Aber auch „gut“ kann bisweilen nicht gut genug oder sogar schlecht sein, wenn zu viele Anleger noch mehr erwartet hatten. Dabei spielen zwei Faktoren eine Rolle: die Analystenprognosen und die „Whisper Numbers“. Zunächst zu Ersterem:

Vorsicht, Stolperstein: Analystenprognosen können in die Irre führen!

Wie bei den Kurszielen auch wird gerne ein Durchschnittswert der Gewinnprognosen der Analysten angegeben und, wenn diese unter dem eigentlichen Ergebnis liegen, als Beweis dafür kommuniziert, dass die Gewinne herausragend sind und in der Konsequenz die Aktie kaufenswert ist. So einfach ist es aber selten.

Davon mal abgesehen, dass eine Aktie von ihrer Bewertung her selbst mit starken Bilanzzahlen zu teuer sein kann, was manchem Investor erst bewusst wird, wenn man anlässlich frisch eingelaufener Zahlen zu rechnen beginnt, muss dieser Durchschnitt der Expertenschätzungen keineswegs akkurat sein. Nicht unbedingt, weil diese absichtlich zu tief schätzen, um mit klar geschlagenen Gewinnerwartungen das bullische Sentiment zu befeuern, wie das in den USA oft der Fall ist. Bei uns ist diese Unsitte eher nicht verbreitet, nur: Analysten schätzen Gewinne eines von ihnen beobachteten Unternehmens nicht jede Woche neu.

Es kann also sein, dass von zwanzig Gewinnprognosen fünf, womöglich sogar zehn mehrere Monate alt sind und gar nicht mehr dem Stand der Dinge entsprechen. Die Schätzungen sind „alt“, einfach, weil die Aktie im Zyklus der zu aktualisierenden Analysen noch nicht dran war. Dass immer mehr Unternehmen hingehen und vor allem Vorab-Zahlen mit dem „Analystenkonsens“ vergleichen (was nur dann gemacht wird, wenn man weit über diesem Konsens liegt), führt in die Irre. Besser ist es, sich selber anzuschauen, wie das Unternehmen sich im Vergleich zum Vorjahresquartal geschlagen hat und so selbst zu beurteilen, ob die Lage so gut ist, wie man das erwartet hatte. Was natürlich für die Reaktion des Aktienkurses keine Rolle spielt, denn man ist ja nicht alleine dort investiert. Daher ist entscheidend, was all die anderen Akteure von der Bilanz erwartet haben. Und damit kommen wir zu den sogenannten „Whisper Numbers“:

Die „Whisper Numbers“

Die „Whisper Numbers“, zu Deutsch „Flüsterschätzungen“, sind die große Unbekannte hinsichtlich der Reaktion der Aktie auf die Bilanz. Das muss man sich so vorstellen:

Die Anleger sehen zwar sehr wohl, was seitens der Analysten in Bezug auf Umsatz und Gewinn an der Börse aktuell prognostiziert wird. Aber es kann natürlich sein, dass sie selbst eher niedrigere, meist aber deutlich höhere Erwartungen an das Zahlenwerk hegen, nicht zuletzt, weil man natürlich weiß, dass einige der Expertenprognosen nicht auf dem aktuellen Stand sind. Möglich ist aber auch, dass ein besonders stark steigender oder fallender Aktienkurs die Erwartungen nach oben oder unten verzerrt oder vom Unternehmen selbst Statements kamen, die die Erwartungshaltung beeinflussen.

Aber wer könnte allen Investoren in die Köpfe schauen? Manchmal wird behauptet, die Flüsterschätzungen lägen etwa bei x oder y. Aber das sind unzuverlässige Zahlen, schließlich basieren die dann nur auf der Befragung einiger weniger Anleger … und die müssten den Fragenden ja nicht einmal ihre wirkliche Erwartung genannt haben.

Wichtig ist zu wissen, dass dieser Aspekt, d.h. die subjektive Erwartungshaltung unter den zahllosen Aktionären, die Reaktion auf eine Bilanz völlig anders ausfallen lassen kann, als man das rein vom Vergleich der Ergebnisse mit dem Vorjahreszeitraum erwarten würde. Daher kann man nur dazu raten, eine solche Kursreaktion ernst zu nehmen, ggf. selbst zu hinterfragen, ob man mit seiner Erwartung nicht zu hoch oder tief gelegen hat. Denn am Ende entscheidet der Gesamtmarkt, was von einer Bilanz zu halten ist. Wobei es nicht alleine um das geht, was war und somit in Euro und Cent zu Buche steht.

Der Blick nach vorne ist oft wichtiger als der zurück

Der Blick zurück auf ein beendetes Quartal ist natürlich wichtig. Aber viel bedeutsamer, wenngleich naturgemäß vager, ist der Blick nach vorne, der Ausblick, der von den Unternehmen für das bereits laufende, neue Quartal, für das Gesamt-Geschäftsjahr und manchmal auch darüber hinaus gegeben wird. Auf solche Statements im Zuge einer Bilanz reagieren die Marktteilnehmer besonders intensiv. Wobei ich persönlich dazu tendiere, solche Aussagen sehr genau zu lesen und ggf. zu relativieren.

Denn es gibt Unternehmen, die wie Analysten agieren: Sie wagen Prognosen für Zeiträume in der Zukunft, die man definitiv nicht sicher voraussehen kann. Ob ein Analyst hier und heute glaubt weissagen zu können, wie viel ein Unternehmen in zwei Jahren an Gewinn einfahren wird oder das Unternehmen selbst das tut: Ich würde dergleichen umgehend in die Glaskugel-Schublade packen. Denn die ganz große Mehrheit der Unternehmen bleibt da vorsichtig – zu Recht.

Das laufende Quartal einzuschätzen ist machbar, man sieht ja, wie es gerade läuft, wie die Auftragslage aussieht und die Stimmung bei den Kunden ist. Ab dem Ende des ersten Halbjahres auch einen etwas präziseren Ausblick auf das Gesamtjahr zu wagen, geht meines Erachtens ebenso in Ordnung, wenn man das mit Zahlen und Argumenten unterlegt.

Aber hier und heute die Umsätze, die Gewinnmarge und die Gewinne des kommenden oder gar des übernächsten Jahres vorherzusagen ist Kaffeesatzleserei. Und auch, wenn man das als „Ziele“ verpackt: Ziele kann man viele haben, aber ob sie erreicht werden, ist ein ganz anderes Thema. Die Einflussfaktoren auf das Geschäft sind schließlich zahlreich und allesamt kaum vorherzusagen. Das geht von der Lohn- und Preisentwicklung über die Inflation, die Steuerlast, das gesellschaftliche und/oder politische Umfeld bis hin zum Kaufverhalten der Kunden. Da sollte man auch als Anleger besser nur so weit blicken und urteilen, wie man wirklich sehen kann, wenn es darum geht, ein Zahlenwerk als gut oder schlecht einzuordnen.

Sattelfest zu sein heißt nicht, dass man sicher weiß, wie ein Kurs reagiert – aber es kann nicht schaden!

Sie sehen: Auch, wenn man die reinen Zahlen sehr wohl lesen kann, muss die Reaktion der Aktie nicht die sein, mit der man eigentlich rechnen würde. Andere Anleger könnten mehr oder weniger erwartet haben, womöglich auch die Zahlen anders interpretieren. Und dann kann es immer sein, dass die rein technisch orientierten Trader eine initiale Reaktion intensivieren oder aber eine anfangs positive oder negative Reaktion egalisieren, weil diese an markante Chartmarken geführt hat und dadurch dann die Charttechnik das Ruder übernimmt.

Aber dass die Börse ein wenig komplexer (und damit auch spannender) ist als manch einer behauptet, wissen Sie ja. Und nur, weil man auf Basis einer richtig gelesenen Bilanz nicht sicher vorhersagen kann, was die Aktie daraufhin tun wird, kann es doch nicht schaden, sich damit ein wenig zu befassen und auszukennen.

Ich wünsche Ihnen eine erfolgreiche Börsenwoche!

Ihr

Ronald Gehrt

*Charts vom 30.07.2021, marketmaker pp4

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Börse aktuell: DAX, Dow Jones und Co.

Die heutigen Top-News und Börsenmeldungen zum DAX und der Börse USA mit dem Dow Jones, dem Nasdaq und dem S&P 500 als weltweit einflussreiche Indizes bilden einen Schwerpunkt unserer aktuellen Berichterstattung von der Börse. Auch gute Aktien, die momentan sehr stark im Fokus der Anleger stehen und steigende Börsenkurse prophezeien, werden wir Ihnen hier vorstellen. So bekommen Sie einen umfassenden Börsenausblick und können Ihre eigenen Börsenprognosen verifizieren oder falsifizieren.

Börse: Aktuelle Entwicklung und Trends

Die aktuelle Entwicklung und der aktuelle Trend an der Börse werden maßgeblich von Wirtschaftsnachrichten, Konjunkturdaten und Neuigkeiten von börsennotierten Unternehmen bestimmt. Diese wirken sich nicht nur auf Aktienkurse aus, sondern auch auf andere Assetklassen wie börsengehandelte Fonds, Optionen und Futures. Des Weiteren werden durch Börsennachrichten auch die Anleihemärkte und Rohstoffmärkte in Bewegung versetzt. Daher haben wir auch die Zinsen, den Ölpreis und Goldpreis immer im Blick.

Börse: Aktuelle Tipps zum Marktgeschehen

Neben Börsennews bekommen Sie auch hilfreiche Tipps, um das gegenwärtige Marktgeschehen besser zu interpretieren. Der Börsenmarkt setzt sich aus vielen verschiedenen Märkten zusammen. Jedes Land, jede Branche und jedes Finanzprodukt wird von individuellen Faktoren beeinflusst, sodass es schwierig ist, alle Märkte mit ihren jetzigen Chancen und Risiken zu verfolgen und zu analysieren. Mit Börse aktuell liefert Ihnen unser Börsenprofi die Börseninformationen, die wirklich wichtig sind, und zugleich eine kompakte Börsenvorschau der Woche.

Börse aktuell: Die letzten Nachrichten

Momentan machen diejenigen Marktteilnehmer hervorragende Gewinne, die sämtliche Basisregeln des Investierens ignorieren. Wer vorsichtig und besonnen agiert, wird oft im Minus ausgestoppt, denn Bullen-, vor allem aber Bärenfallen prägen das Kursbild an der Börse aktuell. Das verleitet dazu, es zu machen wie viele andere und blind ins fallende Messer zu greifen, weil scheinbar jeder Rücksetzer die ideale Basis für den Einstieg auf der Long-Seite ist. Aber Vorsicht: Wer sich so vom Kursgeschehen konditionieren lässt, könnte am Ende gewaltig auf die Nase fallen.

Konditionierung im Sinne des Tradings bedeutet: Ich sehe eine bestimmte Situation und was danach passiert. Wenn sich dieses Bild oft genug wiederholt, neige ich dazu davon auszugehen, dass hier eine Regel vorliegt und handle entsprechend. Dabei ignoriert man leicht, dass das Szenario womöglich nicht dem Normalfall entspricht und die Grundregeln des Investierens der eigenen Reaktion widersprechen. Einfach deshalb, weil es so oft funktioniert, dass man sicher ist, dass da nichts schiefgeht.

Wobei eine solche Konditionierung umso schneller wirkt, je weniger man sich mit den Basisregeln der Börse auskennt. Was derzeit aufgrund des großen Zulaufs neuer Anleger an den Aktienmarkt für sehr viele gilt. Aber an der Börse gilt nicht, was woanders gilt.

Wenn am Aktienmarkt etwas fünfmal klappt, kann es beim sechsten Mal trotzdem fatal schiefgehen. Wer damit nicht rechnet, darauf nicht innerlich vorbereitet ist, handelt vollkommen falsch und kann dann leicht mehr verlieren, als er/sie zuvor bei den fünf gelungenen Fällen verdient hat. Worum geht es genau?

Wir erleben die typischen Phänomene einer Distributionsphase

Es geht um die typischen Phänomene, die eine sogenannte Distributionsphase am Aktienmarkt kennzeichnen. Solche Phasen gibt es, seit es Börsen gibt: Erfahrene, große Investoren erkennen eine zunehmend kritische Gesamtsituation. Da ihre Portfolios zu groß sind, um sie nennenswert verkleinern zu können ohne durch die schiere Masse dessen, was dann verkauft werden muss, den Kurseinbruch auszulösen, dem sie entkommen wollen, müssen sie versuchen, die Nachfrage so lange groß zu halten, bis der Moment gekommen ist, zu dem sie selbst imstande wären, einen Kurseinbruch auszuhalten. Entweder, indem die Barreserven dann hoch genug sind und/oder man gezielt Short gehen kann.

Das funktioniert dann besonders gut, wenn sich sehr viele unerfahrene Akteure am Markt tummeln, die vergleichbare Phasen, so z.B. in den Jahren 2000 oder 2007/2008, nicht selbst mitgemacht haben. Das Instrument, um eine solche Distributionsphase zu vollziehen: Das Aufrechterhalten einer gezielt bullischen Stimmung, die den Eindruck erweckt, am Aktienmarkt ließe sich leicht und ohne großes Fachwissen viel Geld machen, weil die Risiken gegen null gehen.

„Marktmanipulation“? Nicht wirklich …

Manchmal hört man da den Vorwurf, dass es sich dabei um „Marktmanipulation“ handele. Aber ist das wirklich so? Wer sorgsam sein Erspartes investiert, macht sich vorher kundig. Wer vernünftig agiert, bleibt vorsichtig. Und wer sich das unabdingbare Grundwissen angeeignet hat und sich nicht von Leichtsinn und Gier treiben lässt, wirft einen Blick zurück in die Geschichte und ist gewarnt:

Am Ende hat es bei allen großen Baissen, bei allen geplatzten Spekulationsblasen mehrheitlich die getroffen, die alle Grundregeln der Börse in den Wind geschossen hatten. Zu dieser Gruppe muss niemand gehören.

Und letztlich tun große Adressen, die diesen Trend befeuern, nichts, was nicht dem normalen Ziel, nämlich dem Nutzen von Marktchancen, entspräche. Man sieht, dass zahllose neue Anleger an den Markt strömen und weiß, dass diese sich von ihren Emotionen leiten lassen. Man schwimmt auf dieser Kaufwelle mit und nutzt die Chance, sich nahe der Höchstkurse abzusetzen, indem man die Unerfahrenen dazu verleitet, immer weiter zu kaufen. So geht ein nicht unwesentlicher Teil der Bestände von den „sicheren Händen“ in die „zittrigen Hände“ über. Ein Phänomen, das Börsenlegende André Kostolany schon vor Jahrzehnten beschrieb.

Die Konditionierung durch das Kursgeschehen

Wer nach den Basisregeln der Börse agiert, läuft nicht in solche Fallen. Aber ganz leicht dürfte es vielen nicht fallen, eisern die Grundregeln zu beachten. Die da wären: Keine zu hohen Risiken eingehen. Nicht auf Kredit spekulieren. Nicht in fallende Messer greifen, sondern konsequent die Chart- und Markttechnik als Leitfaden nutzen. Und, vor allem: Nie ohne Stoppkurs agieren. Denn an der Börse aktuell wird belohnt, wer all das nicht tut. Die folgenden Charts machen das sehr deutlich.

Börse aktuell: Dow Jones dreht an 100 Tage Linie - Kursentwicklung Dow Jones von 2020 bis 2021 | Online Broker LYNX

Wir sehen hier, dass zwar immer wieder abrupte Abverkäufe stattfinden, diese aber in den vergangenen Monaten ein ums andere Mal sofort wieder aufgekauft wurden. Dabei kam es nicht selten zu charttechnisch negativen Signalen, die dann aber zu Bärenfallen wurde. Wer vernünftig agierte, dem Trend folgte, dabei aber mit „Fallschirm“ unterwegs war, indem er/sie seine Positionen knapp unter neuralgischen Chartmarken mit Stop Loss-Orders absicherte, fiel dabei immer wieder herein: Ausgestoppt, nicht selten im Minus. Und dann auch noch höher wieder einsteigen müssen, weil die Reaktion auf gebrochene Unterstützungen ausblieb und das Gegenteil geschah, indem die Kurse ansatzlos wieder nach oben schossen.

Börse aktuell: Nasdaq dreht abrupt - Kursentwicklung Nasdaq 100 von 2020 bis 2021 | Online Broker LYNX

Ist es da ein Wunder, dass immer mehr Akteure durch die Häufung dieser Fälle reagieren wie Pawlow’sche Hunde und blind in fallende Kurse hinein kaufen, weil sie fest davon ausgehen, dass der Markt sowieso gleich wieder nach oben dreht, ihnen also nichts passieren kann? Und kann man sich da wundern, dass immer mehr Anleger auf Kredit spekulieren, wenn doch das Risiko nahezu null zu sein scheint?

Börse aktuell: DAX dreht immer wieder - Kursentwicklung DAX 2021 | Online Broker LYNX

Die folgende Grafik zeigt die Entwicklung des Volumens der Kredite in den USA, die für Sicherheitsleistungen auf Derivate aufgenommen werden. Trotz der Schuldenblase, trotz der kritischen Inflationsentwicklung und trotz des durchaus noch vorhandenen Risikos, dass die Corona-Problematik erneut Druck auf die Wirtschaft ausübt, ist das Volumen dieser Kredite in den vergangenen Monaten immer weiter gestiegen, erreichte per Ende Juni den neuen Rekord von 882 Milliarden US-Dollar. Da fällt einem nichts mehr ein. Wie ist so etwas möglich?

Börse aktuell: Vergleich Börsenkredite in den USA mit Kursentwicklung S&P 500 von 1993 bis 2021 | Online Broker LYNX

Und plötzlich geht der Sack zu – und viele machen dann alles falsch

Eigentlich ist die Antwort einfach: Es ist zu lange nichts wirklich heftig schiefgegangen. Die Baisse 2008/2009 liegt zu lange zurück. Und dass die Kurse nach dem Corona-Crash so schnell wieder radikal nach oben drehten, tut ein Übriges. Denn was in der Wahrnehmung vieler bleibt ist nicht, dass es eben immer plötzlich mal dramatisch abwärts gehen kann, weil an der Börse das Unerwartete zu Hause ist. Nein, in Erinnerung bleibt, dass, wer nicht ausgestiegen ist, in fallende Kurse sogar zugekauft hat, am Ende mit großem Gewinn dastand. Wer indes zeitgerecht ausgestiegen war und abgewartet hat, bis die Wende wirklich vollzogen war, stellte sich schlechter.

Nie aussteigen und in fallende Kurse kaufen, das wirkt dadurch an der Börse aktuell wie das beste Rezept zu schnellem Geld. Das Gegenteil dessen, wie man es eigentlich machen sollte, wirkt also jetzt wie der perfekte Weg. Aber all diejenigen, die so denken und handeln, ahnen nichts von der Tücke solcher Distributionsphasen, sie erkennen sie ja gar nicht.

In dem Moment, in dem es großen Adressen, nehmen wir als Beispiele z.B. Hedgefonds oder Banken im Eigenhandel, gelungen ist, ihre große Long-Exposition ausreichend zu reduzieren, um auf der Short-Seite effektiv agieren zu können, geht der Sack zu. Was vorher völlig sicher wirkte, wird dann zur Falle, so wie es Anfang 2008 passierte:

Börse aktuell: Das Ignorieren von Signalen - DAX Kursentwicklung 2007 bis 2008 | Online Broker LYNX

Damals war die Subprime-Blase in den USA längst geplatzt, die Auswirkung auf die Gesamtwirtschaft unübersehbar und längst auch nach Europa herüber geschwappt. Aber die Aktienmärkte wirkten wie ein Fels in der Brandung. Rücksetzer hielten sich nie lange, der DAX lief immer wieder an seine bisherigen Hochs heran. Damals entstand der gleiche Eindruck wie heute: Wer bremst, verliert. In fallende Kurse zu kaufen ist klug, Warnsignale zu beachten ist dumm. Doch dann …

… war ein Punkt erreicht, in dem die Distributionsphase ausreichend umfassend vollzogen war, dass die ersten großen Akteure gezielt Short gingen. Und das konnten sie auch deshalb wagen, weil sie darauf bauen konnten, dass der Markt relativ große Short-Positionen verdaut, ohne gleich wegzubrechen, wie es dann im Januar 2008 geschah, weil die Privatanleger in die fallenden Kurse kauften, den Markt damit stützten und es den bärischen Tradern ermöglichten, große Mengen an Short-Trades nahe der Höchstkurse aufzubauen. Es gibt nicht allzu viele gute Argumente, um behaupten zu können, dass diese Gefahr diesmal nicht bestünde. Und damit nicht genug:

Weil diese Konditionierung so stark war und sich so etwas unter Druck verselbständigt, kauften viele immer weiter zu, je tiefer die Kurse fielen, bis sie ganz am Ende die letzten waren, die entmutigt ausstiegen: Anfang 2009 und nicht anders Anfang 2003. Das dürfte, wenn der Sack diesmal zugeht, nicht anders laufen. Aber Vorsicht:

Lassen Sie sich nicht mit- und hinreißen!

Niemand kann im Vorfeld absehen, wie lange sich eine solche Distributionsphase hinzieht und auf welchem Kursniveau am Ende „oben“ ist. Denn kommen gute, kurzfristige Argumente wie z.B. starke Quartalszahlen (die zwar nur einen Blick zurück darstellen, aber das kümmert sorglose Bullen wenig), kann der Aktienmarkt allemal noch höher laufen. Auf Verdacht Short zu gehen, nur, weil es jederzeit kippen könnte, ist daher noch weniger weise, als sich vom Strom der Masse hin- und mitreißen zu lassen.

Wichtig ist, sich daran zu erinnern, dass die Grundregeln der Börse noch nie außer Kraft gesetzt wurden, egal, wie oft das schon propagiert wurde. Und auch, wenn man für Vorsicht derzeit immer mal wieder „bestraft“ wird: Lassen Sie sich nicht verleiten, ohne Stoppkurse zu agieren, in fallende Kurse hinein zu kaufen oder gar auf Kredit mit viel zu hoch gehebelten Derivaten zu spekulieren. Warten Sie ab, bis Sie ein Szenario sehen, das dem des Januars 2008 gleicht:

Dann, wenn ein paar schwache Tage auf einmal nicht mehr sofort aufgeholt werden, wenn Erholungsversuche abverkauft werden und die Umsätze bei fallenden Kursen steigen, dann gälte es, schnell zu handeln. Denn wenn sich kritische Rahmenbedingungen erst einmal wieder in den Vordergrund schieben, nachdem sie für viele als für die Börse unproblematisch galten … wenn zudem viele keinerlei Erfahrung mit fallenden Kursen haben … dann, aber erst dann, kann es auf einmal sehr schnell gehen.

Ich wünsche Ihnen eine erfolgreiche Börsenwoche!

Ihr

Ronald Gehrt

* Charts vom 23.07.2021, marketmaker pp4

Derzeit sind viele Investoren davon überzeugt, dass die aus dem Ruder laufende Inflation ein reines US-Problem bleiben werde. Das ist nicht völlig ausgeschlossen, aber wahrscheinlich ist, dass die Teuerung Europa ebenfalls in einer gefährlichen Größenordnung heimsuchen wird – zum Beispiel durch das Hintertürchen namens US-Dollar. Und die Eurozone würde einer zu hohen Inflation noch machtloser gegenüberstehen als die US-Notenbank.

Wer ein guter Pokerspieler sein will, muss es verkraften können zu verlieren, nervlich wie in monetärer Hinsicht. Es sei denn, man ist in einer Position wie die US-Notenbank. Denn die pokert mit dem Geld anderer Leute. Und was die Inflation angeht, pokert sie äußerst hoch. Und sie hat nicht gerade ein gutes Blatt in der Hand.

Vergangene Woche sagte US-Notenbankchef Powell vor einem Senatsausschuss, dass es nicht angemessen sei, geldpolitisch auf eine nur vorübergehende Inflation zu reagieren. Stimmt schon. Nur hat die Sache einen Haken: Die US-Notenbank kann nicht wissen, ob die Inflation nur vorübergehend ist! Sie hofft es. Aber ihre Hoffnungen basieren auf der Angst vor den Folgen, wenn sie die Inflation bekämpft, nicht auf tauglichen Argumenten. Und sie hofft, dass sie mit Taschenspielertricks durchkommt. Inwiefern Letzteres?

Das gefährliche Spiel mit dem Basiseffekt

Die Inflationsrate bezieht sich immer auf den entsprechenden Monat des Vorjahres. Und das bedeutet: Wenn die Preise im entsprechenden Monat des Vorjahres, z.B. im Juni 2020, ungewöhnlich stark gestiegen sind, liegt die Inflationsrate im Juni 2021 niedriger, als wären die Preise erst später, im Juli oder August 2020, stark angestiegen. Das versteht man am besten anhand eines konkreten Beispiels. Und da bietet sich der scheinbare Rückgang der deutschen Inflation im Juni 2021 ideal an. Sehen wir uns den Chart an:

Börse aktuell: Entwicklung der Inflation in Deutschland von 2017 bis 2021 | Online Broker LYNX

Hier sehen wir genau den Effekt, auf den die US-Notenbank spekuliert. Im Juni 2020 waren die Preise in Deutschland direkt nach Ende des ersten Lockdowns deutlich angesprungen. Dieser höhere Preislevel der Berechnungsbasis für die Inflation im Juni 2021 führte dazu, dass die Inflationsrate von 2,5 Prozent im Mai auf 2,3 Prozent im Juni fiel, immer verglichen zum Preisniveau des Vorjahresmonats. Das sieht aus, als würde der Preisdruck nachlassen.

Und da die USA momentan jeden Monat deutliche Preissteigerungen zum Vorjahresmonat und Vormonat sehen, hoffen die Notenbanker darauf, dass die Teuerung nicht so extrem weitergeht, dadurch nächstes Jahr alleine durch den Basiseffekt niedrigere Inflationsraten auf dem Papier stehen und sie deswegen nicht aktiv werden müssen. Übrigens sehen wir im vorstehenden Chart auch einen Grund, warum wir schon im Juli wohl wieder klar höhere Inflationsraten bekommen dürften: Im Juli 2020 waren die Preise wieder deutlich zurückgekommen. Man rechnet für Juli also von einer viel tieferen Basis aus, daher ist es recht wahrscheinlich, dass wir da deutlich höhere Raten sehen als für den Juni.

Dieses Pokern auf den Basiseffekt ist indes etwas, das der Aufgabe zur Erhaltung der Geldwertstabilität widerspricht, das gilt für die US-Notenbank ebenso wie für die EZB, denn es ist ja eine Mogelpackung aus der statistischen Trickkiste. Wirklich entscheidend ist die tatsächliche Teuerung. Und die lässt sich am besten anhand des HVPI, des „harmonisierten Verbraucherpreisindex“ erkennen. Leider habe ich für den nur die deutsche Datenreihe, es gibt aber auch einen solchen Index als „VPI“ für die USA … der vergleichbar übel aussieht:

Börse aktuell: Entwicklung des harmonisierten Verbraucherpreisindex von 1996 bis 2021 | Online Broker LYNX

Anhand dieses Charts sehen Sie, dass diese Inflationsraten zum Vorjahresmonat immer eine Mogelpackung sein können. Denn während die Inflationsrate hierzulande im Juni von 2,5 auf 2,3 Prozent fiel, sehen wir hier, dass die Preise in Wahrheit einfach weiter gestiegen sind: um satte 0,4 Prozent gegenüber Mai. Was bedeutet:

Die US-Notenbank rechnet sich die Lage schön, während die Verbraucher immer weniger Kaufkraft haben. Mit den US-Inflationsdaten für Juni, die vergangene Woche mit satten 5,4 Prozent einliefen, wurde auch die Veränderung der Reallöhne zum Vorjahresmonat vorgelegt: sie betrug -0,9 Prozent!

Die Inflation wird sich von alleine totlaufen? Wirklich?

Man könnte jetzt sagen: Na, dann müssen die Unternehmen doch nur die Löhne anheben und schon bleibt die Kaufkraft konstant. Aber dadurch steigen die Kosten der Unternehmen ja. Und das holen sie über steigende Preise wieder herein.

Und der sinkende Reallohn in den USA zeigt es ja: Am Ende sind die Löhne und damit die Verbraucher immer die Verlierer in einer solchen Lohn/Preis-Spirale! Und die hat ja noch nicht einmal wirklich begonnen. Momentan sind es die Rohstoffe, die die Kosten der US-Unternehmen und damit die Erzeugerpreise immer höher treiben. Und per Ende Juni haben die immer noch einen Vorsprung, steigen schneller als die Verbraucherpreise. Da ist also weiterhin einiges an Kosten da, die die Unternehmen noch auf die Verbrauer abwälzen werden, wenn es irgend geht.

Börse aktuell: Vergleich der Entwicklung der US-Inflation und der US-Erzeugerpreise von 2014 bis 2021 | Online Broker LYNX

Noch sind es die Rohstoffe, die die Inflation massiv befeuern. Optimisten verweisen dann gerne auf den eingebrochenen Preis für Bauholz als Beleg dafür, dass die Preise bei den Commodities schon wieder von allein fallen. Aber erstens ist Bauholz immer noch doppelt so teuer wie vor Beginn dieser Preisexplosion. Zweitens spielt Bauholz zwar keine unwesentliche, aber auch keine entscheidende Rolle für die Preisentwicklung insgesamt. Und drittens sollte man nicht vergessen, dass die Preise bei den Rohstoffen nicht einfach durch die reale Entwicklung von Angebot und Nachfrage bestimmt werden, sondern auch durch Spekulation.

Börse aktuell: Preisentwicklung bei Bauholz von 2016 bis 2021 | Online Broker LYNX

Diesen Spuk der Zocker, die imstande sind, durch wilde Spekulation große konjunkturelle Probleme auszulösen, hatten wir schon 2007/2008 gesehen. Damals waren Forderungen laut geworden, die Spekulanten wenigstens von Energie- und Nahrungsmittel-Rohstoffen fernzuhalten. Aber solche Bemühungen wurden nie ernsthaft verfolgt und verliefen im Sande, so dass uns dieser Spuk jetzt an der Börse aktuell erneut einholen könnte. Und die folgenden Charts zeigen, dass der „Bauholz-Crash“ ein Einzelfall ist. Viele andere, wichtige Rohstoffpreise steigen immer weiter.

Börse aktuell: Preisentwicklung bei Erdgas von 2010 bis 2021 | Online Broker LYNX

Und das führt zu einem weiteren, inflationstreibenden Problem, das EZB und US-Notenbank entweder nicht berücksichtigen oder so tun, als gäbe es diesen Aspekt nicht, um die Kapitalmärkte zu beruhigen. Denn das Beruhigen des Marktes ist entscheidend. Die Märkte sind das eigentliche Problem, warum sich die Notenbanken mit Händen und Füßen dagegen sträuben, die Inflation anzugehen, wie sie es eigentlich längst tun müssten, allen voran die „Fed“ bei einer Juni-Inflation von besorgniserregenden 5,4 Prozent. Denn die Kapitalmärkte sind fragil.

Dort steht und fällt alles mit dem bis zum Anschlag geöffneten Geldhahn. Die Schuldenblase kann nur am Platzen gehindert werden, indem man verhindert, dass bei den Krediten ein Dominoeffekt aus platzenden Forderungen entsteht. Wie?

Indem man es ermöglicht, alte Kredite durch neue zu ersetzen, die noch weniger Zinsen kosten. Zugleich werden die Renditen vor allem am kurzen Ende der Anleihe-Laufzeiten mit Milliarden-Käufen der Notenbanken künstlich niedrig gehalten, damit dieses Spiel ja nicht schiefgeht. Höhere Leitzinsen, ja schon ein völliges Zurückfahren der Anleihe-Stützungen, das wäre genau die Nadel, die diese Blase platzen lassen könnte. Also tut man … nichts.

Börse aktuell: Preisentwicklung bei Kohle von 2017 bis 2021 | Online Broker LYNX

Aber nicht nur die an den Börsen aktuell weiter steigenden Rohstoffpreise und/oder eine beginnende Lohn/Preis-Spirale können die Inflation weiter befeuern. Der Verbraucher kann sich das auch selbst einbrocken.

Der Verbraucher wohnt nicht auf dem Reißbrett

Die Notenbanken neigen dazu, mit Rechenmodellen in die Zukunft zu blicken. Für alle wichtigen Parameter werden Annahmen getroffen, Spielräume gesetzt und dann wird auf „Enter“ gedrückt. Schwupp, fertig ist die Zukunft. Aber davon mal abgesehen, dass das 2008 so was von schiefging und man es trotzdem weiterhin so macht, ignorieren die „Experten“ eines: Menschen wohnen nicht auf dem Reißbrett. Ihr Verhalten ist nicht vorhersehbar.

Börse aktuell: Preisentwicklung bei Mais von 2016 bis 2021 | Online Broker LYNX

Was passiert denn, wenn die Verbrauchernachfrage immer weiter steigt und die Unternehmen dadurch nicht nur ihre eigenen, gestiegenen Kosten auf die Preise draufschlagen können, sondern noch einiges mehr, um die Gewinne zu steigern? Dann hätten wir im schlimmsten Fall eine Kaufpanik der Verbraucher, eine Lohn/Preis-Spirale und steigende Rohstoffpreise auf einmal.

Warum die Verbraucher das tun sollten? Ganz einfach. Aus demselben Grund, weshalb sie bei Deflation nicht kaufen, sondern auf tiefere Preise warten. Sie blicken voraus und sagen sich: Ich bekomme Geld von der Bank gerade nachgeworfen, fast zinslos und die Preise steigen überall. Da kaufe ich mir doch lieber jetzt sofort die neue Küche, das neue Auto, leiste mir umgehend die Renovierung oder die Weltreise, bevor alles noch teurer wird!

Diese Angst vor höheren Preisen führt auf diesem Weg dazu, dass sie durch die anziehende Nachfrage in der Tat steigen. Bis dann alle „vorgekauft“ haben und die Konjunktur bei hoher Inflation ins Loch fällt.

Das müssten die Notenbanken wissen. Das müssten sie einkalkulieren. Aber sie unternehmen nicht das Geringste, weil die kleinste Reaktion dazu führen könnte, dass sie dieses mit den immer tieferen Zinstiefs schon vor vielen Jahren begonnene Pokerspiel dadurch verlieren könnten. Dumm nur, dass sie es auch verlieren, wenn sie nichts tun.

Da kann man ja froh sein, dass wir in der Eurozone solche Probleme nicht haben. Bei einer Inflation von 2,3 Prozent in Deutschland und sogar nur 1,9 Prozent in der Eurozone passt ja alles … oder?

Europa ist keine Insel der Glücksseligen, im Gegenteil

Ganz und gar nicht. Denn die Wachstumsraten in der Eurozone sind ja viel niedriger als in den USA. Hier gab es keine Barschecks für die Bürger, die dazu führten, dass es einen kurzfristigen, aber starken Kaufkraftimpuls gab, den wir im folgenden Chart sehen (da werden die Löhne, nicht die um die Inflation bereinigten Reallöhne gezeigt). Gerade bezogen auf Deutschland sehen wir, dass die Löhne auch ohne Einberechnung der Inflation fallen, statt zu steigen. Dadurch ist der Druck auf das Wachstum auch mit einer niedrigeren Inflationsrate zu hoch. Und würde man die Löhne deutlich anheben, um die Inflation auszugleichen, würde das passieren, was ich oben beschrieben hatte: eine Lohn/Preis-Spirale würde entstehen, bei der die Löhne am Ende immer verlieren.

Börse aktuell: Vergleich der Lohnentwicklung in den USA, der Eurozone und Deutschland von 2011 bis 2021 | Online Broker LYNX

Hinzu kommt die wachsende Schere zwischen den Einkommen. Diejenigen, die in diesem Umfeld weiterhin gut dastehen und ggf. sogar deutlich ansteigende Gehälter einfahren, würden letztlich hier nicht anders reagieren als in den USA: Man kauft lieber jetzt und nötigenfalls einfach auf Pump, bevor es noch teurer wird. Die Immobilienblase ist so entstanden … wenn die Inflation weiter zulegt, kann das andere Bereiche ebenso schnell erfassen. Und davon abgesehen, dass z.B. US-Importgüter parallel zu den dort steigenden Preisen teurer werden und uns so die Inflation durch die Hintertür bringen, ist noch ein anderer Aspekt vorhanden, der dafür sorgen kann, dass wir auch bei schwachem Wachstum eine ausufernde Inflation bekommen: der US-Dollar.

Vorsicht Dollar: Die Inflation kann bei uns durchs Hintertürchen kommen!

Denn alle Rohstoffe werden in US-Dollar fakturiert. Das bedeutet, dass Europa, das viele wichtige Rohstoffe importieren muss, nicht nur durch den Anstieg der Rohstoffpreise an sich Inflation ins Haus geliefert bekommt. Der Preisdruck steigt zusätzlich, wenn der US-Dollar zum Euro teurer wird. Und das zeichnet sich gerade ab.

Börse aktuell: Entwicklung Dollar zum Euro von 2018 bis 2021 | Online Broker LYNX

Die höheren Wachstumsraten in den USA und die dort noch höheren Renditen bei Anleihen sind für internationale Investoren attraktiv. Am Devisenmarkt geht man daher davon aus, dass der US-Dollar gegenüber dem Euro mehr nachgefragt wird und daher tendenziell steigen muss. Der Chart zeigt die Relation US-Dollar/Euro, also den Preis, den man in Euro für einen US-Dollar zahlen muss. Das ist für unseren Fall anschaulicher als die übliche, auf den Kopf gestellte Darstellung Euro/US-Dollar. Sie sehen:

Man spekuliert auf einen steigenden US-Dollar. Dadurch ist seit Herbst 2020 ein Doppeltief entstanden, das, wenn die näher kommende Nackenlinie überboten wird, vollendet wäre und einen deutlichen Aufwärtsschub des US-Dollars nach sich ziehen könnte. Es dürfte klar sein, was mit der Inflationsrate in Deutschland, die alleine wegen des wegfallenden Basiseffekts kurzfristig anziehen dürfte, passiert, wenn auch noch die Rohstoffe durch einen Anstieg des US-Dollars zusätzlich teurer werden!

Europa könnte einer anziehenden Inflation wenig entgegensetzen

Und die EZB hat bereits seit Jahren ihre Leitzinsen bei null. Der Anleihemarkt wird längst mit Unsummen gestützt. Die Schulden sind bereits jetzt zu hoch. Das Wachstum ist instabil. All das hieße:

Wenn die Inflation in Europa durchs Hintertürchen steigt, wird das eine äußerst knifflige Situation. Und eine EZB, die dann nur wählen kann, das ohnehin geringe Wachstum durch Inflationsbekämpfung zu eliminieren oder mit etwas Zeitverzögerung durch eine aus dem Ruder laufende Inflation zu ruinieren, wenn sie nichts tut, wird da keine große Hilfe sein.

Noch tut man auch an der Börse aktuell mehrheitlich so, als sei alles in allerbester Ordnung. Das war 2007/2008 nicht anders. Jedem wäre zu raten, diesmal nicht so leichtgläubig zu sein, wie zu viele es damals waren. Am Aktienmarkt nie mit Geld handeln, dass man sich über Kredite besorgt hat, dafür aber immer mit Stoppkursen zu agieren, ist in einem Umfeld, in dem nicht nur Inflationsgefahr herrscht, sondern diese auch noch ignoriert wird, alternativlos!

Ich wünsche Ihnen eine erfolgreiche Börsenwoche!

Ihr

Ronald Gehrt

* Charts vom 15.07.2021, marketmaker pp4

Auf dem Reißbrett oder im Nachhinein sieht das alles ganz einfach aus: Einfach oben die Long-Positionen verkaufen, auf die Short-Seite wechseln und am Abwärtstrend verdienen. In der Praxis aber verzweifeln viele, die sich an der Short-Seite versuchen und geben entnervt auf, bevor der Abwärtsschub dann am Ende doch noch kommt. Ein paar Tipps zu einem Thema, das einfacher aussieht, als es ist.

Warum ist es so viel schwieriger, erfolgreich auf der Short-Seite zu agieren als Long zu sein? Gleich vorweg: Ich habe dafür kein Patenrezept und keine simple Lösung. Es ist einfach schwieriger. Aber es gibt ein paar Aspekte, die man verstehen und beachten sollte, um diese Herausforderung besser in den Griff zu bekommen. Darum soll es in diesem Beitrag gehen.

Also noch einmal: Warum ist es so viel schwieriger, erfolgreich auf der Short-Seite zu agieren als Long zu sein? Das hat mehrere Gründe, die aber alle auf eines hinauslaufen: Die Bullen sind normalerweise weit zahlreicher, sogar in Abwärtstrends, weil viele Anleger einfach nur Long „können“ oder „wollen“. Und die Masse der Anleger macht den Trend, ob sie erfahren sind oder nicht. Denn sie überweisen den Fonds oder ETFS das Geld, die müssen es anlegen … und so geht es grundsätzlich eher nach oben.

Und wenn es dann mal abwärts geht, muss das keineswegs parallel zu negativ werdenden Rahmenbedingungen ablaufen. Denn die Masse der Anleger hat wenig bis kein Börsen-Fachwissen, kennt sich mit volkswirtschaftlichen Aspekten ebenso wenig aus wie mit der Chart- oder Markttechnik und kümmert sich oft erst um ihre Depots, wenn die Nachrichten von dramatischen Kursverlusten berichten. Die aber nur selten auftreten, weil das eben meist nur dann möglich ist, wenn die „Masse“ verkauft die nicht mitbekommt, dass in Sachen Rahmenbedingungen der Baum brennt. Aber wenn ein schnell fallender DAX oder Dow Jones erst einmal in den Nachrichten landet, kommt es nicht selten vor, dass so viele auf einmal unlimitiert und unüberlegt von Bord wollen, dass es dann gleich fast senkrecht abwärts geht.

Die Wende kommt fast immer später, als erfahrene Trader denken

Börse aktuell: Subprime Blase 2008 ist schon geplatz, doch erstmal steigt der DAX weiter | Online Broker LYNX

Ein typisches Beispiel dafür haben wir 2007 erlebt. Die Immobilienblase in den USA war längst geplatzt. Hierzulande belegte ein deutlich nachgebender ifo-Geschäftsklimaindex, dass die Lage kritisch würde. Aber der DAX fiel einfach nicht. Es kam immer wieder zu Rücksetzern, ja. Aber wer da Short ging, wurde ein ums andere Mal „rasiert“, denn der DAX kam, wie der vorstehende Chart aus dieser Zeit auf Wochenbasis zeigt, immer wieder nach oben. Viele, sehr viele, gaben es damals entnervt auf, auf der Short-Seite zu agieren. Und natürlich glaubten sie dann, als es im Januar 2008 auf einmal nicht mehr gleich wieder nach oben ging, nicht daran, dass die Abwärtswende jetzt beginnt und waren ausgerechnet da dann nicht mehr Short. Schlimmer geht’s nimmer. Und das war kein Einzelfall.

Börse aktuell: Mögliche Auswirkungen von Corona werden deutlicher, doch der DAX steigt erstmal weiter | Online Broker LYNX

Im Fall der Corona-Problematik schienen die Akteure genauso auf dem Schlauch zu stehen. Ich hatte bereits im LYNX Wochenausblick vom 27. Januar 2020 davon gewarnt, was passieren würde, wenn sich das Virus weltweit ausbreiten würde. Und erstens war ich nicht der einzige, der Alarm gab (wenngleich viele so taten, als wäre das alles harmlos), zweitens wurde mit jeder weiteren Woche deutlicher, dass die Sache schiefgehen würde. Aber der DAX markierte, wie der vorstehende Chart zeigt, danach sogar noch neue Rekordhochs und begann erst ganze vier Wochen (!) später zu fallen. Wer klug genug war zu erkennen, wie brenzlig die Gesamtsituation geworden ist und auf diese Erkenntnis hin Short ging, musste entweder Nerven wie Stahlseile haben oder wurde mehrfach mit Verlust ausgestoppt. Fassen wir einfach mal zusammen, warum das immer wieder passiert:

Warum man mit „müsste eigentlich“ auf der Short-Seite unter die Räder kommt

Die Wende kommt fast immer später, als erfahrene Trader denken, weil die Mehrheit der Anleger wenig bis kein Fachwissen hat und es diese meist passiven Sparer sind, die den Trend bestimmen.

Da diese große Gruppe erst reagiert, wenn die Kurse bereits fallen, muss die Lage erst deutlich negativer werden, als man rein von der Logik her glauben möchte. Denn erst, wenn die großen Adressen, die unabhängig(er) von den einfachen Anlegern reagieren können, massiv verkaufen, z.B. Banken im Eigenhandel oder Hedgefonds bzw. diese Klientel gezielt und massiv Short geht, wird die Lawine losgetreten. Und die warten gerne, bis sich die Anleger in Sicherheit wiegen und die ersten Short-Seller entnervt aufgegeben haben. Denn das führt oft dazu, dass die Kurse trotz negativer Gesamtlage noch einmal neue Hochs markieren. Dann lohnt es sich für diese großen Trader richtig, gezielt den Trend abzuschießen, indem sie massiv Short gehen.

Schlussfolgerung: Man sollte abwarten, bis diese großen Akteure Short gehen. Damit wird klar: Mit „müsste eigentlich“, egal, ob man da dann auf Bilanzen, Konjunkturdaten oder Zinsen schaut, kommt man nicht weit. Die Kurse selbst gilt es zu beobachten. Nur anhand des Kursverhaltens kann man erahnen, ob sich da etwas tut. Sehen wir uns zunächst an, wie sich das Bild meist darstellt, wenn die „Großen“ noch nicht bereit sind, zuzuschlagen. Das Chartbild der vergangenen zwei, drei Monate ist dafür ein Paradebeispiel:

Die Bären-Taktik: Beobachten, abwarten und dann aus dem Nichts angreifen

Börse aktuell: Schwächefälle im DAX häufen sich, doch werden derzeit sofort wieder aufgekauft | Online Broker LYNX

Ein ums andere Mal wurden seit April schwache Tage sofort wieder „weggekauft“. Das hat zum einen den Hintergrund, dass die Privatanleger an der Börse aktuell einfach immer weiter kaufen, wie auch seitens mehrerer Banken gemeldet wurde. Es hat aber auch damit zu tun, dass viele große Adressen im Fall eines echten, erneuten Baisseimpulses große Probleme bekommen würden, weil ihre Portfolios viel zu riesig sind, um einem solchen Abriss durch Verkäufe entkommen zu können. Wollten diese ganz großen Fische auch nur fünf oder zehn Prozent ihrer Bestände verkaufen, würden sie dadurch den Kurseinbruch selbst auslösen, dem sie entkommen wollen. Daher versuchen sie, wackelnde Trends so lange zu stabilisieren, wie es irgend geht.

Aber das „Warum“ ist eigentlich nebensächlich. Wichtig ist: Wenn solche schwachen Tage sofort wieder aufgekauft werden, sind die echten Short-Seller noch nicht aktiv. Denn wäre es so, könnten sie Gegenbewegungen problemlos brechen und damit die Selbstsicherheit, die den Bullen momentan noch zu Eigen ist, in Panik verwandeln. Und genau darum geht es auch:

Die großen Trader, die auf die Short-Seite switchen, wollen natürlich die Masse der Akteure als „Erfüllungsgehilfen“ sehen. Je länger eine Abwärtswende ausbleibt, je länger die Mehrheit glaubt, der Markt sei „unfallbar“, desto größer werden die Verkäufe, wenn es wider Erwarten anders kommt. Diese Verkäufe sind es, die die Short-Positionen in die Gewinnzone tragen. Also geht man bei diesen großen Adressen geschickt vor, nutzt die Schläfrigkeit scheinbar ungefährdeter Bullen. Und das sieht dann oft so aus:

Typische Indizien, die eine Short-Phase ankündigen können

Börse aktuell: DAX K.O. im Jahr 2008 durch 3 gezielte Treffer | Online Broker LYNX

Der scheinbar gegen das Platzen der Subprime-Blase immune DAX wurde Anfang 2008 mit drei gezielten Treffern in den K.O. geschickt. Erst wurde der Versuch, ein noch relativ kleines Doppeltopp zu verhindern, abverkauft. Danach ging es um die im Chart dick rot markierte, wichtige 200-Tage-Linie knapp darunter. Es schein, als gelänge es, diese Linie zu halten. Aber dann schlugen die Bären gezielt zu und sorgten dafür, dass dieser gleitende Durchschnitt deutlich brach. Dadurch ging es mit den Verkäufen der breiten Masse langsam los. Schnell ging es in die wichtige Supportzone 7.370/7.445 Punkte. Am 18. Januar 2008, dem Tag, auf den die unterste blaue Linie zeigt, schien es zuerst, als könnte man die Verkäufe abfangen. Der DAX stieg, lief bis 7.500 Punkte. Und das war genau der Moment, in dem die Bären den Sack zumachten. Es kam zu einem kräftigen Abverkauf, der den DAX an diesem Tag doch noch deutlich unter diese Unterstützungszone drückte. Und das war dann der Moment, an dem den vorher arglosen Anlegern die Nerven durchgingen. Die Subprime-Baisse war geboren.

Auf solche Chartstrukturen gilt es zu achten. Das sieht natürlich nie gleich aus. Entscheidend ist, dass Gegenbewegungen nach oben scheitern, wodurch die Zuversicht und Kaufbereitschaft der Bullen unterminiert wird. Das kann auch so aussehen:

Börse aktuell: Bären gewinnen im Jahr 2015 die Oberhand im DAX | Online Broker LYNX

Sukzessiv tiefer liegende Zwischenhochs machen erfahrenen Tradern deutlich, dass dem bullischen Lager sukzessiv das Geld und/oder die Zuversicht ausgeht, wie das im Frühjahr/Sommer 2015 der Fall war. Nachdem es im Juli erst einmal gelang, den DAX mit Schwung von der 200-Tage-Linie nach oben zu ziehen, dürften viele ihre Short-Pläne auf Eis gelegt haben. Es wurde aber sofort wieder interessant, denn es kam nach dieser Verteidigung der 200-Tage-Linie zu einer Korrektur und bald darauf zu einem erneuten Anstieg. Der „verhungerte“ aber unter dem vorherigen Hoch. Und das bedeutete: Die Bullen konnten die 200-Tage-Linie zwar verteidigen, mehr war aber scheinbar nicht drin. Wenn sich zeigt, dass die „Beute“ schwächer wird, werden die Bären aufmerksam … und aktiv. Das Ergebnis sehen Sie: Ein zweiter Test der 200-Tage-Linie wurde provoziert und der DAX diesmal nach unten durchgedrückt.

Ein paar Grundregeln für die „Bären-Rolle“

  1. Die Bullen wehren sich immer, oft, weil sie es müssen, da z.B. zu viele Long-Trades auf Kredit laufen, die Portfolios zu groß zum Weglaufen sind und, und, und. Erfahrene, große Trader wissen, wann sie eine Chance haben, diese Gegenwehr zu brechen. Man muss daher versuchen, zwischen reinen Verkäufen normaler Anleger und gezielten Short-Attacken zu unterscheiden. Abverkaufte Gegenreaktionen sind da ein typisches Indiz für aktive Short-Seller
  2. Drehen und stehen, sprich Long-Trades auf Verdacht und ohne explizite bärische Signale im Chartbild verkaufen und auf Short wechseln: Das kann vernichtend enden, wenn man zu früh agiert, zu viel Kapital einsetzt und dann auch noch ohne Stopps agiert. Erfolgreiche Bären agieren behutsam, vorsichtig, aus guter Deckung heraus. Das unterscheidet sie von den Bullen. Da so gut wie niemand immer bärisch agiert, bedeutet das: Wer imstande sein will, erfolgreich auf beiden Seiten zu agieren, muss auch imstande sein, sein Verhalten so umzustellen, dass man nicht mehr wie ein Bulle mutig (oder blind) voranstürmt, sondern auf der Short-Seite deutlich vorsichtiger ist.
  3. Abwärts geht es immer schneller, das muss man einkalkulieren. Und das gilt auch für die Gegenbewegungen nach oben innerhalb von Abwärtstrends. Was daran liegt, dass Bären, die Aktien leer verkaufen oder in den Futures in den Indizes Short gehen, ihren Gewinn nur mitnehmen können, indem sie die Gegenposition aufbauen und den Trade so schließen. Das heißt: Sie müssen kaufen, Long gehen. Das trifft dann auf hoffnungsvoll kaufende Bullen, die dann glauben, das Tief sei erreicht. Oft laufen solche Gegenreaktionen in Abwärtstrends daher blitzschnell ab und reichen weit. Und manchmal, wie im Fall des März 2020, kommen die Short-Seller nicht zurück, siehe der folgende Chart. Daher muss man enge Stop Loss setzen, ggf. auch mal in noch fallende Kurse Gewinne mitnehmen, wenn man den Eindruck bekommt, der Hexenkessel brodelt schon stark genug oder es könnte ein Punkt erreicht sein, an dem viele Bären Gewinne mitnehmen, sprich kaufen wollen.

    Börse aktuell: Langfristige Super-Unterstützung löst im März 2020 Gegenreaktion des DAX aus | Online Broker LYNX

    Im Fall des März 2020 hätte ich selbst auch nicht erwartet, dass die Rallye einfach weitergeht, kein neuer Baisseschub mehr kommt. Im Nachhinein sieht man es nun, damals konnte man es nicht wissen. Daher muss man im Zweifel lieber zu früh aus Short-Trades rausgehen oder enge Stop Loss-Orders zur Absicherung platzieren und erst wieder Short gehen, wenn die Kurse erneut klar nach unten drehen, indem eine Rallye abverkauft wird.
  4. Das gemeinhin immense Tempo von Abwärtsimpulsen verleitet einen als Short-Seller dazu, den Zeitraster des Tradings auf sehr kurze Zeitspannen herunterzufahren. Da orientiert man sich schnell nicht mehr an Tagescharts, sondern geht auf die Stundenebene, in hektischen Phasen auf die 15-, die 5- oder gar die 1-Minuten-Ebene. Aber bedenken Sie, dass man das nicht lange durchhalten kann. Kurze Zeit kann man so mehr verdienen, sicher. Aber irgendwann lässt die Konzentration nach. Und dann wird es teuer. Bedenken Sie, dass die das Geschehen in solchen Phasen dominierenden computergesteuerten Handelsprogramme der großen Trader nie müde werden und immer schneller sind als wir. Bleiben Sie daher besser bei überschaubaren Zeitrastern beim Trading.

Fazit: Nicht zu viel von sich selbst erwarten

Ist man ein perfekter Short-Seller, wenn man diese Tipps umsetzt? Sicher nicht. Es kommt immer wieder zu Konstellationen, die es so noch nie gab. Es gibt immer Situationen, in denen Nachrichten von außen plötzlich ein scheinbar klares Szenario auf den Kopf stellen. Und niemand kommt auf Dauer ohne Fehler über die Runden. Aber das ist die Börse.

Am besten fährt man, wenn man sich dessen bewusst ist und weiß: Es kann nicht immer alles klappen. Es reicht, wenn am Ende des Monats mehr in der Kasse ist als zuvor. Sich auszurechnen, was man theoretisch alles hätte verdienen könnten, wenn man hier und dort gewusst hätte, was passieren wird … diese gefährliche Unart habe ich bereits vor über 20 Jahren überwunden. Wohl ein entscheidender Grund dafür, dass ich immer noch dabei bin.

Ich wünsche Ihnen eine erfolgreiche Börsenwoche!

Ihr

Ronald Gehrt

* Charts vom 08.07.2021, marketmaker pp4

Die Jugend muss ihre eigenen Erfahrungen machen, sagt man. Da kann man Ratschläge erteilen wie man will, die Jungen glauben es nicht und machen es anders. An der Börse geht es dabei nicht um das Lebensalter, sondern um die Erfahrung als Anleger. Und selten, womöglich noch nie, kamen so viele „Junge“ an die Börse wie seit dem Corona Crash. Börsenlegende Warren Buffet richtete letzte Woche gezielt an diese Gruppe der Unerfahrenen den Rat: „Es ist nicht so leicht, wie es klingt“. Aber ob viele auf ihn hören werden?

Es gilt keineswegs für alle. Aber wenn man beispielsweise an Fahranfänger denkt, die gerade ihren Führerschein bekommen haben: Wie viele von ihnen glauben, mit dem „Lappen“ automatisch zum Rennfahrer qualifiziert zu sein? Oder wie ist es mit denen, die auf einmal entscheiden, zum Sportler zu werden: Runter vom Sofa … und sich gleich mal so übernehmen, dass es mehr schadet als nützt? Sich bei etwas Neuem zu überschätzen, ist keine Seltenheit. Für die Börse gilt das genauso. Vor allem, wenn man von Anfang an Gewinne erzielt und damit zu erkennen glaubt: Das ist ja ein Kinderspiel!

Wie bei Fahranfängern auch ist dieses Gefühl nur so lange gegeben, bis eine kritische, komplizierte Situation eintritt. Dann erst merken viele, dass sie bei Weitem nicht so souverän unterwegs sind wie gedacht. Manchmal ist es dann für Einsicht und Lernen zu spät – auch an der Börse. 2000 bis 2003, 2008/2009 waren solche Phasen, in denen viele, die dachten, es ist leicht, an der Börse Geld zu machen, dieses Geld verloren. Träume und Pläne platzten, viel kleinere Brötchen wurden gebacken. Die so ungewöhnlich vielen, die in den letzten fünf Quartalen neu an die Börsen kamen, haben diese kritischen Situationen nicht erlebt. Deswegen laufen sie Gefahr, ebenfalls Lehrgeld zahlen zu müssen.

Dass sie davon überzeugt sind, ihnen werde das nicht passieren, ist kein besonders gutes Argument. Das dachten die geschlagenen Neu-Investoren in den beiden vorherigen Eisdusche-Phasen nämlich auch. Das ist der Grund, warum sich sogar die Börsenlegende Warren Buffett genötigt fühlte, diese Einsteiger vor zu viel Leichtsinn und zu wenig Fachwissen zu warnen, indem er vor einigen Tagen betonte: „Es ist nicht so leicht, wie es klingt.“

An der Börse wird nicht geklingelt!

Aber wo soll denn der Fehler sein? Wo sollen denn die Gefahren lauern? Die Kurse steigen an der Börse aktuell doch? Schon. Aber bekanntlich nicht für immer. Und genau das ist es, womit man sich rechtzeitig beschäftigen sollte. Denn viele glauben: Wenn die anderen verkaufen, kann ich ja immer noch aussteigen. Diese „Taktik“ ist Murks. Denn das verleitet dazu, die Füße hochzulegen und zu glauben, dass es reicht, aktiv und aufmerksam zu werden, wenn die Nachrichten melden, dass jetzt verkauft wird. So funktioniert es aber nicht.

Zum einen wäre es schon spät, womöglich zu spät, erst dann zu reagieren, wenn fallende Kurse in den Schlagzeilen auftauchen. Zum anderen kann man nie sicher sein, ob gerade das Hoch erreicht wurde und eine längere Baisse beginnt oder ob es sich, egal, wie kräftig das Minus ist, nur um eine kurze Korrektur handelt, die schnell neuen Rekorden weichen wird.

Börse aktuell: Entwicklung DAX im Jahr 2020 | Online Broker LYNX

Was Warren Buffett mit dieser Warnung mitteilen will, ist: An der Börse wird nicht geklingelt, wenn der beste Zeitpunkt zum Kaufen und zum Verkaufen erreicht wird. Da hängt kein Zettel an einem Index, auf dem steht „in Kürze erreichen wir unser Reiseziel“, so dass man schon mal die Koffer in die Hand nehmen und zum Ausgang marschieren könnte. Was die meisten Anleger – und die noch Unerfahrenen naturgemäß erst recht – unterschätzen, ist die Unberechenbarkeit des Mediums, dem sie ihr Geld anvertrauen. Die Börse bewegt sich als Reaktion auf die Aktivitäten der Anleger. Und das macht die Sache knifflig.

Denn nie agieren alle zugleich, so dass man nicht wissen kann, was diejenigen morgen vielleicht tun werden, die heute nicht ge- oder verkauft haben. Werden diese unsichtbaren Akteure die Tendenz morgen drehen? Oder intensivieren? Ein Rücksetzer kann sich zu einer größeren Korrektur auswachsen … oder auch nicht. Eine Korrektur kann in eine Trendwende und diese in eine Baisse übergehen … oder auch nicht. Gleiches gilt, wenn die Kurse am Boden liegen. Ein, zwei starke Tage können der Beginn der Aufwärtswende sein … oder nur eine Gegenreaktion, bevor alles auf neue Tiefs absackt. Der erste Chart zeigt die Phase im März 2020. Sicher, im Nachhinein sieht das einfach aus. Einfach kaufen und die Gewinne laufen lassen. Aber was, wenn es so kommt wie im folgenden Fall aus dem Jahr 2008?

Börse aktuell: Scheinbare Wendepunkte im DAX im Jahr 2008 | Online Broker LYNX

Man darf es gern optimistisch sehen: Eines Tages kommt die Wende – aber bis dahin eben nicht!

An der Börse trifft man immer „Entscheidungen unter Unsicherheit“. Das ist es, was nahezu alle Neueinsteiger unterschätzen. Das ist es, was Warren Buffett mit seiner Warnung hervorheben will.

Dass der Aktienmarkt schwieriger zu beherrschen und riskanter ist, als es in einem scheinbar ewigen Aufwärtstrend den Anschein hat, ist aber kein Grund, ihm fernzubleiben. Man muss nur erkennen, dass man immer auf der Hut sein sollte. Wer verstanden hat, dass man sich stets auf unsicherem Terrain bewegt, dass niemand sicher vorhersagen kann, was morgen, in einer Woche oder gar in einem Jahr sein wird (das Tückische ist, dass viele das behaupten und den Neueinsteigern dabei erzählen, was die gerne hören wollen), der hat schon einmal das größte Risiko im Griff: Unwissenheit.

Wer die Risiken kennt, profitiert genauso von einer Hausse wie jemand, der von Tuten und Blasen keine Ahnung hat und einfach nur den Sprüchen der Dauer-Bullen folgt, sich nicht absichert und zugleich das Risiko immer weiter steigert. Die Spreu trennt sich erst dann vom Weizen, wenn die Sache schiefgeht, der Markt kippt. Wer weiß, wie knifflig es dann wird, handelt besonnen und vorsichtig. Die Leichtsinnigen hingegen gehen baden. Und nicht nur das:

Wer die Börse verstanden hat, reagiert flexibel, klammert sich weder an eine vom eigenen Depotbestand diktierte Meinung noch hat der Besonnene ein Problem damit, auch mal einen Verlust hinzunehmen. Wer durchblickt und versteht wie die Börsen bzw. die Menschen ticken, die an ihnen agieren, kann auch in einer Abwärtsbewegung verdienen, indem man von Long auf Short umschwenkt und bestehende Aktienbestände zeitgerecht in defensivere Aktien mit solidem Fundament umschichtet.

Es gibt also keinen Grund, ob der großen Gefahren, die sich hinter dieser scheinbar ewigen Hausse verbergen, schwarz zu malen. Eines Tages wird die Party vorbei sein. Aber an allen Tagen vorher eben nicht.

Mitschwimmen, dabei aber immer den Rettungsring in Griffweite haben, das ist kein Pessimismus, sondern die nötige „kaufmännische Vorsicht“. Vorsichtige Bullen können problemlos zu fröhlichen Bären werden. Unvorsichtige Bullen nicht.

Die Letzten beißen die Hunde

Ein Aspekt, den Neueinsteiger selten wahrnehmen und der auch vielen schon länger investierenden Anleger nicht bewusst ist, ist, dass die Börse im Prinzip wie ein Schneeball-System funktioniert: Wer als letzter kauft, zahlt in der Regel die Zeche. Wieso? Weil Geld nicht endlos vorhanden ist. Und weil, was an der Börse aus dem Nichts an Gewinn aufläuft, auch wieder zu Nichts werden kann. Es sieht nur so aus. Man muss sich das einfach mal bildlich vorstellen.

Seit dem Tief im März 2020 saugt der Aktienmarkt immense Geldsummen an. Die Kurse steigen an der Börse aktuell gewaltig. Richtig ist aber – und auch dessen muss man sich bewusst sein – dass die explodierende weltweite Marktkapitalisierung nicht alleine durch neu zufließendes Geld entsteht. Beispiel:

Wenn es von einem Unternehmen 1.000 Aktien gibt und diese gestern bei 100 standen, hätte das Unternehmen eine Marktkapitalisierung (oder „Börsenwert“) von 100.000 Euro. Es reicht, wenn dann heute nur 10 Aktien umgehen, die, weil die Nachfrage höher ist als das Angebot, zu einem höheren Kurs von 110 gekauft werden. Dann haben auch die 990 nicht gehandelten Aktien auf einmal einen Kurs von 110, der Börsenwert des Unternehmens beträgt dadurch auf einmal 110.000 Euro. Aber!

Dieses Geld ist ja nicht „echt“. Diejenigen, die diese Aktien halten, haben keinen wirklichen Gewinn gemacht. Es ist ein „Buchgewinn“, mehr nicht. Erst, wenn es möglich wäre, dass alle, die diese Aktien halten, diese auch zu 110 Euro verkaufen könnten, wäre dieser Gewinn wirklich real, weil das Geld auf dem Konto ist. Und genau das ist etwas, das vielen nicht klar ist:

Wollten alle aussteigen und die großen Gewinne, die sie gemacht haben, wirklich realisieren, würden diese zerplatzen wie eine Seifenblase, denn damit das gelingt, müsste es auch entsprechend viele Käufer geben, die alles zu dem letzten Kurs aufnehmen. Und das ist eben nicht so.

Wir haben eine Phase mit extrem vielen Neueinsteigern gesehen, die ihr Erspartes in Aktien gesteckt haben. Eine Hausse, die immens weit geführt hat und einen Boom, der auch die Größe des Aktienmarkts an sich aufgebläht hat. Da ist es auszuschließen, dass da so unglaublich viele Anleger bereit stehen, zu Höchstkursen zu kaufen, dass noch so viel freies Kapital vorhanden wäre, dass ein Kurseinbruch vermeidbar wäre, wenn zu viele zur selben Zeit aussteigen wollten.

Und je später man kauft, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass das Boot voll ist, dem Markt die nötigen Käufer ausgehen, um einen kapitalen Kursrutsch zu verhindern, falls zu viele zur selben Zeit durch einen zu engen Ausgang wollen. Die Letzten beißen die Hunde, das ist ein Spruch, der für die Börse perfekt passt.

Der Geld-Staubsauer läuft auf Hochtouren

Das gilt umso mehr, wenn die Risikobereitschaft steigt, das Fachwissen aber nicht. Das Volumen der Börsenkredite steigt stetig. D.h. immer mehr Marktteilnehmer investieren auf Pump. Alleine für die Sicherheitsleistungen für Derivate-Spekulationen lag das Kreditvolumen in den USA bis Ende Mai (auf die Juni-Daten, die bald kommen, dürften wir gespannt sein), bei unglaublichen 862 Milliarden US-Dollar.

Börse aktuell: Entwicklung der Börsenkredite in den USA von 1985 bis 2021 | Online Broker LYNX

Und immer mehr Unternehmen „ziehen“ sich Geld aus den Anleger-Ersparnissen, indem sie neu an die Börse gehen. Ein Phänomen, dass wir 1999/2000 auch schon gesehen haben. Bis jetzt sind in den USA im laufenden Jahr 589 Unternehmen neu an die Börse gegangen. Das ist jetzt schon ein Rekord für ein Halbjahr. 2020 sahen wir bereits untypisch viele Börsengänge in den USA (480). 2000 waren es 397, 1999 856. In den Jahren dazwischen viel, viel weniger. Dieser alte Rekord aus dem Jahr 1999 dürfte dieses Jahr fallen. Und alleine die US-Börsengänge des ersten Quartals haben dabei 129 Milliarden US-Dollar „aufgesaugt“.

Es ist kein Zufall, dass die Zahl der Börsengänge (engl. Initial Public Offering oder IPO) damals, 1999/2000, so hoch war. Die Unternehmen nutzten die Gelegenheit, dass die Anleger euphorisch waren und ihnen das Geld locker in der Tasche steckte, um eben dieses Geld einzusammeln und dabei besonders gute Preise für ihre Aktien herauszuschlagen. Damals endete das böse. Warum sollte das diesmal denn anders kommen?

Besonders verblüffend bei diesem „Geldstaubsauger-Phänomen“ ist dabei die Häufung der sogenannten SPACS. Sie dominieren mittlerweile in den USA die Börsengänge (in Europa spielen sie erfreulicherweise noch keine Rolle). Das ist ein Signal dafür, dass Leichtsinn und Unwissenheit langsam in den roten Bereich vorgedrungen sind. Denn was ist ein „SPAC“?

Börse aktuell: Entwicklung der Anzahl von SPACs in den USA von 2003 bis 2021 | Online Broker LYNX

SPAC ist die Abkürzung für „Special Purpose Acquisition Company“. Das bedeutet, dass eine Person oder Gruppe als eine Art „Mantelgesellschaft“ an die Börse geht und dadurch Geld bei Anlegern einsammelt, um mit diesem Geld ein nicht börsennotiertes Unternehmen zu kaufen und es in diesem „Mantel“ dann an die Börse zu bringen. D.h. zuerst fließt Geld. Dann erst wird entschieden, welches Unternehmen gekauft wird, denn das ist ja abhängig davon, wieviel Geld zusammenkommt. Und das muss sich dann erst einmal als guter Kauf erweisen und an der Börse überleben. Kurz: Die Geldgeber kaufen die Katze im Sack.

Dass das mittlerweile in den USA boomt, ist neben dem Anstieg des Zockens auf Pump nicht nur ein weiterer Beleg, dass Gier und Leichtsinn an der Börse aktuell Besonnenheit und Fachwissen ersetzt haben. Es zeigt auch, wie viel Geld in letzter Zeit neu an die Börse geflossen ist. Und dieser Strom ist nun einmal endlich, wodurch der „Notausgang“ in Form von Anlegerkapital, das bereit stünde, um im Fall abwärts drehender Kurse den Abstieg mit Käufen aufzuhalten, sukzessiv kleiner wird.

Fazit: Optimist sein ist gut … wenn man es auf sich selbst bezieht!

Und vergessen wir nicht, was alles an Geld in die Kryptowährungen wandert. Da muss man sich in der Tat fragen: Wie viel freies Kapital wartet noch auf seinen Einsatz, wie viel ist längst im Markt drin? Wobei man nicht einfach mit dem insgesamt grundsätzlich vorhandenen Vermögen der Menschen rechnen kann. Denn egal, wie irre eine Boomphase ist: Es wird immer viele geben, die von Aktien die Finger lassen, die ihr Geld in Anleihen oder Gold belassen, auf andere Bereiche wie Gemälde, Münzen etc. ausweichen oder auch einfach eine große Barreserve für Anschaffungen halten wollen oder müssen. Wann genau das Boot voll ist, weiß niemand. Und ja, solange es nicht kentert, kann man gerne dabei bleiben. Wichtig ist nur eines:

Im Gegensatz zu den (aus eigener Erfahrung unglaublich vielen) völlig Ahnungs- und Arglosen muss man wissen, was da läuft. Man muss verstehen, dass Kursgewinne nur Buchgewinne sind, dass eine Hausse frisches Geld und immer noch weitere neue Anleger braucht, um weiterzugehen und dass die letzten, die ins Boot einsteigen, auch diejenigen sind, die „ganz oben“, zu extrem hohen Kursen, kaufen.

Man muss wissen, dass die Börse keine exakte Wissenschaft ist, dass man das Verhalten der Menschen nicht vorhersagen kann, weil Emotionen und nicht Computer das Tun bestimmen.

Wenn man das weiß, hat man alles, was man braucht, um aus dem Boot heraus zu sein, bevor es kentert und, wenn man womöglich Short geht, sogar in einem brandneuen Boot zu sitzen. Dann kann man in der Tat grundsätzlich Optimistisch sein. Aber nicht in der Form, dass man ohne Ahnung, aber mit viel Hoffnung und Gier „optimistisch“ wäre, dass die Kurse immer höher steigen. Sondern man darf optimistisch sein, genug zu verstehen, um auch dann das Richtige zu tun, wenn die meisten anderen die Kontrolle verlieren!

Ich wünsche Ihnen eine erfolgreiche Börsenwoche!

Ihr

Ronald Gehrt

* Charts vom 02.07.2021, marketmaker pp4

Wenn die Börsen auch dort Schlagzeilen machen, wo sie normalerweise kein Thema sind, wenn die Aktienmärkte rasant von einem Rekord zum nächsten steigen und es heißt, dass die Anleger noch nie besserer Stimmung waren, erhöhen erfahrene Investoren nicht ihre Long-Exposition und lehnen sich entspannt zurück. Sie werden unruhig – und das zu Recht. Die Disziplin, die sich mit den Tücken der Marktstimmung befasst, nennt sich „Behavioural Finance“. Die heutige Kolumne bietet eine kurze Zusammenfassung dessen, was Sie darüber wissen sollten.

Wer sich der Börse in der Erwartung nähert, hier klare Parameter vorzufinden, anhand denen man einschätzen kann, wann es an der Zeit ist zu kaufen oder auszusteigen, wird schnell an einem Faktor verzweifeln: am Verhalten der Anleger. Sie sind der Filter zwischen den Fakten in Form von Konjunkturdaten, Unternehmensbilanzen oder Zinsveränderungen und den Kursen selbst.

Es ist schon knifflig, aus der Flut der Daten, die die Rahmenbedingungen liefern, die Konjunkturentwicklung der kommenden Monate zu prognostizieren, denn es tauchen immer wieder unvorhergesehene Einflussfaktoren auf, die eine Prognose auf den Kopf stellen. Corona ist da ein gutes, beileibe aber nicht das einzige Beispiel in der Börsengeschichte. Aber wenn es darum geht einzuschätzen, was die Anleger als diejenigen, die mit ihren Kauf- und Verkaufsentscheidungen zwischen den Fakten und der Kursentwicklung stehen, tun, da wird der alte Spruch nur umso wahrer: Die Börse ist keine exakte Wissenschaft. Den „homo oeconomicus“, der über alle Fakten verfügt und konsequent entsprechend der Logik handelt, gibt es nicht. Das gilt für die Vergangenheit und auch für die Börse aktuell.

Wissen, was nicht geht

Doch so ganz blind ist man auch in Sachen Anlegerverhalten, dem „Behavioural Finance“, nicht. Man muss nur mit der nötigen Demut an die Sache herangehen und sich darüber im Klaren sein, dass der Mensch nicht durch Formeln in ein berechenbares Verhalten zu pressen ist. Nicht als Masse, nicht als Individuum. Man muss sich diesem Ansatz des „Behavioural Finance“ deshalb nähern, indem man versteht, was er nicht kann: Das zukünftige Anlegerverhalten sicher vorherzusagen. Vom Timing mal ganz zu schweigen. Aber:

Wenn man das erkennt, ist man schon einmal viel weiter. Man versteht, dass nicht die Konjunkturdaten oder die Notenbanken, sondern die emotional getriebenen Menschen die Kurse bewegen und damit die Trends „machen“. Und dass man genau deshalb an der Börse immer, ob man nun kauft oder verkauft, Entscheidungen in der Ungewissheit ihrer Richtigkeit treffen muss. Denn was die wilde Hatz, die gestern die Kurse durch die Decke trieb oder in Grund und Boden verkaufte, morgen tun wird, ist schwer … oder besser: gar nicht … prognostizierbar. Das mag jetzt für viele weniger erfahrene Anleger ziemlich schwach und/oder demotivierend klingen, ist es aber nicht:

Zu wissen, was nicht geht, ist ein entscheidender Schlüssel zum Erfolg!

Wie Anleger „ticken“

Das Anlegerverhalten ist vor allem von Emotionen bestimmt: Den eigenen Erwartungen und Hoffnungen, die wiederum immer direkt mit dem eigenen Depotbestand zusammenhängen. Und von der daraus resultierenden Filterung der einlaufenden Informationen. Man neigt dazu, Nachrichten, die entsprechend der eigenen Markterwartung günstig sind, in ihrer Relevanz zu überhöhen und negative, sprich „unpassende“ Nachrichten kleinzureden oder gar komplett auszublenden. Was dabei herauskommt, ist ein rein subjektives Bild der Lage. Und dieses subjektive, von den eigenen Ansichten verzerrte Bild ist es, das die Akteure zu Aktionen veranlasst. Wer könnte, wenn er ehrlich zu sich selbst ist, behaupten, selten oder nie so gedacht und gehandelt zu haben?

Das bedeutet, dass es zwar ohne Zweifel sinnvoll ist, die tatsächliche Lage zu kennen. Aber eben weil es diesen objektiv handelnden „homo oeconomicus“ nicht gibt, sind es die Emotionen der Anleger, an denen man ansetzen muss. Man muss verstehen, wie die Anleger gerade ticken, wenn man den Markt „erfühlen“ will.

Die „großen Adressen“ müssen den Emotionen der Masse folgen

Einschränkend gilt es hervorzuheben: Dem großen Lager der emotional handelnden Akteure stehen die computergesteuerten Handelsprogramme der großen Adressen gegenüber, die grundsätzlich auf Basis von chart- und markttechnischen Faktoren agieren und über die Jahre immer mehr Anteil am Börsenumsatz erlangen. Aber sie irritieren normalerweise nur auf der ganz kurzfristigen Ebene. Da dominieren sie … aber was den übergeordneten Trend angeht, sind es die Emotionen der breiten Masse, die die Richtung vorgeben.

Auch, weil z.B. eine sehr zuversichtliche Anlegerschaft regelmäßig Geld in den Aktienmarkt pumpt, das zu einem großen Teil bei den großen Adressen wie Fonds oder ETFs landet, die keine andere Wahl haben, als dieses zufließende Kapital zeitnah anzulegen. Sie sitzen daher im selben Boot, egal, ob die Experten dort besorgt die Stirn runzeln oder nicht. Solange der Strom des Geldes weiter fließt, ist ein Aufwärtstrend normalerweise robust.

Warum die Stimmung zum Kontraindikator werden kann

Eine grundsätzlich optimistische Stimmung der Mehrheit der Anleger ist daher eine tadellose Vorlage für weiter steigende Kurse. Die Sache ist indes wackliger, wenn sich dieser Optimismus gegen negative Rahmenbedingungen stemmt und nur das unterbewusste Ausblenden der „bad news“ die gute Stimmung aufrechterhält. Denn da kann es jederzeit sein, dass das Maß voll ist, die Last negativer Einflüsse so groß wird, dass die Akteure sie eben doch wahrnehmen und reagieren. Aber es kann lange dauern, bis das passiert … was auch der Grund ist, warum gerade Aufwärtstrends oft viel länger anhalten, als man das angesichts der Gesamtsituation der Wirtschaft vermuten würde … wenn man den Aspekt der „Behavioural Finance“ nicht berücksichtigt.

Kritisch wird es aber dann, wenn die Stimmung extrem positiv (oder in einer Baisse extrem negativ) wird. Der Grund ist eigentlich einfach, man muss nur darauf kommen – was übrigens für alles in der „Behavioural Finance“ gilt:

Der alte Börsenspruch „die Stimmung ist am Hoch am besten“ trifft den Nagel dabei auf den Kopf. Wer wäre denn bullisch und hätte zugleich sein Geld auf dem Konto belassen oder wäre sogar Short? Niemand. Und daraus lässt sich ableiten: Je mehr und je extremer die Anleger bullisch sind, sprich mit weiter steigenden Kursen rechnen, desto mehr sind eben auch schon investiert – und das meist voll. Daher rückt in solchen Situationen der Zeitpunkt näher, an dem dem Markt die Käufer ausgehen. Es beginnt die Phase, in der die „SE-Bullen“ zu zahlreich werden.

Das große Fragezeichen: Die Zahl der „SE-Bullen“

„SE“ ist die Abkürzung für „someone else“. Gemeint sind Anleger, die längst bis über die Halskrause investiert sind und deswegen, natürlich, mit weiter steigenden Kursen rechnen. Nicht, weil die Marktlage das hergeben würde, das wird meist gar nicht hinterfragt. Sie rechnen damit, weil sie noch mehr Gewinn erzielen wollen: Ihr Depotbestand bestimmt ihre Erwartungen. Aber da sie längst voll dabei sind, müssten andere kaufen, um ihre Positionen tiefer in die Gewinnzone zu tragen, also „somenone else“. Ist die Zahl dieser Akteure zu groß, kann das aber nicht funktionieren, es sind einfach zu wenige Käufer übrig. Und das ist der Moment, in dem es knifflig wird. Der Haken dabei:

Ob der Optimismus bereits gefährlich hoch ist und dabei die Zahl der „SE-Bullen“ einen brenzlig hohen Anteil hat, ist nur grob zu erahnen. Denn ja, natürlich werden regelmäßig Umfragen durchgeführt, die genau das ermitteln sollen. Aber die sind nicht wirklich zuverlässig, aus mehreren Gründen:

Zunächst erreichen solche Umfragen fast nur erfahrene Investoren, die sich mit der Materie Börse intensiv auseinandersetzen und nicht die unerfahrenen Akteure, deren Stimmungslage und Investitionsgrad zu ermitteln besonders wichtig wäre. Zum anderen kann niemand wissen, wie viele, die nicht nur von der Umfrage erreicht werden, sondern auch teilnehmen, die Wahrheit sagen. Denn wer weiß, dass eine zu gute Stimmung ein Kontraindikator ist und zugleich will, dass die Kurse weiter steigen, verkleidet sich bei solchen Umfragen gerne als „Bär“, um seinen Teil beizutragen, damit eben kein überhitzter Optimismus ermittelt wird.

Die Experten haben auch keine Glaskugel

Wirklich sicher sagen kann man also nie, ob ein Trend noch solide ist, weil ein moderater Optimismus mit der nötigen Portion Vorsicht die Grundlage für noch länger anhaltende Käufe bildet – oder aber zu viele längst zu hoch investiert sind. Aber es gibt doch den einen oder anderen Indikator, den man dahingehend im Auge behalten sollte. Zuerst aber zu einem, von dem man glauben könnte, dass er besonders zuverlässig wäre … und der genau das nicht ist: die Meinungen der Experten.

Börse aktuell: Vergleich der Entwicklung Dow Jones mit der Expertenstimmung von 2014 bis 2021 | Online Broker LYNX

Wenn man sich vorstehenden Vergleich zwischen dem Verlauf des Dow Jones und dem Anteil bullisch gestimmter Experten ansieht, könnte man denken, dass deren Einschätzung tadellos ist, denn die beiden Linien laufen ziemlich parallel. Das Problem offenbart sich, wenn man genauer hinschaut, indem man sich einen kurzfristigeren Zeitraum genau anschaut:

Börse aktuell: Vergleich der Entwicklung S&P 500 mit dem Anteil bullischer Experten von 2019 bis 2021 | Online Broker LYNX

Hier sehen wir, dass es durchaus auffällige Diskrepanzen gibt. So hat das Stimmungstief bei den Experten im Frühjahr 2020 deutlich hinter dem Wendepunkt des US-Aktienmarkts nach oben gelegen. Und aktuell bröckelt der Optimismus der Experten ab, der Aktienmarkt steigt aber einfach weiter. Woran liegt das?

Einfach daran, dass auch diese Experten nicht imstande sind, in die Köpfe der Anleger hinein zu sehen. Sie können dieses unberechenbare Element zwischen Daten und Kursen eben nicht greifen. Dass die Experten der Wende im März 2020 hinterherliefen lag daran, dass diese Wende nicht mit einer Verbesserung der Lage einherging. Es waren zuerst Eindeckungen, dann Hoffnungskäufe … aber die Daten an sich gaben diese Rallye eben damals nicht her.

Derzeit werden die Experten skeptischer, weil sie sehr wohl die Gefahr erkennen, die von einer Schuldenblase mit einer zeitgleich ausufernden Inflation ausgeht. Aber die meisten Anleger können oder wollen diese Gefahr an der Börse aktuell nicht sehen – und kaufen weiter.

Aber es gibt durchaus einige Daten, die andeuten, ob das Boot der Bullen bereits übervoll ist, dem Markt über kurz oder lang die Käufer ausgehen könnten und ob der Aktienmarkt die Realität zu sehr ausblendet. Drei Beispiele:

Indikationen, die man im Auge behalten sollte

In Sachen Realitätsbezug ist es definitiv so, dass die großen Investoren am Anleihemarkt grundsätzlich erfahrener und besonnener agieren und die Rahmenbedingungen engmaschiger in ihr Handeln einbeziehen als die Masse der Anleger am Aktienmarkt. Daher ist es immer gut, sich bei haussierenden Aktienmärkten anzusehen, ob diese Risikobereitschaft auch bei den Anleihen existiert. Wenn nicht, wird es Zeit, mit offenen Augen zu schlafen. Eine gute Indikation für den Grad der Risikobereitschaft bei den Bonds ist der „Barron’s Confidence Index“.

Börse aktuell: Entwicklung Barron’s Confidence Index zur Abschätzung der Risikobereitschaft von 2005 bis 2021 | Online Broker LYNX

Dieser Index der US-Börsenzeitschrift „Barron’s“ indiziert die Differenz zwischen den Renditen erstklassig bewerteter US-Anleihen und solchen mit nur mittlerer Bonität. Wenn die Differenz der Renditen zwischen diesen beiden Bonitäten geringer wird, lässt das „Risikohunger“ erkennen, d.h. dann kaufen die Akteure gerne höher verzinste, dafür aber riskantere Anleihen, weil sie das höhere Gewinnpotenzial über das höhere Risiko stellen. In solchen Fällen würde der Index nahe bei 100 liegen. Sie sehen: Das war zwar vor der Corona-Krise der Fall, aber seither agiert man mit deutlich höherer Vorsicht, sprich geringer Risikobereitschaft. Während man am Aktienmarkt seit über einem Jahr „all in“ auf Hausse spekuliert, ist die Vorsicht am Anleihemarkt geblieben. Diese Divergenz ist ein Warnsignal.

Auch wichtig ist ein Blick auf das Volumen der „Margin Debt“, d.h. der Kredite, die aufgenommen wurden, um als Sicherheitsleistung für Derivate-Geschäfte zu dienen. Diese Börsenkredite schrauben sich immer höher, wobei auffällt:

Börse aktuell: Entwicklung der US-Kredite zur Hinterlegung von Sicherheitsleistungen im Derivatebereich von 1985 bis 2021 | Online Broker LYNX

In jeder Krise krachen diese Kredite dann zwar ruckzuck weg, weil den Zockern die Sicherheit in Form ihrer Derivate-Trades wegschmilzt, aber nach jeder dieser Einbrüche ging es früher und steiler wieder nach oben mit diesem Symbol der Risikobereitschaft. Diese derzeit wie eine Fahnenstange steigenden Kredite deuten an, dass der Grad des Leichtsinns mittlerweile immens hoch ist. Und je höher diese Kredite, desto dünner ist das Eis, wenn die Kurse kippen sollten. Denn diese Zocker haben gerade wegen der auf Kredit laufenden Sicherheiten keine Chance, einen größeren Rücksetzer auszusitzen: Die müssen dann verkaufen und würden damit den Druck massiv erhöhen. Zum Vergleich: Vor dem Crash 1929 lag das Volumen der Margin Debt bei ca. acht Milliarden US-Dollar. Heute hat ein US-Dollar zwar nur noch ein Zehntel der Kaufkraft von damals. Aber die Börsenkredite liegen nicht zehn- sondern über hundertmal höher.

Das letzte Beispiel für Daten, die man immer beobachten sollte, ist das Verbrauchervertrauen. Normalerweise gibt es zwischen dem Verbrauchervertrauen und dem Aktienmarkt eine enge Korrelation, die auch durchaus logisch ist:

Börse aktuell: Vergleich der Entwicklung S&P 500 mit dem US-Verbrauchervertrauen von 1995 bis 2021 | Online Broker LYNX

Sind die Verbraucher guter Dinge, heißt das: Sie haben gute Jobs, verdienen gut, sind hinsichtlich der der Zukunft optimistisch. Ist das so, ist man normalerweise auch gegenüber den Chancen am Aktienmarkt optimistisch. Doch da sehen wir jetzt eine bemerkenswerte Divergenz. Zwar hat sich das hier gezeigte US-Verbrauchervertrauen von den Tiefs im Frühjahr 2020 spürbar erholt, liegt aber noch lange nicht auf dem Niveau, das wir vor der Corona-Krise gesehen hatten. Der Aktienmarkt aber ist bereits weit über diesen Level hinaus geschossen. Das deutet an, dass da an der Börse aktuell nicht unbedingt die Breite der Bevölkerung hinter der Super-Hausse steht – auch das ist ein Warnsignal.

Behavioural Finance und Timing

So wichtig es ist zu erforschen, wie die Anleger ticken, wie viel Substanz hinter einer Hausse (oder einer Baisse, klar) steht: Hier werden positive oder negative Indizien generiert, keine absoluten Kauf- oder Verkaufssignale. Schieflagen können sich lange hinziehen, so dass jemand, der alleine auf Basis von Behavioural Finance agiert, schnell verzweifeln kann. Es geht nur darum zu erkennen, wann es an der Zeit ist, besonders vorsichtig und wachsam zu sein. Was hier und heute in jedem Fall gilt. Aber:

Das konkrete Timing für den Ausstieg oder auch nur das Signal, Positionen auf der Long-Seite nicht mehr auszubauen, sollte man aus einem Pool an Werkzeugen ermitteln. Keine Lehre, sei es die Fundamentalanalyse, Behavioural Finance, die Charttechnik oder die Markttechnik, ist unfehlbar und würde alleine ausreichen, um erfolgreich zu agieren. Nutzen Sie, was Sie bekommen können, um sich zu orientieren … wobei die unmittelbaren Signale, die Segel zu setzen oder aber zu reffen, vor allem von der klassischen Charttechnik in Kombination mit der Candlestick-Analyse kommen.

Ich wünsche Ihnen eine erfolgreiche Börsenwoche!

Ihr

Ronald Gehrt

* Charts vom 24.06.2021, marketmaker pp4