Bilanzierungsfehler, interne Kontrollmängel, Abschreibungen von mehr als 200 Millionen Euro und eine gekappte Prognose. Jetzt ist guter Rat teuer.
Das ist nicht mehr normal.
Dass es an der Börse ständig zu größeren Kursausschlägen kommt, ist man als Börsianer gewohnt. Dass es aber nahezu jeden Tag und in jedem Index der DAX-Familie mehrere Aktien gibt, die entweder 5 – 8 % steigen oder einbrechen, ist ungewöhnlich.
Siemens Energy legt heute beispielsweise um 5 % zu, die Commerzbank bricht fast um 5 % ein. Im MDAX legt Wacker Chemie um 6 % zu, Flatex bricht um fast 6 % ein. Im TecDAX wüten vor allem die Bären. Mit einem Kurssturz von 5 % bei Ottobock ist die Lage aber fast schon ruhig.
Unter den SDAX-Titeln geht es jedoch besonders wild zu. Schott schießt um 8 % in die Höhe, Verbio sogar um fast 12 %.
Im Gegenzug stürzt Gerresheimer um 27 % ab, zeitweise lag das Minus sogar bei 30 %.
In dieser Häufung sind derartige Kursschwankungen nicht normal. Das gilt umso mehr, wenn man sich vergegenwärtigt, dass sich in den deutschen DAX-Inidizes lediglich 160 Aktien befinden.
Es ist schlichtweg nicht möglich, dass sich die fundamentale Lage jeden Tag bei einem Dutzend davon nachhaltig ändert.
Die meisten der angesprochenen Kursausschläge wurden von Kinkerlitzchen verursacht.
Nehmen wir beispielsweise Wacker Chemie. Die Aktie legt seit zwei Tagen deutlich zu, weil sich Goldman Sachs positiv zum Sektor geäußert hat und weil es heute ein Upgrade durch Berenberg gab.
Erneut Bilanzierungsfehler festgestellt
Bei Gerresheimer gab es hingegen handfeste Gründe, die die vorherrschende Unsicherheit erklären. Der Düsseldorfer Spezialverpackungshersteller hat die Börse mit äußerst unerfreulichen Neuigkeiten überrascht.

Das Unternehmen musste bereits zum zweiten Mal die Vorlage des Jahres- und Konzernabschlusses 2025 verschieben. Der Grund sind interne Untersuchungen, die Unregelmäßigkeiten bei der Rechnungslegung zutage gefördert haben.
Neben dem Abschlussprüfer wurde eine zweite Wirtschaftsprüfungsgesellschaft eingeschaltet, um die Vorgänge rund um die Umsatzerfassung und Vorratsbewertung in den Jahren 2024 und 2025 aufzuarbeiten.
Nach bisherigen Erkenntnissen haben einzelne Mitarbeitende gegen interne Richtlinien und gegen IFRS-Vorgaben verstoßen. Im Fokus stehen vor allem Erlöse, die im Rahmen von Bill-and-Hold-Geschäften verbucht wurden, sowie die Bewertung von Lagerbeständen. Für 2024 ergibt sich daraus voraussichtlich ein Korrekturbedarf von rund 35 Millionen Euro beim Umsatz und etwa 24 Millionen Euro beim bereinigten EBITDA.
Rutscht Gerresheimer in die roten Zahlen?
Auch Buchungen aus 2025 müssen angepasst werden. Erste personelle Konsequenzen wurden bereits gezogen, organisatorische Maßnahmen sollen die Kontrollen verschärfen.
Die Prognose für 2025 wird deutlich nach unten revidiert. Der Umsatz dürfte am oberen Ende der bislang kommunizierten Spanne von minus zwei bis minus vier Prozent schrumpfen, möglicherweise sogar etwas stärker.
Noch gravierender ist der Margendruck. Die bereinigte EBITDA-Marge soll nur noch zwischen 16,5 und 17,5 Prozent liegen, nachdem zuvor 18,5 bis 19,0 Prozent in Aussicht gestellt wurden.
Beim bereinigten Ergebnis je Aktie rechnet das Management mit einem Rückgang im hohen zweistelligen Prozentbereich. Selbst ein negatives Ergebnis je Aktie kann nicht ausgeschlossen werden.
Abschreibungen in dreistelliger Millionenhöhe
Hinzu kommen umfangreiche Wertminderungen. Nach aktuellen Impairment-Tests erwartet Gerresheimer nicht zahlungswirksame Abschreibungen von 220 bis 240 Millionen Euro. Betroffen sind vor allem Technologie- und Entwicklungsprojekte der Schweizer Tochter Sensile Medical sowie Vermögenswerte des US-Standorts Gerresheimer Moulded Glass in Chicago.
Das Werk in Chicago Heights soll im Zuge einer Transformationsinitiative bis Ende 2026 geschlossen werden.
Um die Kapitalstruktur zu stabilisieren, hat das Unternehmen den Verkaufsprozess für die US-Tochter Centor gestartet. Das Interesse potenzieller Käufer sei hoch, der Abschluss sei noch in diesem Jahr geplant. Der Schritt soll Liquidität schaffen und Spielraum für die weitere Neuausrichtung eröffnen.
Trotz der aktuellen Turbulenzen blickt das Management auf 2026 mit vorsichtigem Optimismus. Nach einem wohl noch schwachen ersten Halbjahr werden Umsätze zwischen 2,3 und 2,4 Milliarden Euro in Aussicht gestellt.
Die bereinigte EBITDA-Marge soll wieder auf 18 bis 19 Prozent steigen, der Free Cashflow moderat positiv ausfallen.
Fazit:
Gerresheimer steckt in einer handfesten Vertrauenskrise. Bilanzielle Korrekturen, hohe Abschreibungen und eine deutlich gesenkte Prognose belasten Ergebnis, Bilanz und Reputation zugleich.
Gleichzeitig hat das Unternehmen aber auch operative Probleme. Ein freier Cashflow, der bestenfalls knapp über der Null-Linie liegen wird, ist wenig überzeugend.
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