EUR.USD aktuell Euro/US-Dollar: Ist das wirklich schon die Wende?

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Der Anstieg des Euro zum US-Dollar ist an prominenter Stelle erst einmal beendet worden. Der langfristige Chart auf Monatsbasis zeigt, dass Euro/US-Dollar zwar per Ende August knapp über der übergeordneten, im Jahr 2008 etablierten Abwärtstrendlinie schloss, dann aber im Verlauf des Septembers nicht über die Widerstandszone 1,1876/1,2042 US-Dollar hinauskam, die sich aus den Jahrestiefs 2010 und 2012 zusammensetzt. Sollte der Euro nicht noch in den verbleibenden fünf Handelstagen dieses Monats deutlicher wieder anziehen, würde das Währungspaar den Monat unterhalb dieser Widerstandszone beenden und damit aus rein charttechnischer Sicht wieder Luft nach unten haben.

Es geht am Devisenmarkt zwar oft und auf Intraday-Ebene sogar schwerpunktmäßig um die Charttechnik. Aber gerade bei Euro/US-Dollar spielen auch die Politik und die Notenbanken eine immense Rolle. Und da stellt sich die Frage, ob diese beiden Einflussfaktoren einen deutlicheren Abwärtsimpuls des Euro derzeit unterstützen würden. Zwar könnte man unterstellen, dass die Bemerkung von EZB-Chefin Lagarde im Zuge der letzten EZB-Sitzung, dass weitere Zinssenkungen nicht ausgeschlossen seien, ein Argument für einen schwächeren Euro wäre. Ebenso ließe sich der Umstand, dass die US-Notenbank sich in ihrer jüngsten Sitzung in der vergangenen Woche nicht zu unmittelbaren, weiteren Maßnahmen entschlossen hat, als Grund für einen wieder anziehenden US-Dollar sehen. Aber die Forex-Trader reagieren gemeinhin auf neue Argumente sofort und nicht mit mehreren Tagen Zeitverzögerung.

Euro/US-Dollar: Tages-Chart vom 23.09.2020, Kurs 1,1672 US-Dollar, Kürzel EUR.USD | Online Broker LYNX

Und Sie sehen im Chart auf Tagesbasis, dass der Euro erst zu Beginn dieser Woche abzurutschen begann und dadurch ein Topp vollendete, und nicht unmittelbar nach den beiden Notenbanksitzungen in der vorletzten (EZB) und letzten (Fed) Woche. Daher darf man den Verdacht hegen, dass hier vor allem charttechnische Erwägungen Basis dieser Bewegung waren. Und das hieße: Diese Euro-Schwäche könnte eine reine Gegenbewegung auf Trading-Ebene sein und nicht die große Abwärts-Wende.

Den aktuellen Kurs und Chart des Währungspaars EUR.USD und historische Wechselkurse finden Sie hier.

Zumal die politische Ebene momentan nicht dafür spräche, dass der Euro wieder allzu deutlich zurückkommt. Wer die schwächere Währung hat, hat Vorteile beim Export. In einer derart kritischen wirtschaftlichen Gemengelage ist das ein äußerst wichtiger Aspekt – und da wirken die USA weitaus entschlossener, ihre Währung schwach zu halten als die Eurozone, zumal die EZB zuletzt noch einmal unterstrich, dass eine Steuerung des Euro in keiner Weise zu ihren Aufgaben gehört.

Daher wäre es im Augenblick noch gewagt, eine mittelfristig relevante Abwärtswende der Euro/US-Dollar-Relation bereits als ausgemachte Sache anzusehen, nur, weil der Kurs voraussichtlich per Ende September an dieser Widerstandszone 1,1876/1,2042 US-Dollar nach unten abgewiesen wird. Erst müsste das Währungspaar auch mittelfristig bedeutsame Unterstützungen brechen, bevor ich dem Braten trauen würde, konkret wären dies das Hoch vom März bei 1,1499 und das Hoch vom Juni bei 1,1422 US-Dollar.

Euro/US-Dollar: Monats-Chart vom 23.09.2020, Kurs 1,1672 US-Dollar, Kürzel EUR.USD | Online Broker LYNX

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Ronald Gehrt, Chart- & Fundamentalanalyst | LYNX Börsenexperten
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Vorherige Analysen von EUR.USD

Wenn sich ein sogenannter „Währungskrieg“ abspielt, indem eine Währung gezielt gedrückt wird, wagen kein Politiker und kein Notenbanker, darüber zu reden. Denn allgemein wird nach außen hin ja propagiert, dass eine starke Währung der Beleg für eine stabile, wachsende und für ausländische Investoren attraktive Wirtschaft sei. Was zwar auch richtig ist, aber eine schwache Währung hat die kurzfristig größeren Vorteile: Sie erleichtert den Export, weil bei Verkäufen im Ausland dadurch beim Rücktausch in die eigene Währung mehr erlöst wird.

Dass Washington darauf setzt, wird zwar hinter vorgehaltener Hand gemunkelt. Aber natürlich kann man politisch selten gezielt darauf hinwirken, dass eine Währung unter Druck gerät. Über 90 Prozent der täglichen Transaktionen am Devisenmarkt sind sehr kurzfristiges Trading. Und die Macht, die die großen Adressen am Devisenmarkt mit ihrem erdrückenden Umsatzanteil im Trading-Bereich ausüben, ermöglicht es diesen Akteuren, sich nicht vor politischen Statements dreinreden zu lassen. Es sei denn, sie gewinnen den Eindruck, dass dahinter wirkliches Engagement steckt. Kompromissloses Erzeugen von Billionen nicht durch Wertschöpfung gedeckter US-Dollars ist so ein Engagement, das die Akteure beeindruckt.

Euro/US-Dollar: Tages-Chart vom 10.09.2020, Kurs 1,1812 US-Dollar, Kürzel EUR.USD | Online Broker LYNX

Daher mag die US-Wirtschaft sich angesichts des starken und damit in Hinblick auf den Euro zum US-Dollar teurer werdenden Euros die Hände reiben, aber dieser Abwärtstrend des US-Dollars, sprich der Aufwärtstrend des Euro/US-Dollar-Kurses, ist weniger in Washington gemacht als durch die Antwort auf die Frage, wer seine Währung am hemmungslosesten durch das Aufblähen der Geldmenge entwertet. Verbunden mit der Frage, wie effektiv solche Maßnahmen sind, denn sind sie es nicht, wäre mit noch mehr Billionen, noch niedrigeren Zinsen und womöglich auch mit einem Exodus ausländischer Unternehmen und Investoren aus dem betreffenden Währungsraum zu rechnen. In diesem Fall aus dem Dollar-Raum.

Dass sich gestern nach der EZB-Pressekonferenz keine wesentliche Veränderung der Lage bei Euro/US-Dollar ergab, war keine allzu große Überraschung. Denn natürlich betonte EZB-Chefin Lagarde, was ihre Vorgänger in vergleichbaren Situationen ebenso festhielten: Die Bewegungen des Euro zu anderen Währungen zu beeinflussen ist nicht Aufgabe der EZB. Das trieb den Euro zwar kurzzeitig wieder höher, aber momentan bleibt es auf kurzfristiger Ebene bei einer Toppbildung. Der Euro könnte vor allem deshalb erst einmal abgefangen worden sein, weil Lagarde auch erwähnte, dass weitere Zinssenkungen (ob beim Einlagensatz oder dem Tendersatz, sei dahingestellt) denkbar seien, wenn die Situation das erfordern sollte.

Aber nennenswert unter Druck brachte das den Euro zum US-Dollar eben auch nicht. Und selbst wenn die momentan bei 1,1780 US-Dollar verlaufende Mai-Aufwärtstrendlinie gebrochen und damit ein kurzfristiges Topp vollendet würde: Der langfristige Chart zeigt, dass sich Euro/US-Dollar in der entscheidenden, langfristigen Widerstandstone 1,1876/1,2042 US-Dollar festgebissen hat. Da müsste der Kurs schon deutlich nach unten herauslaufen, im Idealfall unter das März-Hoch bei 1,15 rutschen, bevor hinsichtlich eines weiteren, den Eurozone-Export bremsenden Euro-Anstiegs Entwarnung gegeben werden könnte. Und davor steht der 16. September.

Denn dann zieht seitens der Notenbanken die Gegenseite nach. Dann wird die US-Notenbank mitteilen, wie man dort dem Problem begegnen wird, dass sich die Indizien verdichten, dass die Gegenbewegung auf den Konjunktureinbruch deutlich zu früh zu verflachen droht. Seitens der EZB verlegte man sich gestern erst einmal auf das Beobachten. Würde man bei der „Fed“ weitere Maßnahmen bekanntgeben bzw. erneut aktiver und kompromissloser erscheinen, wäre das eine Basis dafür, den US-Dollar weiter zu drücken. Diese „Fed“-Entscheidung am Mittwoch kommender Woche könnte somit der Funke sein, der den Euro/US-Dollar-Kurs über diese Widerstandszone 1,1876/1,2042 US-Dollar hinausträgt. Und würde das passieren, wäre ein zügiger Anlauf an das 2018er-Hoch bei 1,2556 US-Dollar pro Euro eine greifbare Perspektive für die nächsten Wochen.

Euro/US-Dollar: Monats-Chart vom 10.09.2020, Kurs 1,1812 US-Dollar, Kürzel EUR.USD | Online Broker LYNX

Der Bereich 1,1876 zu 1,2042 US-Dollar ist eine immens massive, bis zu zehn Jahre zurück reichende Widerstandszone, die zudem noch durch die übergeordnete Abwärtstrendlinie verstärkt wird, deren Ursprung ins Jahr 2008 zurückreicht. Diese Abwärtstrendlinie hat die Euro/US-Dollar-Relation Ende August schon knapp überboten, jetzt machen sich die Euro-Bullen daran, diese Zone ganz zu bezwingen. Bis 1,2011 US-Dollar lief der Kurs am Dienstag schon. Der wird da doch nicht etwa nach oben ausbrechen?

Für die Eurozone wäre das äußerst ungut, die US-Unternehmen hingegen würden sich die Hände reiben. Denn es mag ja sein, dass eine starke Währung ein Symbol dafür ist, dass internationale Investoren dem jeweiligen Währungsraum mehr zutrauen als dem mit der fallenden Währung, in diesem Fall also den USA. Was momentan auch nachvollziehbar ist, immerhin sind es die USA, die in Sachen Pandemie weiterhin jämmerlich dastehen, das meiste Geld aus dem Hut zauberten und trotzdem nicht den Eindruck erwecken, als habe sich die Wirtschaft wirklich stabilisiert. Aber diese Schwäche des US-Dollars spielt den USA eben am Ende in die Karten, während die Eurozone mit ihrem starken Euro für ihre (relative) Stärke büßen muss. Wo liegt das Problem?

Expertenmeinung: Eine schwächere Währung bringt Exportvorteile. Wenn ein Euro in US-Dollar umgerechnet mehr wert wird, steigt dadurch die Gewinnspanne der US-Unternehmen beim Verkauf von Waren in der Eurozone. Wobei der US-Dollar derzeit nicht nur zum Euro schwächer wird, auch z.B. zum Pfund oder zum Yuan, um nur einige Währungen zu nennen. Diese Abwertung der US-Währung, befeuert durch das Heißlaufen der Notenpresse und durch eine US-Notenbank, die durch das Aufweichen der Inflationszielzone signalisiert, dass sie in Sachen Stabilität erst einmal nicht mehr so genau hinschauen wird, ist genau das, was die USA noch vor kurzem China vorwarfen: Unfaire Vorteile durch eine schwache Währung.

Der Vorteil ist zwar, dass der Import von ja durchweg in US-Dollar fakturierten Rohstoffen dadurch billiger kommt. Aber für Exportnationen wie Deutschland dürfte das den Nachteil der im Ausland teurer werdenden Währung nicht ausgleichen. Diese Entwicklung kann mit ein Grund sein, wieso sich die Schere zwischen dem US-Aktienmarkt und den Börsen der Eurozone derzeit immer mehr weitet. Und sollte Euro/US-Dollar aus dieser Widerstandszone nach oben hinauslaufen, d.h. klar über 1,2042 Euro schließen, könnte sich das sehr deutlich am Aktienmarkt niederschlagen – an der Wall Street positiv, hierzulande negativ. Das nächste Kursziel einer solchen Euro-Hausse wäre dann das 2018er-Jahreshoch bei 1,2557 US-Dollar.

Chart vom 01.09.2020, Kurs 1,1910 US-Dollar, Kürzel EUR.USD | Online Broker LYNX

Am Aktienmarkt baut man vor allem in den USA fleißig weiter Luftschlösser. Dabei ignorieren die Bullen, dass nicht nur die US-Konjunkturdaten die permanenten Ankündigungen der stärksten Wachstumsphase aller Zeiten, die die US-Wirtschaft noch stärker machen werde als zuvor, nicht untermauern. Auch der Umstand, dass Gold und Anleihen stark gesucht bleiben, macht klar, dass keineswegs alle Anleger daran glauben, dass die Lage in irgendeiner Weise im Griff wäre. Und das gilt auch für die Devisentrader. Denn dass der US-Dollar in den letzten Monaten massiv zu Gunsten des Euros unter Wasser geriet, kommt nicht von irgendwoher.

Ob Edelmetall-, Anleihe- oder Devisenmarkt: In diesen Asset-Klassen, die vielen unerfahrenen Anlegern zu „speziell“ scheinen, hat man einen weit nüchterneren Blick auf die Realität. Und die zeigt eine US-Wirtschaft, die gleich von mehreren Seiten ins Kreuzfeuer genommen wird: Von der dort unverändert nicht in den Griff zu bekommenden Corona-Problematik. Von den Problemen, die eine markant gestiegene Arbeitslosigkeit und explodierende Staatsschulden hinsichtlich der Gefahr eines Platzens der Schuldenblase bedeuten. Und von der Politik, die, ob im Weißen Haus oder im Kongress, jetzt mehr aus Wahlkampfaspekten heraus agiert, statt sich unvoreingenommen und schnell den Notwendigkeiten einer bislang vergebens Boden unter den Füßen suchenden den US-Wirtschaft zuzuwenden. Hier erkennt man:

Tageschart vom 17.08.2020, Kurs 1,1869 US-Dollar, Kürzel EUR.USD | Online Broker LYNX

Derzeit wirken die USA im Vergleich zu den anderen beiden großen Wirtschaftsräumen Europa und Asien am schwächsten, was die Fähigkeit angeht, sich am eigenen Schopf aus dem Sumpf zu ziehen. Und das bedeutet: Hier kann der Druck auf Leitzinsen und Anleiherenditen mittelfristig deutlich größer bleiben als andernorts. Und die zumindest derzeit wirr wirkende politische Gemengelage kann von der entschlossen agierenden US-Notenbank nicht kompensiert werden, so dass man in Bezug auf Investitionen in den USA kein so verlässliches Umfeld vorfindet, wie sich große Investoren das wünschen würden. Beide Aspekte sind Argumente für eine schwache Währung. Für eine Währung, die weder seitens der Devisen-Trader so favorisiert wird wie in früheren Jahrzehnten noch seitens der internationalen Investoren als Basiswährung für Investitionen gesucht wäre.

Das sind entscheidende Gründe, warum der US-Dollar zuletzt derart in die Knie ging. Und je nachdem, wie sich die vorgenannten Faktoren in den kommenden Monaten entwickeln, kann die Dollar-Schwäche sich noch intensivieren, der Euro zum Greenback weiter zulegen. Zumal die Währungsrelation seit Ende Juli nicht an Schwung verloren hat, weil diejenigen, die zuvor Euro-Long waren, jetzt auf einmal Zweifel bekommen hätten. Das kurzfristige Wassertreten basiert darauf, dass das Währungspaar einen Widerstandsbereich erreicht hat, wie er kaum massiver sein könnte. Sie sehen das in unserem ganz langfristigen Chart auf Monatsbasis:

Der Kurs ist an den Kreuzwiderstand aus den Tiefs der Jahre 2010 und 2012 sowie der langfristigen, ins Jahr 2008 zurückreichenden Abwärtstrendlinie herangelaufen. Diese Zone liegt zwischen 1,1876 und 1,2042 US-Dollar und ist natürlich für kürzerfristig agierende Trader ein Kursziel. Rein charttechnisch betrachtet mag es da auch einige locken, es mal auf der Short-Seite zu versuchen. Aber erst, wenn der im Tageschart eingezeichnete, im Mai etablierte Aufwärtstrendkanal sowie das Verlaufshoch vom März mit Schlusskursen unter 1,1495 US-Dollar unterboten wäre, würde eine Konstellation vorliegen, in welcher die Chancen der Euro-Bullen spürbar unter Druck geraten. Bis dahin bestünde mit Blick auf die Lage in den USA jederzeit die Möglichkeit, dass die Super-Hürde 1,1876/1,2042 US-Dollar überwunden wird und sich der Exodus aus dem Greenback dann womöglich sogar beschleunigt.

Montatschart vom 17.08.2020, Kurs 1,1869 US-Dollar, Kürzel EUR.USD | Online Broker LYNX

Unser ganz langfristiger Chart der Euro/US-Dollar-Relation auf Monatsbasis zeigt zwei wichtige Aspekte. Zum einen, dass der Juli der stärkste Monat für den Euro seit Jahren war. Zum anderen, dass der Euro zum US-Dollar dadurch an eine äußerst massive, langfristige Widerstandszone herangelaufen ist. Wobei Widerstände zu Wendemarken werden können, aber nie müssen. Was wäre nötig, damit der Euro weiter aufwertet und dadurch diese durch den übergeordneten, 2008 etablierten Abwärtstrend verstärkte Widerstandszone 1,1876/1,2042 US-Dollar, die sich aus den Jahrestiefs 2010 und 2012 zusammensetzt, bezwingt?

International agierende, große Investoren müssten in dem, was sie in den letzten Wochen zum Ausstieg aus dem Greenback und zum Kauf von Euros bewog, bestärkt werden. Nämlich im Eindruck, dass es Europa sein wird, das schneller und nachhaltiger aus der Rezession herauskommen wird. Weil man in Europa nicht nur die Pandemie besser im Griff hat als die USA, sondern auch die besonneneren Entscheidungen trifft, um die Wirtschaft zu stabilisieren.

Expertenmeinung: Und bislang spricht einiges dafür, dass sich eben dieser Eindruck verstetigt. Denn in den USA spielt der Wahlkampf massiv in die Bemühungen hinein, die Lage unter Kontrolle zu bekommen. Dass es am Freitag bis Redaktionsschluss (US-Handelsende) nicht gelang, das seit Wochen verbissen hin und her geschobene, neue Hilfspaket zu verabschieden, ist nur eines von vielen Beispiel dafür, dass die Versuche, die Rezession in den USA zu besiegen, im Wahlkampfgetümmel unterzugehen drohen. Diese Billion US-Dollar, die das Paket umfassen soll, würden sicherstellen, dass die derzeit ca. 17 Millionen arbeitslosen US-Bürger auch ab dem 1. August eine zusätzliche Stütze zur normalen Arbeitslosenhilfe erhalten. Dass man sich selbst bei einer derart essentiellen Maßnahme nicht einig wird, ist bezeichnend. Warum also sollten große internationale Adressen ausgerechnet jetzt dem US-Dollar-Raum als Anlageziel und damit dem US-Dollar als Währung den Vorzug geben?

Denkbar ist natürlich, dass es jetzt, nachdem diese wichtige langfristige Widerstandszone und damit ein übergeordnetes charttechnisches Kursziel erreicht sind, zu Gewinnmitnahmen im Euro kommt und Euro/US-Dollar damit etwas zurücksetzt. Aber ob der Kurs im Vorfeld noch einmal kräftig „durchatmet“ oder den Ausbruch über den Bereich 1,1876/1,2042 US-Dollar direkt angeht: Die Chance, dass der Euro weiter aufwertet, ist derzeit gut. Nächstes charttechnisches Kursziel über diesem Widerstandsbereich wäre dann das 2018er-Hoch bei 1,2556 US-Dollar.

EUR/US-Dollar Chart vom 31.07.2020, Kurs 1,1775 US-Dollar, Kürzel EUR.USD | Online Broker LYNX

Zwölf Jahre währt er bereits, der übergeordnete Abwärtstrend des Euro zum US-Dollar. Doch seit Mai läuft wieder ein Anlauf, diesem langfristigen Siechtum des Euro gegenüber dem Greenback ein Ende zu machen. Und dieser Versuch hätte durchaus Chancen zu gelingen, denn derzeit spricht immer weniger dafür, den US-Dollar als „Fluchtwährung“ im Krisenfall zu wählen. Denn die Krise tobt vor allem dort, in den USA.

Während sich am Aktienmarkt vor allem durch die Hausse der letzten Monate vermehrt unerfahrene Anleger tummeln, sind der Anleihemarkt ebenso wie der Devisenmarkt eine Domäne meist sehr erfahrener Trader, die genauer hinsehen. Und sie erkennen sehr wohl, dass die US-Regierung außerstande ist, die Pandemie einzudämmen. Hinzu kommt, dass die bisherigen Bemühungen, das Wachstum im Eilzugtempo wiederzubeleben, nicht allzu überzeugend wirken. Und sogar „Main Street“, die Menschen auf der Straße, werden langsam unruhig, wie die klar unter Vormonat und den Prognosen ausgefallenen Ergebnisse zum Verbrauchervertrauen, ermittelt von der Universität Michigan, andeuten, die am Freitag veröffentlicht wurden.

Warum also sollten große ausländische Investoren ausgerechnet jetzt im US-Dollar-Raum investieren, fragt man sich. Zu Recht. Der Anleihemarkt hat Rekordkurse erreicht, der Aktienmarkt hat eine Erholung längst in einer Dimension eingepreist, die die Realität voraussichtlich nicht wird bestätigen können. Die politische Führung wirkt planlos, scheint derzeit eher als Bremsklotz denn als Zugpferd zu agieren. Was auch vermuten lässt, dass die Leitzinsen womöglich aus reiner Not heraus weiter gesenkt und damit negativ werden könnten.

Im Gegenzug wirkt Europa geordnet, die EZB behielt am Donnerstag ihren Kurs bei. Die Pandemie ist in weiten Teilen der EU zumindest momentan relativ gut unter Kontrolle. Und auch, wenn man sich unter den Devisen-Tradern darüber im Klaren sein dürfte, dass das Wachstum auch in Europa nicht schnell zurückkehren kann, sieht man doch klare Vorteile für Europa und damit auch für den Euro.

EUR / US-Dollar Chart auf Monatsbasis vom 17.07.2020, Kurs 1,1436 US-Dollar, Kürzel EUR.USD | Online Broker LYNX

Die Konsequenz ist ein anziehender Euro zum US-Dollar. Die Aufwärtsbewegung läuft seit Mitte Mai und hat sich jetzt dem bisherigen Jahres-Verlaufshoch angenähert, das in der chaotischen, ersten Pandemie- und Lockdown-Phase im März bei 1,1496 US-Dollar pro Euro ausgebildet wurde. Solange sich nicht kurzfristig Argumente für den US-Dollar-Raum ergeben würden, ist die Chance hoch, dass diese Hürde genommen wird. Und dann ginge es, womöglich sogar recht zügig, um die mittel- und langfristige Widerstandszone in Form der Jahrestiefs 2010 und 2012 bei 1,1876/1,2042 US-Dollar, wo derzeit auch die übergeordnete, seit 2008 geltende Abwärtstrendlinie verläuft.

Ob der Euro sogar über diese Widerstände hinausgeht, ist derzeit völlig offen. Das wird davon abhängen, ob die Tendenzen vor der US-Wahl im November andeuten, dass die Wahrscheinlichkeit eines neuen Präsidenten im Weißen Haus weiter gestiegen ist. Wäre das so, könnte der Greenback wieder an Stärke gewinnen. Sollte indes das Chos in den USA noch zunehmen, wäre in der Tat ein Anlauf, im Extremfall sogar ein Ausbruch über diese Zone 1,1876/1,2042 US-Dollar denkbar.

EUR / US-Dollar Chart auf Tagesbasis vom 17.07.2020, Kurs 1,1436 US-Dollar, Kürzel EUR.USD | Online Broker LYNX